18/09/2015
Hier der schöne Text von Sabine Weiße in der Dewezet:
Ruß steht am Anfang der Kunst
Nikola Dicke verwandelt Hehlens Immanuelkirche mit beeindruckenden Lichtinstallationen
Hehlen. Mit einsetzender Dämmerung entfaltet das Kunstwerk seinen ganzen Reiz, seine eindrückliche Wirkung. „Komm in unsere stolze Welt, Herr. Mit Deiner Liebe werben, überwinde Macht und Geld, lass die Völker nicht verderben. Wende Hass und Feindessinn auf den Weg des Friedens hin.“ Wie ein Graffiti, so zieren diese Zeilen eines Kirchenliedes die zum Innenhof gewandte Fassade der Immanuelkirche. Diese von dem Arzt, Seelsorger und Schriftsteller Hans Graf von Lehndorff im protestbewegten Jahre 1968 als Gebet verfassten Zeilen hat Nikola Dicke ins Zentrum ihrer beeindruckenden Lichtinstallation gerückt. Flankiert werden die Worte von Zeichnungen: Soldaten mit angelegtem Gewehr am westlichen Treppenturm; Scheine und Münzen flankieren die Kirchenfenster - und eine meterhohe Kerze. „Komm in unser dunkles Herz, Herr, mit Deines Lichtes Fülle!“
Innen komplettierten zwei Liedstrophen, Zeichnungen von Menschen auf der Flucht und Himmelszelte – exakt projiziert in die Gefache des Deckengewölbes – das Kunstwerk. Entstanden ist die Installation im Rahmen der Aktion „Kunst pilgert“, initiiert von der Landeskirche Hannover zum zehnjährigen Bestehen des Pilgerweges Loccum-Volkenroda und maßgeblich unterstützt von der Klosterkammer Hannover. An sechs Stationen entlang des Pilgerweges hat die Osnabrücker Lichtzeichnerin Nikola Dicke ihr Projekt mit dem Titel „Wohl denen, die da wandeln“ umgesetzt, Hehlen ist eine davon. Und weil außerdem im Rahmen der Luther-Dekade 2008 bis 2017 das laufende Jahr unter dem Thema „Reformation und Bild“ steht, „passt“ das eindrucksvolle Werk aus Licht und Schatten gleich doppelt.
„Ohne Licht geht’s nicht, und damit auch nicht ohne Strom“, lacht die 44-Jährige und rollt beherzt Meter um Meter Kabel von einer großen Rolle, sucht Steckdosen und verbracht eine Menge Klebeband. „Schließlich darf niemand stolpern.“ Drei Overhead- und Diaprojektoren schleppt sie auf die zweite Empore der barocken Zentralraumkirche, ein Gerät kommt ins Kantorhaus und wird von dort das eindrucksvolle Bild auf die Fassade der Kirche werfen. Steht die Technik erst einmal, geht’s an die künstlerische Feinarbeit. Glasplatten, Öllampe, Ritzel in unterschiedlicher Stärke, ein paar Tupfer, Mund- und Nasenschutz und ein Feuerzeug: Das Arbeitsgerät passt bequem ein einen mittelgroßen Pappkarton, der jederzeit im weinroten „Graffitimobil“ mitfährt. Den Docht der Öllampe zieht Nikola Dicke weit aus dem Gefäß heraus, „damit es auch ordentlich rußt“ und führt das Glas langsam durch die Flamme. Die Maske schützt sie vor dem gesundheitsschädlichen Rauch. Aus dem schwarzen Belag ritzt sie anschließend Buchstaben und Bildmotive. „Hin und wieder muss ich auf der Platte ein bisschen korrigieren, weil am Ende Bilder und Texte ja passgenau in die Gefache projiziert werden sollen.“
Inspirieren lässt sie sich bei ihrer Arbeit von Begegnungen vor Ort, von Geschichten und Liedern, die sie entlang des Pilgerweges wahrnimmt und auch als Tondokument sichert. „Die Pilger selbst, aber auch die Kirchengemeinden machen vielfach Vorschläge zu Texten und Bildern.“ Gehen sie mit Ort und Raum eine stimmige Verbindung ein, dann macht sich die Künstlerin an die Umsetzung. Im Kircheninnern muss man den Kopf weit in den Nacken legen, um sich in die Kunst unterm Deckengewölbe vertiefen zu können. „Schaff aus unserm Überfluss Rettung dem, der hungern muss“, ist dort zu lesen. Ein Appell, der aktueller nicht sein könnte.
Die Lichtinstallation der Künstlerin Nikola Dicke in der Immanuel-Kirche in Hehlen wird in den kommenden Wochen weiter zu sehen sein. Im Innenraum der Kirche wird sie beim Betreten durch einen Bewegungsmelder gestartet, die Projektion an der Außenwand ist ab Einbruch der Dunkelheit (ca. 20.30 Uhr) zu sehen. Die Kirche ist bis 21.30 Uhr geöffnet.