26/03/2020
Liebe Hamburger*innen,
Wir sind zu dem Entschluss gekommen, VYRE vollständig abzusagen und auf das Jahr 2021 zu verschieben. Diese Entscheidung fällt uns sehr schwer und ist das Resultat eines Prozesses, den wir in den letzten zehn Tagen durchwandert haben.
Im Mai wieder zu einem regulären Spielbetrieb zurückzukehren, hat für uns keine Priorität angesichts weiterhin steigender Neuinfektionen und Todeszahlen und der verheerenden Zustände in den Geflüchteten-Lagern an der EU-Außengrenze, deren Auflösung wir an dieser Stelle unbedingt fordern! Auch möchten wir unsere Solidarität mit sämtlichen Arbeiter*innen in sogenannten systemrelevanten Berufen bekunden, zu denen wir ausdrücklich die freie Kunst zählen.
Wir fordern in diesem Kontext faire Lohnverhältnisse und die Einführung eines universellen Grundeinkommens anstelle von Krediten und der fortschreitenden Normalisierung prekärer Arbeitsverhältnisse. Wir sehen die Corona-Pandemie zudem in direktem Zusammenhang mit einer kapitalistischen und umweltzerstörerischen Produktionsweise. Vor diesem Hintergrund stellen wir die Frage, welche Aspekte des kapitalistischen Systems wirklich „relevant“ und erhaltenswert sind. Anstelle von nationalistischer Abschottung und Rassismus, einem Ausbau des Polizeistaats und einer Intensivierung von Prekarisierung und Verschuldung bauen wir auf die Stärke linker und alternativer Strukturen, sowie einer kritischen freien Kunst.
Angesichts der existenziellen Bedrohung vieler Künstler*innen und Aktivist*innen ist es umso wichtiger, gemeinsamsolidarische Netzwerke zu stärken und antikapitalistische Narrative zu entwerfen. Auch über das Ende der Pandemie hinaus! Es liegt jetzt an uns allen, ob es gelingt, nicht nur Big Corporate durch die Krise zu bringen, sondern alle, die tagtäglich an einer besseren Gesellschaft für alle arbeiten – über Nationalstaaten hinweg!
Für uns heißt es nun, unser Projekt VYRE, das wir seit 2018 planen und an dem wir seit November 2019 intensiv arbeiten, abzubrechen. Es tut weh, ein Set wieder abzubauen, ohne je darin gespielt zu haben. Bis Mitte April werden wir noch einzelne Module fertigstellen, um sie dann einzulagern. Dann hoffen wir, dass wir mit Hilfe weiterer Förderungen das nötige Budget aufbringen können, um das Stück im Mai 2021 umzusetzen. Ob uns das gelingt, ist im Moment noch unklar.
Wir bedanken uns an dieser Stelle von Herzen bei allen Performer*innen, Handwerker*innen, Helfer*innen, dem LICHTHOF Theater sowie unseren Förderern für die Unterstützung! Ohne euch wäre unsere Arbeit nicht möglich!
Bis dahin, Unkraut vergeht nicht,
euer SV Szlachta