14/06/2026
Die letzten Jahre und insbesondere die letzten Monate haben mich zunehmend ratlos gemacht. Ich finde es zunehmend zermürbend, dass wir in Zeiten autoritärer Verschiebungen und möglicher Wahlsiegen aus dem faschistischen Spektrum, dass wir als liberale, progressive oder linke Kräfte oft mehr Energie darauf verwenden, uns aneinander abzuarbeiten, als politische Gräben tatsächlich zu überbrücken.
Sieben Thesen, lose gedacht:
1. Solidarität war historisch selten ein Zustand.
Sie war meist eine politische Forderung in Zeiten ihres Mangels. Solidarität ist eigentlich ein Tu Wort.
2.Vielleicht verrät die gegenwärtige Konjunktur des Solidaritätsbegriffs deshalb weniger darüber, was Solidarität ist, als darüber, was unserer Gesellschaft derzeit fehlt. Je lauter der Ruf nach Solidarität, desto größer vielleicht ihr Mangel.
3.Repräsentation und Sichtbarkeit waren und sind notwendig. Aber Sichtbarkeit allein erzeugt keine gesellschaftliche Mehrheit. Eine Geschichte kann erzählt werden. Eine Institution kann diverser werden. Und trotzdem kann sich die Gesellschaft insgesamt radikal in eine andere Richtung bewegen.
4. Vielleicht liegt die Herausforderung heute nicht darin, diese Kämpfe der Repräsentationzu verlassen, sondern ihre Grenzen besser zu verstehen. Repräsentationspolitik fragt, wer sichtbar wird. Allianzpolitik fragt, welche Konstellationen notwendig sind, um gesellschaftlich mehrheits- und handlungsfähig zu werden.
5. Allianzen sind nicht Ausdruck von Einigkeit. Sie sind Ausdruck von Differenz. Sie entstehen nicht, weil Menschen dasselbe wollen, sondern weil sie erkennen, dass bestimmte Ziele allein nicht mehr erreichbar sind.
6. Vielleicht sind wir in ein strukturell konservatives Zeitalter des Progressiven eingetreten.Wir kämpfen zunehmend nicht mehr für neue Utopien, sondern für den Erhalt des Bestehenden. Und vielleicht liegt genau darin unsere größte Krise, nämlich, dass wir kaum noch wagen, gemeinsam von einer besseren Zukunft zu träumen.
7. Ohne politische Haltung werden Allianzen beliebig.
Ohne menschliche Beziehungen bleiben sie unmöglich. Was bedeutet politisches Handeln, in dem es darum geht menschliche Beziehungen einzugehen und zu halten?