06/05/2025
Zum Tod von Urte Blankenstein (Beitrag vom 29. April 2025/ MOZ)
Lachen ist die beste Medizin!
Von Danuta Schmidt
Kennengelernt habe ich sie, da war ich wohl fünf Jahre alt. „Kennengelernt“. Das muss ich wirklich sagen, denn ich sah sie ja jede Woche und fühlte mich mit ihr sehr verbunden. Das kennt Jeder, Jede, wenn man sympathische Menschen, Gesichter, immer und immer wieder sieht. Einmal in der Woche zum Abendgruß des Sandmännchens trafen wir uns vor der Mattscheibe, damals in den Siebzigern in unserer Neubauwohnung. Ja, sie war bei mir zu Hause! Meine Oma nähte mir Puppenkleider für meine Puppen, Frau Puppendoktor Pille im weißen Kittel hatte die passenden Ratschläge für mich als „Puppenmutti“ und zu allen Lebensthemen. Selbstverständlich. Diese schwarze Brille, wie sie diese aufsetzte, ihr hübsches Gesicht, ihre sanfte, einfühlsame Stimme. Wie sie damals scheinbar leblosen Teddys und Puppen eine Seele gab, sie sogar verletzlich machte, würde ich es heute formulieren, das zog mich als Kind magisch an. "Habt Ihr Ku**er oder Sorgen, dann schreibt gleich morgen an Frau Puppendoktor Pille…" so rief Urte Blankenstein ihre kleinen Fernsehzuschauer von 1968 bis 1988 auf. 20 Jahre lang! Und dann setzte sie ihre große, kluge Brille auf. Später änderte sie diesen Satzteil in „große runde Brille“, da eine Brille ja nicht klug sein könne, wie sie mir fast 50 Jahre später erzählt. Hier wird deutlich, dass dies zwar sprachlich korrekt, doch nicht unbedingt phantasievoll ist und hier wird auch deutlich, was Urte Blankenstein vermochte: die Phantasie ihrer jungen Zuschauer anzuregen, sie aufzumuntern, zu erheitern. Sie nahm ihre jungen Zuschauer in ihrer Sprechstunde sehr ernst, ihre Sorgen und Nöte. Mit ihren geflochtenen Zöpfen erinnerte die dunkelhaarige Schönheit ein bisschen an Pippi Langstrumpf. Doch während Pippis Zöpfe abstanden, sie die Welt auf den Kopf stellte und allerlei Schabernack trieb, schloss Frau Dr. Pille auf eine liebe, fürsorgliche Art Kinder in ihr Herz und spielte sich in die Herzen der Kinder, die heute gestandene Eltern sind.
Schon 1952 strahlte das DDR-Fernsehen künstlerisch erarbeitetes und pädagogisch wertvolles Kinderprogramm aus, das berühmte Sandmännchen ist heute eine Legende. Nach der Wende wurden im vereinten Deutschland fast alle Fernsehlegenden des DDR-Fernsehens totgesagt, tot geschrieben oder vergessen. Auch Urte Blankenstein. Auch ich, die ich 15 Jahre lang Perlen des Fernsehens, des Theaters, Musiker und Schriftstellerinnen öfter auch aus der Versenkung holte, hatte sie nicht mehr vor Augen. Doch dann sah ich sie wieder vor einem Jahr, im Februar 2024 saß sie im MDR Riverboat. Ich erkannte sie nicht, ich sah nur, dass da eine ältere Frau mit rotem Haar und einer wunderbaren Ausstrahlung saß. Als Kim Fisher sie vorstellte und zu stammeln begann, als es ums Alter ging, nahm Frau Blankenstein das Ruder an sich und sagte sinngemäß: „Sagen Sie ruhig, wie alt ich bin: Ich bin 80 und ich fühle mich sehr gut.“ Da sah ich sie also wieder, nun mit rotem statt schwarzem Haar, die Brille weg. Und wieder ein Mensch, eine Frau, die mir ein Vorbild im Älter werden ist, dachte ich.
In diesem Jahr plante ich eine Reihe, sie heißt „Fern Sehen“ in der Berliner Mark-Twain-Bibliothek und ich dachte sofort an Frau Puppendoktor und schrieb ihr eine email. Denn sie hatte mit 81 Jahren eine eigene website. Und ging bereits seit Jahren mit Frosch Quaki quer durch Ostdeutschland auf Tour. Prompt meldete sie sich kurz darauf an meinem Telefon. Ja, ich hatte Frau Puppendoktor an der unsichtbaren Leitung! Ich war glücklich wie lange nicht mehr. Und wir waren sofort verbunden, tauschten uns aus über Frauenthemen, über Kinder, die Schule, die heutige Zeit, das fehlende Miteinander, die hohen und immer höheren Preise, die das gute Leben kostet, über den Kahlschlag in der Kultur. Mitten in der Corona-Zeit 2020 erschienen ihre Lebenserinnerungen fast unbeachtet. Schließlich durften monatelang keine Live-Veranstaltungen durchgeführt werden. Davon erzählte sie mir auch. Wir telefonierten zweimal mehrere Stunden und wurden beide nicht müde dabei. Über die dürren Zeiten in der Kultur sprachen wir immer wieder, denn ich wollte mit ihr Veranstaltungen machen in diesem Jahr, in dem es die Kultur so schwer hat wie gefühlt Jahrzehnte nicht. Öfter sagte sie dennoch: „Wie haben wir es in der Kultur doch so gut! Wir tun, was wir lieben. Und ich kann immer noch Muggen machen, auch mit 80.“ Ja, Muggen wollten wir einige machen, in Marzahn, in Sassnitz und in Prerow.
Schon öfter hatte ich Gäste geladen, die bereits ein reifes Alter hatten: Sigmund Jähn, Gisela Steineckert, Hans Modrow, Täve Schur. Alle, alle kamen sie und daher dachte ich nicht im Traum daran, dass aus unserem Intermezzo nichts werden würde. Wir hatten so viel zusammen vor: Urte schlug ein gemeinsames Kaffeetrinken im Frühling in Köpenick vor, das sei nicht weit von Johannisthal, wo sie in einer kleinen Wohnung wohnte, in der Nähe des ehemaligen DDR-Fernsehens. Wohnen in der Nähe des Arbeitsplatzes war in der DDR ein Prioritätsthema. Wir planten also einige gemeinsame Veranstaltungen, Kaffee trinken, sogar einen gemeinsamen Podcast regte die betagte und zugleich so jugendliche Frau an. Es standen nur Untersuchungen im Raum. Ich machte ihr Mut und in meinem manchmal grenzenlosen Optimismus, gepaart mit ihrer Lebendigkeit, dachte ich nicht in meiner größten Phantasie daran…Dass sie nun selbst Arzttermine in Anspruch nahm, diese quicklebendige Frau, konnte ich also gar nicht richtig glauben. Und auch, als sie mir sagte, dass etwas mit ihrer Herzklappe nicht ok sei, beruhigte ich sie und sagte: Na, das wird schon wieder. Deine Arbeit gibt Dir die Kraft und Spaß! Doch plötzlich musste Frau Pille viele Pillen schlucken, obwohl die Fernsehärztin immer wieder sagte: „Lachen ist ansteckend und die beste Medizin“.
Urte Blankenstein starb am Sonntag. An diesem Tag hätte sie eine Mugge im Theater Ost in Adlershof gehabt. Ausgerechnet in Adlershof! Als ich von ihrem Tod erfuhr, musste ich weinen. Es war ein Trauertag, doch am Ende des Tages konnte ich mich trösten: Vielleicht ist es genau diese Unsterblichkeit, die manche Menschen mit ins Grab nehmen. Eine schöne Unsterblichkeit. Bei unserem letzten Telefonat am 2. April sagte sie: Es ist doch erstaunlich: Ich fühle mich so verbunden mit Dir, obwohl wir uns noch nicht einmal gesehen haben, doch als kennen wir uns schon ganz lange! Ja natürlich liebe Frau Puppendoktor, so ist es ja auch! Und wir werden immer sehr dankbar und glücklich verbunden bleiben über unsere gemeinsam verbrachte Zeit.