03/09/2026
eine Gastveranstaltung in unserem Haus
WZ vom 3.9.26 - Seite 28 / Kulturbühne Kammerchor „Cantus firmus Wetterau“ beeindruckt im Alten Hallenbad
„Heut ist so recht ein Tag der Freude!“
Friedberg – Romantische Chormusik: Was könnte mehr zu Herzen gehen? Es ist diese unvergleichliche Symbiose aus kindlich überschäumender, inniger Freude an der Natur und Sehnsucht nach dem Unendlichen, überschattet von Wehmut und letztlich auch Trauer über die Vergänglichkeit allen Lebens.
Wer sich dieses Erlebnis am letzten Sonntagabend gönnen mochte, brauchte seine Schritte nur ins Theater Altes Hallenbad zu lenken. Hier erwartete ihn bzw. sie der durch zahlreiche Auftritte wohlbekannte Kammerchor „Cantus firmus Wetterau“ mit einem wunderbaren Programm.
„Sechs Lieder im Freien zu singen“, Felix Mendelssohns op. 61, machten den Anfang. Schon nach wenigen Minuten hatte sich der Große Saal in einen klingenden Zaubergarten verwandelt.
„Und frische Nahrung, neues Blut / saug ich aus freier Welt; / wie ist Natur so hold und gut, / die mich am Busen hält! ... Aug, mein Aug, was sinkst du nieder? / Gold‘ne Träume, kommt ihr wieder?“ So heißt es in den letzten Zeilen von „Auf dem See“ nach Goethes Gedicht.
Drei weitere Lieder des Zyklus sind Vertonungen von Gedichten Heinrich Heines aus seinem „Buch der Lieder“. Hier wird die Ambivalenz der romantischen Gefühlswelt mit Händen greifbar, zumindest, wenn sie so professionell und empathisch zum Klingen gebracht wird wie vom „Cantus firmus“-Chor.
Worin liegen die Stärken dieses kompakten, rund 30-köpfigen Klangkörpers? Vorab ist es die präzise, klar verständliche Diktion, die jedes Mitlesen im Programmheft erübrigt. Fast ein Drittel des Chors stellen die Sopranistinnen. Dass sie das Gesangsgeschehen trotzdem zu keinem Zeitpunkt dominieren, dass alle vier Stimmlagen ausgewogen, „auf Augenhöhe“, zusammenwirken, ist das große Verdienst von Chorleiter Michael Muche.
Für manch ältere Gäste des kurzen, aber desto intensiveren Konzerts vielleicht ungewohnt: In krassem Kontrast zur zauberhaft entrückten Musik agiert als „poetischer Brückenbauer“ der bekannte Poetry-Slammer Thorsten Zeller.
Es hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass auch Felix’ vier Jahre ältere Schwester F***y eine Tonsetzerin von hohen Graden ist und ihr Stern bis heute nichts von seiner Leuchtkraft verloren hat.
Die kongeniale Interpretation ihrer sechs „Gartenlieder“, op. 3, durch „cantus firmus“ führte dies im Alten Hallenbad klar vor Augen. Vor allem die Sopranistinnen sind hier gefordert und werden der Herausforderung voll gerecht.
Auch F***ys Vertonungen (u. a. dreimal Eichendorff) zeichnen sich durch eine wunderbare „Melange“ grundverschiedener Stimmungen aus. Es ist eine Klanglandschaft mit weiten Ausblicken in eine verheißungsvolle Ferne. Den heimischen Garten lässt sie dabei weit hinter sich …
Antonín Dvořák war sechs Jahre alt, als Felix und F***y 1847, viel zu früh!, diese Welt verlassen mussten. Dass er zumindest teilweise noch in romantischen Spuren wandelt, erhellt aus seinem fünfteiligen Zyklus „In der Natur“, op. 63.
Seinen Liedern fehlt die Tiefe und Komplexität der romantischen Tongemälde. Sie feiern das Leben, fern von Melancholie oder gar Todessehnsucht. Hier lautet die Devise: „Heut‘ ist so recht ein Tag der Freude!“ Gleiches galt für die beglückende Stunde mit „Cantus firmus“ und Thorsten Zeller.
Lang anhaltender Applaus wird mit Elgars „Oh, wild west wind“ belohnt.
GERHARD KOLLMER