30/08/2018
Kino satt? Unsere Meinung zur Schließung und dem Programm-Umzug der Marburger Filmkunsttheater:
http://bit.ly/traumakino_pm290818
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„Marburg ist Kinostadt“ – lässt sich derzeit wieder häufiger lesen. Anlass ist, dass im Zuge des Auslaufens des Mietvertrags für die Kinosäle Kammer, Palette, und Atelier im Steinweg 4, das dort über Jahrzehnte zu sehende filmkünstlerische Programm beendet wird und nun im Kino Capitol mit seinen vier Sälen erhalten werden soll.
Die immer wieder bemühte Phrase von der Kinostadt kam dabei übrigens nicht alleine deswegen zu Stande, weil eine Stadt – respektive die ortsansässigen Kinos – ein besonders anspruchsvolles, vielfältiges oder kunstaffines Filmprogramm zu bieten hätten, sondern ergab sich einst durch simple Mathematik, die Einwohnerzahl und Anzahl der Kinositze ins Verhältnis setzte.
Wie ein Beispiel höherer Mathematik nimmt sich dagegen die Rechnung aus, die ein Beibehalten der kinostädtischen Infrastruktur bei gleichzeitigem und übrigens ersatzlosem Wegfall von drei Sälen behauptet.
Es ist ja nicht so, dass das Capitol in der Vergangenheit keine Filme gezeigt oder ein nur sehr lückenhaftes Programm geboten hätte. Es wird also nicht einfach so sein, dass sich der nun verkündete Erhalt des Programms, das ehedem in den Sälen des Filmkunsttheaters zu sehen war, nun als verlustfreie Übertragung ins Capitol vollziehen wird. Stattdessen ist vielleicht mit einer höheren Effizienz oder Auslastung, aber sicher auch mit Reduktion der Vielfalt auf beiden Seiten zu rechnen.
So sehr der Versuch des Erhalts des Programms des Filmkunsttheaters im Capitol zu begrüßen ist – und wir begrüßen ihn ausdrücklich(!) – kann über gewisse einerseits schönfärberische andererseits ignorante Aspekte dieses Einschnitts in die städtische Filmkultur nicht hinweggesehen werden. Der kategorische Ausschluss der Schaffung eines kommunalen, also nicht gewerblichen, Kinos in Marburg durch den Magistrat, mit der Begründung, man wolle den gewerblichen Kinos keine subventionierte Konkurrenz gegenüberstellen, ist einer dieser Aspekte.
So sehr die filmkulturelle Infrastruktur der Stadt von dem – natürlich auch ökonomischen – Engagement der gewerblichen Kinobetreiber zweifelsohne profitiert(e), wird hier aber ebenfalls so getan, als wäre damit die gesamte Kinolandschaft der Stadt zusammengefasst.
Im Grunde verfügt Marburg aber bereits seit rund dreißig Jahren über ein (quer )subventioniertes, wenngleich auch chronisch unterfinanziertes Kino, welches dabei dennoch alljährlich landes- und bundesweit Preise für sein außergewöhnliches Filmprogramm erhält, die Stätte eines Festivals zum ethnografischen Film ist und einer Vielzahl von Initiativen und Gruppen die Möglichkeit zur Programmierung eigener Filme und Filmreihen bietet und ebenfalls verschiedentlich mit der Philipps-Universität zusammen gearbeitet hat und arbeitet.
Nicht zu letzt ist aus diesem Kino heraus das internationale Kurzfilmfestival OpenEyes Filmfest Marburg entstanden, das dieses Jahr sein 25. Jubiläum beging und vielfältigste Arten von Kurzfilm dem Marburger Publikum zugänglich macht und bei weitem nicht nur einen Filmschaffenden pro Jahr für Gespräche zu Gast hat. Dass es darüber hinaus weitere Filmangebote in Marburg, insbesondere seitens der Studierenden der Universität, gibt, wollen wir hier ebenfalls nicht verschweigen.
Ausdrücklich betonen wollen wir aber, dass die (film-)kulturelle Kartierung, wie sie in der aktuellen Sitzplatzreduktion mit dem Fokus auf die zur ‚Kulturmeile’ umgedichteten Biegenstraße vollzogen wird, uns in mancherlei Hinsicht aufstößt.
Als Kino im Café Trauma (einschließlich aller in diesem zusammengefassten Personen und Gruppen, die dort Filme zeigen) begreifen wir unser Programm ebenso zugehörig zum filmkulturellen Angebot der Stadt, wie das der gewerblichen Kinos. Die wiederholten Auslassungen dieses Engagements empfinden wir als eine Missachtung unserer – darüber hinaus unbezahlten – Arbeit.
Auch wenn unsere Geschichte mit dem Filmkunsttheater in der Oberstadt vielleicht nicht immer gänzlich reibungsfrei verlaufen ist, sehen und sahen wir allerdings niemals eine Konkurrenzsituation oder Frontenstellung und waren zum großen Teil selbst begeisterte Besucher:innen der Kinos im Steinweg und den dort stattfindenden Sonderveranstaltungen. Es ist keineswegs so, als wären dabei die filmkulturellen, filmpolitischen und filmkünstlerischen Angebote des Filmkunsttheaters und des traumakinos deckungsgleich gewesen.
Ein kommunales Kino oder wenigstens eine Erweiterung der vorhandenen kommunalen Kinoarbeit steht damit nicht im Widerspruch zu einem filmkulturell avancierten privaten Programmangebot in Marburg; im Gegenteil, es erweitert und ergänzt dieses. Sowohl die aktuelle Produktion als auch die internationale Filmhistorie bieten durchaus genug, um sich in der Programmierung weiterhin nicht konkurrierend ins Gehege zu kommen.
Überdies bestünden bei einer Erweiterung der nicht kommerziellen Kinoarbeit durch eine verantwortliche Kulturpolitik und im gegenseitigen Vertrauen getroffene Absprachen zwischen den Programmverantwortlichen durchaus Chancen, Konkurrenzstellungen weiterhin gar nicht erst entstehen zu lassen und könnten stattdessen Kooperationsmöglichkeiten zum gegenseitigen Vorteil eröffnen.
Wir wären gerne bereit unsere Vorstellungen in einen Dialog mit gewerblichem Kinobetreiberinnen und Stadt einzubringen, ähnlich dem Antrag der Fraktion ‚B90/Die Grünen’ im Kulturausschuss am letzten Donnerstag [23.08] bezüglich des Erhalts der filmkulturellen Vielfalt in Marburg, der allerdings vom Kulturdezernenten und der Vertreterin der kommerziellen Kinos abgelehnt wurde, von alledem wir bisher allerdings auch nur durch die Presse erfahren durften.
Wir sehen uns als festen Teil der Marburger Kinolandschaft, ohne mit den etablierten Marburger Kinofamilien in Konkurrenz treten zu wollen.
Im Gegenteil, wir wünschen ihnen für die Vorhaben gutes Gelingen und würden uns freuen diese dabei unterstützen zu können.