30/07/2018
[OP-ARTIKEL ÜBER DEN ABRISS]
Ach liebe op-online.de, so 'ne richtige Love-Story wird das zwischen uns wohl nicht mehr :( Danke für Bild & Spalte! Aber inhaltlich müssen wir euch mal wieder widersprechen. Unsere räumlichen Anforderungen waren keineswegs zu hoch (kaum höher als für ne gewöhnliche Eckkneipe oder Spielo)! Es ist mehr so'n strukturelles Problem in Offenbach. Eine Stadt, die demnächst 140.000 Einwohner*innen erreicht, aber nicht mal genug Ressourcen für ein einziges selbstverwaltetes Kulturzentrum hat (welches nicht institutionalisiert oder mit Sponsorenlogos vollgeklatscht ist), ist halt schon mickrig. Nein, bei uns ging's nicht um "Events" oder "Leuchturmprojekte", nicht darum Opern oder Festspiele medienwirksam in Szene zu setzen, und nicht darum, das mediterrane Flair des Wilhelmsplatz abzurunden - all diese Entwicklungen sehen wir eher mit großer Skepsis.
Bei uns im Multiversum sollte der Versuch gewagt werden, dass Kunst und Kultur außerhalb des neuen Offenbacherer Kreativ-Lifestyles existieren kann; dass Politik eben kein Nebenprodukt ist. Hier konnte man ohne Angst anders sein und ohne Geldbeutel oder Geheimeinladung den Raum betreten. Die neue Offenbacher-Weißwein-Boheme wollten wir weniger bedienen (uns war Korn eh schon immer lieber), sondern auch mal chaotisch, dreckig und spontan sein.
Aktueller Stand in Offenbach ist doch dieser: Kultur und Kunst, mit ihren zahlreichen kreativen Stadtführungen, krassen Fotoprojekten, ihrer Stiftungsprofessuren, "Masterplänen" und hippen Werbeagenturen möchte immer wieder zeigen, wie authentisch, "multi-kulti" und "real" Offenbach ist. Doch fungiert Kultur hier eigentlich nur nach dem Dogma der "Kulturindustrie" und ist nix weiteres als die billigste aller Landebahnen für das in Beton gegossene Kapital - das sieht man im Hafenviertel, am Mainufer, im Mathildenviertel oder eben der Innenstadt. Der Mietspiegel dankt.
Der Grund dafür, dass wir keine neue Räumlichkeit gefunden und zahlreiche kurzfristige Absagen erhalten haben, liegt keineswegs an den aufgezählten Kategorien "zentrumsnah, günstige Miete, Recht auf Lärm", sondern viel mehr daran, dass wir diese Wahrheit, trotz der eigenen Verwicklung in die gesellschaftlichen Widersprüche, mehr oder weniger deutlich gemacht haben - in unseren Veranstaltungen, in unserem Plenum, am Aussehen des Hauses, an unserer Bar und in den Medien (vermutlich der Grund, warum ihr so ungern von uns berichtet habt).
Die Gruppe um das Multiversum hat sich aufgelöst. Aber wie wir schon in unserem Abschiedspost geschrieben haben: "Die Stadt hat immer noch nichts anzubieten: Weder Gebäude, noch Geld. Gentrifizierung frisst alles auf. Oder war es der Kapitalismus? Die Idee von einer Villa Kunterbunt braucht diese Stadt dringender denn je - wenn in diesem Zeitfenster nicht als Multiversum, dann irgendwann bald als was Neues. Leute werden sich finden. Ideen sprießen. Und hoffentlich dann auch mal Gebäude. Offenbach ohne diese Ideen bleibt eine Ruine. Mittlerweile eine teure!"
Offenbach, dir fehlt einfach der Punk.
Offenbach Post, du hattest ihn nie.