14/05/2026
Unser heutiges Exponat aus der Sammlung Klewan
In dieser Radierung aus der Suite Vollard inszeniert sich der Künstler als blinder, gezähmter Minotaurus, der auf die Hilfe anderer angewiesen ist. Eine zarte, mädchenhaft wirkende Gestalt mit den Gesichtszügen seiner damaligen Geliebten Marie-Thérèse Walter (1909–1977) führt das riesige Mischwesen behutsam durch die Nacht. In der Beziehung zu ihr fand Picasso zunächst Halt und Orientierung; mitunter bezeichnete er sie sogar als seine Retterin. Die Blindheit des Minotaurus hat kein Vorbild in der antiken Mythologie, sondern ist Picassos eigene Erfindung. Sie lässt sich als Metapher für seine persönliche Zerrissenheit lesen: für das spannungsreiche Lavieren zwischen Ehefrau und Geliebter ebenso wie für die Angst vor dem Verlust seiner schöpferischen Kraft. Bereits in jungen Jahren, während seiner melancholischen Blauen Periode um 1900, hatte er sich mit dem Motiv des Nicht-Sehens beschäftigt.
Pablo Picasso, Der blinde Minotaurus wird von Marie-Thérèse Walter mit einer Taube durch die sternendurchleuchtete Nacht geführt (Suite Vollard, Nr. 97), 1934
Radierung (c) Sucession Picasso/VG Bild-Kunst, Bonn2026, Foto: André König