04/08/2016
Zu der Arbeit "Bootfahren ist mein Leben" von Daniel Stubenvoll gab es einen Text, verfasst von Mickey Jardinier. Wer sich bei der Performance in Bochum wegen all der bunten Handschuhe nicht richtig konzentrieren konnte, kann hier noch einmal nachlesen.🚣🏻
Bootfahren ist mein Leben
Ich beschäftige mich alleweil sehr gern damit, warum Bootfahren so einen Hauch von Schicksal für mich hat. Irgendwo in schnürig verstinkelter Vergangenheit liegt der Schlüssel, oder zumindest ein halber, zu meiner möglichen Affinität zum Boote versunken. Ab durchs Hasenloch geht es in den einen Italienurlaub, in dem ich vom Papa beim Klauen erwischt wurde. Ich wollte ein pappenes Extra aus einem Mickey Maus Heft mehr haben, als Vigilität walten lassen vor dem Adlerauge des mäßig milden Erziehers. Das dünne Ende eines Keils.
Neben meiner frühjugendlichen Kleptomanie war der Teil der Mathematik, der sich mit dem Rechnen mit Zahlen und Zahlen allgemein befasst, ein enormes Problem in diesem Italien, an das ich immer denken muss, wenn ich an Crazy Taxi, das Dreamcastkonsolenspiel, zu denken gedenke, was mindestens einmal wöchentlich passiert. Denn setzt Du Dich Visuellem einmal zu lange aus, bleibts Dir in die Hirndecke gebrannt, wie im Höhlengleichnis, wo irgendwas im Hinterkämmerlein mit Feuerball und Bilderflut. Der Fuß in der Tür.
Neben dem gigantischen Gardaland – später gleich mehr dazu – gab es kleine Minivergnügungsmöglichkeiten für gewilltes Jungvolk um den Gardasee, der vor motorisiertem Boottreiben nur so schwabbte und viele Passant*innen im Pelz, denn mancher Sommer ist für manche Italiener*innen kein richtiger Sommer noch nicht, erklärte mir mein Adlerauge kundig wissend, nass machte. Mit Rutschen und Ballduschen und 7 anderen Nicht-feucht-Späßen lockten Gardaseelandminivergnügungsmöglichkeiten. Es gab Altersbegrenzung bei zumindest einer dieser Minimöglichkeiten. Nur für garstige Knirpse! Mein Dreikäse war zu hoch. Ich hätte nicht hineingehen dürfen, wenn es nach Brecht und Ordnung, meinen beiden Brüdern neben Regen und Fluss, zugegangen wäre. Also inspirierte das Elternpaar Adlerauge und Cosima eine Lüge, die ich weitertragen sollte. Am Einlass des Minivergnügens wurde ich dann nach meinem Alter gefragt, zog 2 Jahre ab, wie besprochen, und als ich nach meinem Geburtsjahr gefragt wurde, zog ich ebenso 2 ab. Kein Minivergnügen für mich an diesem Tag, aber weiterhin: Nähe zum See und zum Boote und dieses Jucken, ein Jucken, das Genickbruch flüsterte. Der Geist in der Flasche.
Im recht nah am Gardasee sich befindenden Gardaland in der Gemeinde Castelnuovo del Garda nebst der Gemeinde Peschiera del Garda in der Gegend Venetien lag er damals im mit rund 2,75 Millionen Besucher*innen im Jahr 2014 größten Freizeitpark Italiens verschachert, der Clavis Aquaticus, mein Link aufs Nass und zu ewigem Schweiße bis zum Tod und großem Bootverbot. Der Schneeballeffekt.
Alle haben eins, also auch das Gardaland – wie viele Freizeitparks keins haben ist egal: ein Maskottchen! Zu diesem Zweck wurde der Drache Prezzemolo (dt. Petersilie) nämlich gezeugt. Neben diesem gibt es weiterhin noch Prinzessin Aurore (dt. Mehl) (die Dochter von Fönig Astror), den Panda Bramsbù (dt. Eiersalat), den Vogel Pagülopp (dt. Pilz), die Fledermaus Mosslöi (dt. Quark) und den Tiger Ti-Gay (dt. schwule Leinsamen). Zusammen ergeben sie 1 leckeres, pikantes Brot.
Wie eine italienische Weise weiß:
Die Schildkröte Morla ist ihr eigenes Boot,
Dreht sie sich um, kommt sie nie in Seenot.
Die Schildkröte Morla ist auch ihr eigenes Brot,
Sie knabbert am Schinken und schmeckt nach Iod.
Aus Drakos, Prinzession, Pandal, Vogeli, Fledermus und Tigre wird ein Schildkrötel, das auch ein Fluss ist, und das ist ebenfalls ein Brot und bricht man das Brot, fällt ein Schlüssel heraus, schluckt man den Schlüssel runter dann, sieht man die Gardaseeregion vom Wasser aus, so eine weitere Weise. Ich fand den Schlüssel nach harter Übelkeit durch Fliegenden Teppich in den Neonscheinpyramiden des Gardalands, dem großen Vergnügen der Gardaseelandregion, brach ihn wie das Brot entzwei, dachte das soll gewiss so sein, doppelt hält besser, aß die eine Hälfte und schmiss den Rest in schwabbelnde Gardaseewogen. Augenblicklich wurde mein Körper zum halb ausgelassenen Wasserspritzzentrum, das versuche ich seitdem zu vergessen. Was ich aber nie vergessen will, sind die Träume danach und immer wieder. Die Träume vom Fliegefischchen.
Was am schlimmsten sich ergab am Gardasee, war die Bootbesteigeunfähigkeit, das große Bootverbot. Ich kann mich keinem Boot nähern, ohne harte Schweißbäche zu verströmen, Wasserspritz aus allen Poren aller Hände. Es tropft und es schleudert und es quillt bis zum Selbstertränken. Ich geh nie auf Boote seit dem Gardalandschlüsselhälftenverschlucken. Ich bin verflucht und nur weil ich den halben Schlüssel nur aß. Ich dachte im Moment des Fundes: 1 – ½ = ½ + ½ = mit dem Lago di geteiltes Glück kann nur doppeltes Halbes für uns beide bedeuten. Was ich nicht bedachte: ½ Schlüssel = 1 ganzer Fluch, weil sechsgestirnige Schildkrötenbrotteiginnereienschlüssel nicht gern zerrissen werden – merke für die Zukunft!
Die Gardaseeregion vom feuchten Blau aus zu begaffen oder zu betouchen ist ein ganz tolles Kuriosum. Alle Dörfchen am Lago di Garda haben einen Steg und die dazugehörige Geborgenheit, an der man für einen flotten Lokalaugenschein oder auf einen Cappuccino anlegen kann. Der breite, südliche Teil des Gardasees ist unter Motorbootfahrer*innen sehr gemocht, die Nordspitze hingegen ist für Motorboote dicht. Am gesamten Gardasee gibt es irre viele Bootverleihe. Während teutonisch beflaggte Boote grundsätzlich nach teutonischem Recht nur bis 13 PS ohne Bootführerschein gelenkt werden dürfen, werden italienisch beflaggte Boote bis zu 40,8 PS auch ohne Bootführerschein vermietet. Im Schadensfall könnte es allerdings für teutonische Skipper*innen mit der eigenen teutonischen Versicherung Chose geben, wenn für das Lenken eines Bootes mit über 17 ¾ PS kein Bootführerschein binnen Zeit x vorgewiesen werden kann. Wenn Du das Ganze als Fliegefisch des Nachtens astralprojiziert machen tust, geht das mit 86 PS und immer ohne Schaden, ohne Übertölpelung. Aber ich mache es eben nicht als ich – ganz – komplett – alleine – selbst. Sondern nur als ½ oder weniger Teil von mir alleine.
Irgendetwas hält mich scheinbar unabänderlich zurück, aber auch immer inniglich nah. Der Brotkrumenrest, der verschollene, halbe Schlüssel. Der liegt am Grunde vom Bènaco oder in irgendnem Fisch oder als Fischkacke oder Plankton noch immer wahrscheinlich irgendwo. Ich muss ihn wiederfinden. Ich muss zurück nach Gardaseeland. Ich muss mich eintitschen, runter, runter und auf dem Gardaseeboden suchen. Es schwillt immer das, was man nicht keilen kann. Die Kamelnase unterm Zelt.
Nach Helga Winkel, meiner Monsuntiefenpsychotherapeutin und Mentorin für alles auf dem Nass, sind Boote die Summe aller Sehnsüchte nach Unsterblichkeit, Vollkommenheit, Glückseligkeit und Gleichberechtigung eines Knülchs, der diese aber nicht als eigene Ansinnen wahrzunehmen im Stande ist, sondern diese auf Fliegefische projiziert. Schlipp – schlipp – schlopp!
Sollte ich auch erst so alt werden müssen wie Helga Winkel, die Bootfahrt wartet auf mich, das spüre ich jeden Tag, so wie sie auf jeden warten tut. Dank Helga weiß ich, die Bootfahrerin ist mein zweites Sternzeichen, meine Bestimmung und das Astralfischchen muss nicht meine einzige Minimöglichkeit, mein Hort, mein Trost, übers Wasser zu fliegen, bleiben. Dammbruch.
Danke, Helga