05/04/2024
6. Owinger Musiktage
Welturaufführung im kultur|o
Nebel liegt über den Tälern der Stubaier Alpen. Der Aufstieg erscheint unattraktiv, ja, vielleicht sogar gefährlich. Doch als die Wanderer schließlich die Höhe erklimmen, bleibt der Dunst zurück; die Gipfel der umliegenden Berge wirken wie Inseln im Nebelmeer, präsentieren sich selbstbewusst der Sonne. Unklar war die Situation in der Niederung gewesen; und nun - ganz unerwartet hoch oben das Licht.
Tief hatte dieses Erlebnis auf Lida Panteleev eingewirkt. So tief, dass sich ihre Gefühle Ausdruck verschaffen mussten, dass sie nach außen drängten durch das neue Werk „Über dem silbernen Nebel“. Zum ersten Mal war dieses Stück nun am Samstag im kultur|o zu hören: „Welturaufführung bei den 6. Owinger Musiktagen“, sagte Martin Panteleev. Und während Lida Panteleevs Hände dem Flügel Leben einhauchten, malten die Klänge ein Bild von der sonnenumflorten Tiroler Berglandschaft. Der Beifall, die lobenden Worte für das Musikstück waren beispiellos, ebenso wie für ihre beiden Kompositionen „Schattenspiele im Wald“ und „Flügel aus Regenbogen“.
Begonnen hatte die dreitägige Veranstaltung wie immer am Freitag, - und zwar mit einer Zugabe. Martin Panteleev war es ein Bedürfnis, gemeinsam mit seinen jungen Geigenschülerinnen Frieda Günther, Philippa Meishammer und Amalie Wehag den Kanon in D-Dur des deutschen Barock-Komponisten Johann Pachelbel vorzustellen.
Schon zuvor hatte Bürgermeister Henrik Wengert in seiner Begrüßung darauf hingewiesen, dass das Musikerehepaar Lida und Martin Panteleev hochkarätige Darbietungen garantiert. Sie „begeistern ihr Publikum regelmäßig auf zahlreichen Konzertreisen nach Berlin, Sofia, Bangkok, Amsterdam und Owingen, um diese Weltstädte kurz erwähnt zu haben“, sagte Henrik Wengert. „Die Gesamtleitung des Festivals obliegt wie immer Martin Panteleev, und wir sind sehr stolz darauf, diesen brillianten Geiger, Komponisten und Dirigenten hier regelmäßig begrüßen zu dürfen. Er ist einer der vielseitigsten Musiker Europas, ein renommierter Dirigent, unter anderem der Würth-Philharmonie. Justus Frantz ist sein Förderer, und in seinem Heimatland Bulgarien ist er quasi ein Nationalheld“, fuhr der Bürgermeister fort.
Laurent Tardat - „ein begnadeter Bratschist“, so Martin Panteleev -, Alexander Dimitrov (Violoncello) und – zum ersten Mal - der georgische Künstler George Kvlividze (Bass) ergänzten das Ensemble. Gleich zu Beginn entführte es mit der Kleinen Nachtmusik in die Welt Mozarts, ein Stück, über das sich ganz besonders Rico Goede freute, erinnerte es ihn doch an seine Mutter, die das Stück sehr liebte. Als Freund von Streichinstrumenten sponsort der Kommunalberater der Netze BW GmbH gerne die Owinger Musiktage.
Doch nicht nur Streichinstrumente spielten am ersten Abend eine wichtige Rolle, sondern auch die Trompete. „Ganz besonders freue ich mich auf die Solokünstlerin des heutigen Abends: Rosa Häuptle. Und ich ergänze: geborene Benz, damit zumindest die Einheimischen auch gleich Bescheid wissen. Sie ist Owinger Eigengewächs.“ Mit diesen Worten kündigte Henrik Wengert die junge Künstlerin an, die nach ihrem Trompetenkonzert in Es-Dur von Johann Nepomuk Hummel und dem Stück „A song from the heart“ von Eric Ewazen, der gemeinsamen Zugabe mit Lida Panteleev, tosenden Applaus erhielt. Hummels berühmtes Trompetenkonzert ist neben Joseph Haydns das einzige in der Epoche der Klassik. Souverän und einzigartig brachte Rosa Häuptle das außergewöhnliche Werk dem Publikum nahe. Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“, sanft, wild, stürmisch gespielt, beendete den ersten Abend.
„Dieser Mann gibt einfach alles“, fassten Gisela und Henning Kohlmann das temperamentvolle Spiel Martin Panteleevs an seiner Geige zusammen. Den unmittelbaren Kontakt zwischen den Künstlern und dem Publikum genoss Klaus Ache. Im kultur|o gebe es keine Distanz wie in großen Häusern, in denen es anonym sei: „Man sitzt nicht irgendwo im Saal und hört von weitem Künstlern zu.“ Auch die Zusammensetzung der Gäste gefällt ihm. „In anderen Häusern sieht man nur graue Köpfe“, schmunzelte Klaus Ache. Christine Gleichauf aus Sipplingen kam mit ihrer Freundin Silvia Fritz, die schon wiederholt die Owinger Musiktage besuchte. „So eine bereichernde Musik. Das sind hochkarätige Musiker“, lobte Christine Gleichauf.
Die Liebe stand im Mittelpunkt des zweiten Abends: Johann Sebastian Bachs Liebe zu Gott, die er in seinem „Ave Maria“ ausdrückte, die Liebe Astor Piazzollas zu seinem Vater, die Liebe zur Natur, die in Lida Panteleevs Kompositionen greifbar wurde. Der argentinische Komponist und Bandoneon-Spieler Piazzolla hatte seinem Vater nach dessen Tod die Stücke „Adiós Nonino“ und „Milonga del Ángel“ gewidmet. Dr. Thomas Hirthe, der auch im vergangenen Jahr die Owinger Musiktage besuchte, lobte die Interpretation der Tangos Astor Piazzollas. „Das haben die beiden wunderbar gespielt. Es ist nicht leicht, mit Klavier und Geige das Bandoneon zu ersetzen.“
„Crossover großartiger Werke der Musikgeschichte“ war das Thema des Abends, und so folgten auf Astor Piazzolla die Kreutzersonate Beethovens, Stücke des Amerikaners George Gershwin, Leonard Bernsteins, Edvard Griegs und Sergei Prokofjews. Tänze und Weisen von Johannes Brahms und Pablo de Sarasate vervollständigten in der Zugabe den Auftritt der beiden exzellenten und außergewöhnlichen Musiker. Ein nicht enden wollender Applaus würdigte die atemberaubende Leistung des Paares.
Hatten Martin und Lida Panteleev, am Flügel unterstützt durch Notenwender Benjamin Wolff, am zweiten Abend der Owinger Musiktage die Liebe in ihrem Facettenreichtum dargestellt, so beschrieben der Bariton Johannes Held und die Pianistin Olga Wien eine Welt ohne Liebe. Gustav Mahlers schwermütige „Lieder eines fahrenden Gesellen“ und das bekannte „Bald gras` ich am Neckar, bald gras` ich am Rhein“ leiteten den Abend ein. „Leider passt es in unsere Zeit, dass die drei nächsten Lieder alle Soldatenlieder sind“, sagte Johannes Held.
So wartete auf das Publikum keine leichte Kost: „Wo die schönen Trompeten blasen“, „Revelge“ und „Der Tamboursg’sell“ spiegelten die unbeschreibliche Grausamkeit des Krieges wider. Sie stammen aus der Volksliedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“. Der anschließende Beifall der Gäste zeigte, dass sie Martin Panteleevs Meinung teilten: „Johannes hat eine unbeschreiblich schöne Stimme. Ich bin dankbar, dass er dabei ist.“ Wunderbar begleitet wurde der süddeutsche Sänger durch die Pianistin Olga Wien, die unter anderem im Festspielhaus Baden-Baden und in der Staatsoper München spielt.
„Mit Franz Schuberts ´Forellenquintett` werden wir das Licht wiedersehen“, versprach Martin Pantaleev, der in den drei Tagen 23 000 Noten spielte. „Im Gegensatz zu Gustav Mahler gibt es in diesen fünf Sätzen keine einzige Moll-Tonart.“ Das Publikum quittierte diese Aussicht mit viel Beifall. Was konnte es Passenderes geben, als Johannes Held und Olga Wien nach dem Forellenquintett „Die launische Forelle“ zum Besten gaben.
Als die Musiktage schließlich mit dem gewaltigen Presto des dritten Satzes aus dem „Sommer“ der „Vier Jahreszeiten“ ausklangen, da verließen die Zuhörerinnen und Zuhörer wohlgelaunt und mit einem dicken Paket voller musikalischer Eindrücke das „Festspielhaus“ Owingen. „Ein hochkarätiges Konzert. Besser geht es nicht“, schwärmte Robert Stärk. „Martin Panteleev ist ein genialer Geiger. Beide Panteleevs sind ausgezeichnete Musiker. Von meinem Platz aus konnte ich beobachten, wie Lidas Hände über die Tastatur fliegen. Sie sitzt völlig konzentriert am Flügel. Es ist einfach nur phantastisch.“ Und so lautete seine Quintessenz: „Es war ein gigantisches Konzert. Beeindruckend, wie alle Künstler ihre Instrumente beherrschen. Sie sind mit ihnen verbunden. Manchmal spielen sie nur einen Hauch von einem Ton, ganz sanft und gefühlvoll. Und dann wieder fortissimo.“
Dass die Musiktage nun schon zum sechsten Mal stattfinden konnten, daran wirkten viele mit. Die Panteleevs bedankten sich sowohl bei der Gemeinde Owingen, bei den Mitgliedern des Kulturkreises als auch bei den Sponsoren: die EnBW, die Sparkasse Bodensee, Zahntechnik Weber, Z-Design, die Pfaffenhofener Mühle, das ProSana-Gesundheitszentrum, die Zimmerei Veit GmbH, Bäckerei Mayer, Holzbildhauerei Benz sowie die Agentur für Grafikdesign Eva Engler.
Der Dank gilt auch Andrea Benz für die Hauptorganisation, ebenso Olaf Gerhardt, Lore Braun, dem Männerchor Owingen-Billafingen sowie den Harmonika-Freunden Owingen für die Verpflegung der Künstler und Bewirtung der Veranstaltung, dem Licht- und Tontechniker Klaus Stark sowie Hausmeister Dirk Bilski.
Für alle Freunde der Konzertreihe hatte Martin Panteleev ein Versprechen parat: Sie können sich schon heute auf die 7. Owinger Musiktage vom 14. bis 16. März 2025 freuen. Für Christine Gleichauf, die zum ersten Mal dabei war, steht fest: „Das nächste Jahr ist der Festivalpass für mich gebongt.“
Angelika Thiel
(Bilder: Susanne und Iris Gerhardt)