06/10/2026
Jemand hat mich gefragt, woher wir wissen wollen, dass Gott nichts gegen Trans hat. Die ehrliche Antwort lautet: Wir wissen es nicht. Aber ebenso wenig weiß irgendjemand das Gegenteil.
Was immer das Göttliche sein mag, es bewegt sich jenseits dessen, was unser Verstand ermessen kann. Es wäre anmaßend anzunehmen, es ordne die Welt nach denselben Kategorien wie wir, nach Mann und Frau, nach richtig und falsch, nach jenen, die einen Platz in der Arche finden, und jenen, die untergehen sollen.
Wer Gott die eigene Meinung unterstellt, macht ihn klein.
Darin liegt für mich die eigentliche Sünde.
Wo Licht ist, ist auch Schatten.
Beides gehört zur Schöpfung, und jede menschliche Verfasstheit gehört dazu.
Der freie Wille ist uns nicht gegeben, damit wir einander aussortieren, sondern damit wir Fragen offen lassen können.
In den jüdischen Lehrhäusern wird seit Jahrhunderten gefragt, widersprochen und weitergefragt. Der Streit um die Schrift gilt dort als Gottesdienst, und das Ringen selbst ist der Weg.
Der Mensch dagegen verliert sich immer wieder in der Sehnsucht nach Gewissheit, in der Religion wie in der Politik und im eigenen Familiengefüge, in diesem unstillbaren Wunsch nach einem glücklichen Ende. Nicht ohne Grund hat man die Religion das O***m des Volkes genannt, dort, wo sie nur noch beruhigen soll.
Die Unsicherheit aber ist kein Makel, den es zu tilgen gilt. Sie gehört zu uns wie der Atem.
Vielleicht beginnt der Glaube genau dort, wo wir aufhören, alles beantworten zu wollen.
***r