Das Reale muss fiktionalisiert werden, um gedacht werden zu können. (Jacques Ranciére)
Seit vierzehn Jahren besteht werkgruppe2 als freie Kompagnie in Niedersachsen. Seit 2009 versucht werkgruppe2 in dokumentarischen, meist theatralen Projekten soziale Wirklichkeit aus der Perspektive von Menschen zu beschreiben, die zu gesellschaftlichen Minderheiten, Unsichtbaren, Ausgeklammerten zählen. Der
Ansatzpunkt dient dabei der Selbstaufklärung, um die Standortbezogenheit des eignen Denkens zu klären. Beruhend auf einer ausführlichen journalistischen Recherche, entstehen atmosphärisch und erzählerisch dichte Inszenierungen, welche die Grenzen von Schauspiel und Musiktheater, Dokumentation und Fiktion ausloten. Ausgangspunkt für die Textfassung sind narrative Interviews, die meist eine klar umrissene Perspektive auf ein Thema erfassen. Aus diesen Erzählungen schafft werkgruppe2 ein komponiertes Textgeflecht, das auf der Bühne mit einem professionellen Schauspiel-Ensemble in einem stark künstlerischen, partei-ergreifenden, interpretatorischen Zugriff umgesetzt wird. Die Musik, die in jeder Produktion live beteiligt ist, besteht aus Neu-Kompositionen, häufig aus verschiedenen, ungewöhnlichen Klangquellen, und ist auf der Bühne gleichberechtigtes Element, indem sie das Thema der Recherche und die Arbeit insgesamt kommentiert und differenziert. Dabei stellt werkgruppe2 sich stets Fragen danach, was Dokumentation bedeutet, wie Wirklichkeit abgebildet wird und wie stellvertretend für Menschen gesprochen werden kann? Neben eigenen Produktionen hat die werkgruppe2 Koproduktionen mit dem Deutschen Theater in Göttingen und dem Oldenburgischen Staatstheater realisiert und war 2013-15 im Rahmen des Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes Partner des Staatstheater Braunschweig. 2014 hat werkgruppe2 das internationale Projekt ERDBEERWAISEN in Kooperation mit dem Nationaltheater Craiova/Rumänien und dem Staatstheater Braunschweig realisiert, das im Rahmen von "The Art of Ageing" einem Initiativprojekt der European Theatre Convention und u.a. Die Produktion GYPSIES war eine Koproduktion von werkgruppe2 mit dem Staatstheater Braunschweig, dem Nationaltheater Timisoara und dem Théâtre de la manufacture und wurde von Stiftung Niedersachsen, Land Niedersachsen und Kulturstiftung des Bundes gefördert. Auftragsarbeiten entstanden für das Stadttheater Ingolstadt (2016) und für das Badische Staatstheater Karlsruhe (2019). Im Rahmen der Doppelpass-Förderung hat werkgruppe2 mit dem Staatstheater Braunschweig einen STRUKTURDIALOG initiiert, entworfen und geleitet von Achim Müller, Leiter des Zentrums für Audience Development der FU Berlin, um herauszufinden, wie Freie Gruppe und Stadttheater „auf Augenhöhe“ zusammenarbeiten können, welche Modalitäten dafür Bedingung sind und wo Konfliktlinien verlaufen. werkgruppe2 hat viele Jahre ausschließlich Theaterinszenierungen entwickelt und damit die »Reportage auf der Bühne« gesucht, haben sich die Formate rund um den Begriff des DOKUMENTARISCHEN STORYTELLINGS in den letzten Jahren aufgefächert und umfassen auch Filmproduktionen, digitale Projekte und Hörspiele.