25/11/2025
Tschechow passt ins Heute
Schauspieler Oliver Mommsen liest in Wernigerode Kurzgeschichten des russischen Autors Anton Tschechow.
Dazu erklingt Musik, aufgeführt vom Philharmonischen Kammerorchester Wernigerode unter Leitung seines Generalmusikdirektors Christian Fitzner.
Tschechow in Wernigerode: Oliver Mommsen liest am Dienstag, 2. Dezember um 19.30 Uhr im Konzerthaus Liebfrauen. Der vielseitige Schauspieler hat Kurzgeschichten des russischen Autoren im Repertoire. An diesem literarischen Abend wird dazu passende Musik erklingen - vom Philharmonischen Kammerorchester Wernigerode.
Tom Koch hat mit Mommsen über Humor, Herausforderungen auf der Bühne und einen privaten „Spleen“ gesprochen.
Warum ausgerechnet Tschechow, Herr Mommsen, das klingt eher nach verstaubter Literatur. Passen die Texte des russischen Autoren auf heutige Bühnen?
Oliver Mommsen: Unbedingt, und ich frage zurück: Warum nicht Anton Tschechow? Ich habe mich viel mit ihm beschäftigt, spiele ja gerade das Stück „Vanya“ von Simon Stephens nach Tschechows „Onkel Wanja“. Das Besondere dabei, ein Schauspieler - also in diesem Fall ich - spielt alle acht Charaktere.
Respekt, gewiss eine große Herausforderung.
Ganz genau: 105 Minuten intensives Schauspiel ohne Pause. Doch ich mag es, mich anzustrengen, an Grenzen zu gelangen, abseits vom Erwartbaren zu agieren. Aus Sorge, mich nicht mehr überraschen zu können, habe ich 2019 ja unter anderem ganz bewusst mein Fernseh-Engagement als Ermittler im „Bremer Tatort“ beendet.
Sie sind gerade thematisch vom Sonntagabend-Krimi zur russischen Seele gewandert.
Das „Vanya“-Theaterprojekt hat mich ganz unmittelbar zu Anton Tschechow geführt. Er war bereits in jungen Jahren ein produktiver Autor, hat mehr als 600 Kurzgeschichten verfasst, dazu Theaterstücke, Novellen, Erzählungen. Und seine Texte sind wunderbar, sie spiegeln Beobachtungen, verströmen Nähe und Zuneigung und gleichzeitig ein neugieriges Staunen über uns Menschenkinder. Das was mich bei Tschechow am meisten beeindruckt: Er war im 19. Jahrhundert ein literarischer Beobachter, der das Gesehene nicht wertet oder verurteilt. Das ist etwas, das uns in der heutigen Zeit wohl aus der Mode geraten ist.
Die Kommunikation im Hier und Heute - speziell in den sogenannten sozialen Medien - kommt ohne Hass, Beleidigung, Hetze kaum noch aus; getrieben davon, möglichst viel Aufmerksamkeit zu erlangen. Ist Ihr Tschechow-Abend dafür der bewusste Gegenentwurf?
Ich möchte das Publikum vor allem dafür begeistern, dass unser Leben mit ganz viel Liebe und Zuwendung, mit Humor und Leichtigkeit aufwarten kann. Das können wir auch in unserem Alltag ausdrücken und Tschechows Humor ist dafür eine wirklich gute Schule.
In der Kulturkirche erklingt zu den Kurzgeschichten Musik, gespielt vom Philharmonischen Kammerorchester, können Sie uns verraten, welche Stücke?
Nein, ich bin da völlig pragmatisch: Ich als Mann der Texte wähle die Kurzgeschichten aus und Dirigent Christian Fitzner die Musik. Soweit ich weiß, soll es wohl auch Tschaikowskys eindrucksvolle Suite „Die Jahreszeiten“ geben, womöglich auch weihnachtliche Musik - ich lasse mich da gern überraschen.
Herr Mommsen, Sie sind seit 1990 in Berlin zuhause; keine drei Autobahnstunden vom Harz entfernt, da kennen Sie gewiss Wernigerode?
Noch nicht, und darum freue ich mich umso mehr auf das Gastspiel. Ich weiß selbstverständlich vom Harz, dem Brocken - es ist gut, jetzt diese Bildungslücke schließen zu können. Ich freue mich wirklich darauf!
Verraten Sie uns bitte ein Geheimnis: Pflegen Sie irgendwelche Rituale, diese dürfen durchaus skurril sein?
Nach dem Aufstehen trinke ich heißes Wasser und gehe zum Bücheregal - dort steht wirklich „ein Meter Tschechow“. Ich greife einfach hinein und lese einige seiner Kurzgeschichten, ob „Heiratsantrag“ oder „Die Dame mit Hund“ - es bereitet wirklich Freude, selbst wenn ich genau diese Geschichte schon mehrfach gelesen habe. Seine Texte sind klug, glaubwürdig und humorvoll, dabei ohne „Schenkel-Klopfer“. Glauben Sie mir, Tschechow lohnt sich, gerade in der heutigen Zeit.
Interview & Text: Tom Koch
Foto © Alan Ovaska
Weitere Infos und Tickets unter: https://www.pkow.de/konzert/ein-abend-mit-oliver-mommsen/