10/25/2026
Martin Luther
95 Thesen
https://de.wikipedia.org/wiki/95_Thesen
am 31. Oktober
Schlosskirch Wittenberg
1517
Martin Luther
&
Richard Wagner / Cosima Wagner
Die Tagebücher von Cosima Wagner (geführt von 1869 bis zu Richards Tod 1883) gehören zu den bedeutendsten kulturhistorischen Dokumenten des 19. Jahrhunderts. Sie entstanden ursprünglich als ein intimes Vermächtnis für ihre gemeinsamen Kinder, um ihnen die tiefe, skandalumwitterte Liebe zu ihrem Vater zu erklären. In diesen täglichen Aufzeichnungen wird deutlich, wie sehr das Ehepaar Wagner die Abende nutzte, um gemeinsam Weltliteratur, Philosophie und eben intensiv die Schriften von Martin Luther zu lesen.
Hier ist eine detaillierte Einführung in die Art und Weise, wie Cosima diese gemeinsamen Luther-Abende dokumentierte und welche Rolle sie im Hause Wagner spielten.
Das Ritual des gemeinsamen Vorlesens
Die Tagebücher zeigen ein festes Ritual im Hause Wahnfried in Bayreuth: Während Richard Wagner abends oft erschöpft von der Arbeit am Ring des Nibelungen oder Parsifal war, saßen er und Cosima am Kamin, und einer von beiden las laut vor.
Cosima notierte akribisch die Reaktionen ihres Mannes. Richard Wagner war kein passiver Zuhörer, sondern kommentierte Luthers Texte hochgradig emotional – oft mit Ausrufen der Bewunderung über Luthers Sprachgewalt, manchmal aber auch mit tiefen theologischen oder politischen Reflexionen.
Schlüsselpassagen und Themen aus den Tagebüchern
Cosimas Einträge lassen sich in drei thematische Kernbereiche unterteilen, wenn es um Luthers Bücher geht:
1. Bewunderung für Luthers Sprache („Der deutsche Geist“)
Wagner sah in Luther den Schöpfer der modernen deutschen Sprache. Cosima beschreibt am 20. Februar 1870 und in späteren Einträgen der 1870er Jahre, wie Richard von Luthers Briefen und Tischreden fasziniert war.
• Der Tenor der Einträge: Wagner liebte das „Urwüchsige“ und „Kraftvolle“ an Luthers Sprache. Er verglich Luthers derben, aber präzisen Stil oft mit der (in seinen Augen) „verwässerten“ Sprache moderner Zeitungen und Gelehrter seiner Zeit. Für Wagner war Luther das Paradebeispiel des unverfälschten deutschen Künstlers.
2. Luther als Trost und Inspiration für Parsifal
In den späten 1870er und frühen 1880er Jahren – während der Entstehung von Parsifal – verschob sich der Fokus auf Luthers theologische Schriften.
• Januar 1879: Cosima notiert, dass sie Luthers Abhandlungen über den Glauben und die Gnade lesen. Richard äußert dabei Gedanken, die fast eins zu eins in die spirituelle Welt des Parsifal einfließen: Die Idee, dass der Mensch sich nicht durch eigene Werke retten kann, sondern auf reine, göttliche Gnade (Sola Gratia) angewiesen ist. Cosima hält fest, wie tief ergriffen Richard von Luthers Definition des Leidens und der Erlösung war.
3. Die dunkle Seite: Luthers Spätwerk und der Antisemitismus
Die Tagebücher verschweigen auch die düsteren gemeinsamen Lektüren nicht. In den Jahren 1878 und 1881 liest das Paar Luthers späte, von blankem Hass geprägte Schriften gegen die jüdische Bevölkerung (insbesondere Von den Jüden und ihren Lügen).
• Cosimas Notizen: Sie dokumentiert, dass Richard in Luthers aggressivem Antijudaismus eine Bestätigung seiner eigenen, tief sitzenden antisemitischen Vorurteile sah. Wagner nutzte Luthers Autorität, um seine eigenen reaktionären Kulturtheorien in Aufsätzen wie Erkenne dich selbst zu untermauern.
Warum Cosimas Tagebücher so wertvoll sind
Ohne Cosimas Fleiß wüsste die Forschung heute nur halb so viel über Wagners geistige Werkstatt. Ihre Einträge beweisen, dass Martin Luther für Wagner kein Relikt der Vergangenheit war, sondern eine lebendige, tägliche Inspirationsquelle, die er bis zu seinen letzten Lebensmonaten im Jahr 1883 atmete.
Das erste Foto aus
St. Marienkirche Wilhelmshaven
1932