22/10/2026
Wie ASS entstand.. Text hat meine Frau geschrieben, ich kann Programme schreiben, aber keine Romane 🤣😇
Oktober 2025: Genug ist genug
Es war einer dieser grauen Oktoberabende 2025, an denen es draußen um sechs schon dunkel ist.
Auf dem Bildschirm lag ein Motiv, das ich kurz vorher mit Draw Things erzeugt hatte.
Vier Farben, also vier Schablonen. Eigentlich eine Sache von einer Stunde, dachte ich.
Drei Stunden später saß ich immer noch in Inkscape.
Ich zog Pfade nach, trennte Farbflächen, suchte Inseln, die beim Schneiden einfach herausfallen würden, und setzte Stege von Hand.
Danach ging alles rüber in LightBurn, wo ich wieder korrigieren musste, weil irgendein Pfad offen war oder eine Passermarke um einen Millimeter danebenlag.
Irgendwann merkte ich, dass mein Handgelenk vom ewigen Klicken und Ziehen fast steif war.
Ich lehnte mich zurück, schaute auf die halb fertigen Ebenen und dachte: Das kann doch nicht sein.
Ich programmiere seit Mitte der 90er, und hier sitze ich und mache stundenlang etwas, das eine Maschine in Sekunden erledigen könnte.
An diesem Abend habe ich keine Schablone mehr fertig gemacht. Aber die Idee war geboren.
November und Dezember: Drei Skripte und ein wandernder Text
Im November fing ich an, abends nach der Schicht zu tippen. Python lag nahe, darin bin ich zu Hause.
Bis kurz vor Weihnachten waren es drei Skripte mit zusammen etwa 800 Zeilen. Eines trennte das Bild nach Farben, eines machte Pfade daraus, und das dritte setzte Passermarken und beschriftete die Ebenen.
Das Ergebnis war ehrlich gesagt ziemlich spartanisch.
Die Skripte lieferten Pfade mit ersten, noch recht groben Stegen und dazu Passermarken in Form kleiner Pluszeichen. Um die Marken auf den Malgrund zu bekommen, klebte ich den Bereich ab und sprühte sie per Airbrush auf, oder ich legte sie gleich außerhalb des Bildformats.
Und der Text landete irgendwo, wo gerade Platz war. Mal in einer Ecke, mal mitten in einer Fläche, die eigentlich gesprüht werden sollte. Ich habe ihn manchmal länger gesucht als das Motiv.
Trotzdem war es ein Wendepunkt. Zum ersten Mal sah ich vier Ebenen in wenigen Sekunden vor mir, wofür ich vorher einen Abend gebraucht hatte. Gleichzeitig wurde mir klar, dass ich mit ein paar Skripten auf der Kommandozeile nicht weit komme. Ich wollte sehen, was passiert, wollte schieben, prüfen und korrigieren können. Ich wollte eine richtige App.
Februar 2026: Neustart in Swift
Swift hatte ich mir erst Ende 2025 angeschaut, eher aus Neugier. Im Februar 2026 legte ich in Xcode ein neues Projekt an. Ein leeres Fenster, ein Platzhalter für ein Bild, sonst nichts. Ich weiß noch, wie ich davor saß und dachte: Jetzt wird es ernst.
Von Anfang an war klar, dass es nicht nur eine Mac-App werden sollte.
Mein iPad liegt ohnehin ständig neben mir, also baute ich mit SwiftUI eine gemeinsame Grundlage für macOS und iPadOS. Das kostete am Anfang mehr Zeit, aber ich wollte später nicht alles zweimal schreiben.
Die ersten Wochen waren zäh. Vieles, was in Python drei Zeilen waren, wurde in Swift plötzlich zu einem halben Abend Recherche. Aber jedes Mal, wenn ein Bild sauber in Ebenen zerfiel und ich die Ebenen in der Vorschau einzeln ein- und ausblenden konnte, war der Ärger vergessen.
Frühjahr: Inseln, Stege und ein eigener Tracer
Im Frühjahr ging es ans Herzstück: Inselerkennung und Stege, diesmal richtig. Jeder, der Schablonen schneidet, kennt das Problem. Das Innere eines O oder das Auge in einem Gesicht fällt beim Schneiden einfach heraus. Die App sollte solche Inseln selbst finden und mit Stegen festhalten, und zwar dort, wo sie beim Sprühen am wenigsten stören.
Die ersten Stege in Swift waren, vorsichtig gesagt, kreativ. Stege landeten quer durch Gesichter oder so dünn, dass die Folie beim ersten Abziehen riss. Ich habe in dieser Zeit mehr Testfolien verschnitten als in den Jahren davor. Stück für Stück wurden die Stege schlauer: kürzer, stabiler, besser platziert.
Für die Umwandlung vom Bild in Vektoren setzte ich anfangs auf Potrace, ein bewährtes Werkzeug. Irgendwann reichte mir das nicht mehr, weil ich mehr Kontrolle über die Linien wollte. Also schrieb ich meinen eigenen Tracer. Bei Schnittlinien geht mir Qualität vor Dateigröße, und genau darauf ist er ausgelegt. Als Potrace endgültig rausflog, war das ein kleiner Feiertag.
Sommer: Vom Schreibtisch in die Werkstatt
Eine Schablone auf dem Bildschirm nützt nichts, wenn sie nicht sauber aus der Maschine kommt. Also bekam die App zwei Schnellstart-Tasten: eine für LightBurn und den Laser, eine für Silhouette Studio und meinen Cameo 4. Ein Klick, und die Ebenen landen dort, wo sie geschnitten werden. Kein Exportieren, Suchen und Importieren mehr.
Aus den Pluszeichen der Python-Zeit wurden runde Passermarken, passend zu den Haltern, die ich mir selbst drucke. Neu kam eine Umriss-Schablone dazu, mit der ich den Hintergrund oder ein fertiges Motiv abdecken kann.
Dazu eine Sprüh-Simulation, eine Werkstatt-Analyse und eine Vorschau auf verschiedenen Malgründen. Ich sprühe ja nicht nur auf Weiß, sondern auch auf Holz, Aluminium und Leinwand.
Parallel wuchs die iPad-Version. Es war ein ganz eigenes Gefühl, ein Projekt am Mac anzulegen, es über iCloud Drive zu speichern und am iPad mit dem Pencil daran weiterzuarbeiten. Irgendwann hatte die App auch einen richtigen Namen: AirbrushStencil Studio, kurz ASS.
Heute: Herbst 2026
Fast genau ein Jahr nach jenem Abend mit dem steifen Handgelenk ist ASS bis auf den Feinschliff fertig. Was damals einen ganzen Abend gedauert hat, erledige ich heute in wenigen Minuten. Meistens bin ich schneller beim Sprühen als beim Vorbereiten, und genau so sollte es sein.
Inzwischen arbeite ich auch nicht mehr nur für mich.
Ein Airbrush-Magazin testet ASS vielleicht für eine kommende Ausgabe, es gibt ein Handbuch, und Interessenten melden sich, bevor ich überhaupt richtig Werbung gemacht habe.
Für die Weiterentwicklung habe ich eine eigene Testkopie angelegt. Nur was dort besteht, kommt ins richtige ASS.
Wenn ich heute die alten Python-Skripte aufmache, muss ich schmunzeln. 800 Zeilen und ein Text, der sich seinen Platz selbst gesucht hat. Ohne sie gäbe es ASS aber nicht.
Was noch kommt
Fertig ist so eine App natürlich nie. Damit ASS wachsen kann, ohne dass ich jedes Mal den Kern umbauen muss, bekommt es eine eigene Add-on-Schnittstelle. Das erste Add-on läuft bereits in der Testversion: ein Steg-Prüfer, der vor dem Schneiden meldet, wo ein Steg zu dünn oder zu lang ist.
Danach stehen schon einige Kandidaten bereit:
• Dynamic Bridge Stylist für Stege, die nicht nur halten, sondern zum Motiv passen
• Kerf Armor, das den Schnittspalt von Laser und Plotter ausgleicht
• ein Muster-Generator für Schuppen, Waben oder Carbon-Optik
• Generatoren für Halter und Rahmen, die direkt in den 3D-Drucker gehen
Dazu kommt eine eigene Begleit-App zur Bildvorbereitung, die Farbverläufe glättet und scharfe Farbgrenzen zieht, bevor ein Motiv überhaupt in ASS landet.
Irgendwann soll alles zusammenspielen: vom Motiv über die Schablone bis zum gedruckten Halter.
Ein Werkzeugkasten, der mir die lästigen Stunden abnimmt, damit mehr Zeit für das bleibt, worum es eigentlich geht: das Sprühen.