13/03/2021
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Ich sitze am 13.03.20 im außergewöhnlich angenehmen Backstagebereich der legendären Stuttgarter Spielstätte LKA Langhorn, wo heute die dritte Show meiner EMUNA-Tour stattfinden soll, und genieße ein spätes Frühstück. Die Crew ist schon seit vielen Stunden mit dem Aufbau unseres Equipments beschäftigt.
Nachdem am 06.03 endlich mein siebtes Solo-Album „EMUNA“ erschien, stand ich schon vier Tage später mit meiner neunköpfigen Band beim Auftaktkonzert der gleichnamigen Tour in Saarbrücken auf der Bühne. Wir waren alle sehr aufgeregt. Im Proberaum zu üben oder auch – wie wir es zuletzt taten – in einer leeren Konzerthalle mit Licht, PA und allem außer Publikum, ist schön und gut, aber einfach nicht damit zu vergleichen, vor Menschen zu stehen. Diese Intensität ist nicht simulierbar. Mein Kollege Ali Neander sagt schon seit jeher, dass ein echtes Konzert etwa zehn Proben entspricht, was das Wachstum einer Band betrifft, und ich bin davon überzeugt, dass er recht hat.
Der Tag nach der ersten Show war ein Off-Day, den ich zuhause verbrachte. Hier hatte ich Gelegenheit, die Pressekonferenz der Kanzlerin zum Thema Corona zu verfolgen. Ich war in den vergangenen Wochen so sehr in meiner eigenen kleinen Welt, die praktisch nur aus Albumveröffentlichung und Tourvorbereitung bestand, dass ich wenig Notiz von dieser Angelegenheit nahm. Ehrlich gesagt fühlte ich mich, als ich zuletzt auf der Rückfahrt von einer Probe im Radio davon hörte, lediglich dazu genötigt, an einem Kiosk anzuhalten und mir ein paar Flaschen des gleichnamigen Bieres zu kaufen. An diesem Off-Day erahnte ich erstmals die Ernsthaftigkeit der Situation und welche Konsequenzen das Ganze für mich und mein Umfeld haben könnte. Die Kanzlerin sagte, dass ein etwas längerer Blick in die Augen sehr gut einen Handschlag ersetzen könne. Natürlich ist das vernünftig, passte aber so gar nicht zu meiner Realität.
Es gehört bei meinen Konzerten einfach dazu, sich mit den Menschen, denen man hier begegnet, mit denen man für gute zwei Stunden eine Einheit bildet, in den Armen zu liegen. Wir kommen hier alle emotional sehr eng zusammen und das bildet sich eben auch körperlich ab. Ein Konzert zu spielen, bei dem mich die Schwestern und Brüder, die meinetwegen rausgekommen sind, nicht berühren dürfen, ist für mich unvorstellbar. Ist doch Nähe letztlich alles, worum es in meiner Kunst geht.
Als wir am Abend des freien Tages wieder im Tourbus auf dem Weg nach Nürnberg saßen, gab es kaum ein anderes Thema. Auch als ich in Nürnberg vor der Halle aufwachte, mich aus meiner sehr angenehmen Koje rollte und zum Frühstück in die Halle begab, sprachen alle nur von dem Virus. Am Nachmittag telefonierte ich vor und nach dem Soundcheck mehrfach mit dem Büro. Es wurde immer klarer, dass unsere Haltung, so lange zu spielen, wie lokale Veranstalter es erlauben und Menschen zu unseren Shows kommen, nicht die vernünftigste ist. Nach monatelanger Vorbereitung auf etwas, das einem als das Wichtigste der Welt erscheint, einzusehen, dass es dann doch noch ein paar wichtigere Dinge gibt, ist nicht ganz so einfach, wie man es sich von außen vorstellt. Jedenfalls schmerzte es mich, Band und Crew zusammenrufen zu müssen, um ihnen zu erklären, dass unsere übernächste Show in München wahrscheinlich nicht stattfinden wird und ich selbst nicht weiß, wie es weitergeht. Der Umstand, dass der Umgang mit der Situation Länder-, ja in manchen Details sogar Sache der Kommunen ist, machte das Ganze nicht einfacher.
Die Show in Nürnberg war wundervoll und führte mir erneut vor Augen, dass mir die Vermeidung von Körperkontakt mit den Menschen, die mir hier Liebe geben, schlicht und ergreifend nicht möglich ist. Als ich mich nach der Show wie üblich nach draußen begab, um Fotos mit Brüdern und Schwestern zu machen, Autogramme zu schreiben und mich mit meinen Leuten auszutauschen, umarmten mich liebe Menschen und ich konnte nicht anders als ihre Umarmungen zu erwidern, auch wenn es ganz offensichtlich gegen alle Vernunft ist. Über dieses Dilemma sprach ich anschließend lange im Bus mit Katja Kuhl, die uns wieder begleitete, um die Tour zu dokumentieren. Katja und ich erreichten Einigkeit darüber, dass hier dringend eine einheitliche Entscheidung der Politik gefragt ist, während sich unser Bus Richtung Stuttgart bewegte.
Hier sitze ich nun, wie gesagt, im LKA Langhorn, bis ich aufstehe, um mir noch einen Tee zu machen. Als ich mit meinem Ingwertee in der Hand zu meinem Platz zurückkehre, steht unser Produktionsleiter Ray vor mir und erklärt, dass jemand vom Haus den Stagehands gesagt habe, sie sollen mit dem Aufbau aufhören, da das Konzert heute nicht stattfände. In diesem Moment kommt auch schon unser Tourmanager Jan mit Telefon am Ohr auf uns zu und bestätigt, dass unsere Show off ist. Der Oberbürgermeister Stuttgarts habe gerade in einer Pressekonferenz verkündet, dass aufgrund der Infektionsgefahr mit dem Coronavirus alle Veranstaltungen in der Stadt abgesagt und alle Lokale geschlossen werden.
Wir alle wissen spätestens seit gestern, dass Termine ausfallen werden und dass es unvernünftig ist, einfach so weiterzumachen wie bisher. Ich sagte vor weniger als 15 Stunden noch zu Katja, dass ein eindeutiges Zeichen aus der Politik vonnöten sei. Hier ist eines. Wenn auch nur auf kommunaler Ebene und nur Stuttgart betreffend. Dennoch fühlt es sich an, als habe gerade jemand mitten im Konzert den Strom gekappt. Die Enttäuschung und Ratlosigkeit steht meinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern deutlich ins Gesicht geschrieben. Auch als wir einige Stunden später alle im Bus sitzen und zurück nach Frankfurt fahren, herrscht Tristesse, während es an den Smartphones meiner Kolleginnen und Kollegen, die natürlich auch mit anderen Bands unterwegs sind, Absagen hagelt.
Den folgenden Tag – es ist Samstag – verbringe ich damit, mich zu fragen, wie es wohl weitergeht, und mich über dumme Anfragen, ob dieses oder jenes Konzert denn nun stattfinde, zu ärgern. Ich kenne die Antwort auf die Fragen nicht. Kennte ich sie, hätte ich sie doch längst mitgeteilt, so wie ich, sofort nachdem ich Kenntnis von der Situation in Stuttgart, München, Hannover und Braunschweig erlangte, diese Informationen teilte.
Montag wird langsam aber sicher Stadt für Stadt offiziell, was wir alle längst ahnten: Meine Tour ist nach nur zwei Shows schon wieder zu Ende. Zig Monate Planung und Vorbereitung für die Tonne. Ich will gar nicht wissen, was das in Euro macht.
Die ganze Situation ist natürlich völlig surreal. Allerdings wird sie in meinen Augen dadurch deutlich erträglicher, dass sie alle betrifft. In meiner Vorstellung gibt es gerade niemanden, auf den diese Krise keine Auswirkungen hat. Nicht auszudenken, was hier los wäre, beträfe uns das hier alleine. Außer ab und zu mal im Büro vorbeizuschauen, weiß ich mit mir nicht viel anzufangen. Zu hart wurde ich gerade von 250 km/h auf Stillstand runtergebremst. Nach einer guten Woche höre ich auf, mir täglich vor Augen zu führen, in welcher Stadt ich gemäß Plan heute eigentlich spielte. Mein Team arbeitet natürlich mit Hochdruck an einem Routing für die Nachholtermine der Tour. Schon am 20. März verkünden wir die Termine für Januar/Februar 21.
Heute, genau ein Jahr nach dem denkwürdigen Tag in Stuttgart, ist natürlich klar, dass auch die Nachholtermine nicht stattfanden. Meine Band, Crew und ich haben jetzt seit genau einem Jahr gar nicht spielen können. Ich will mich wirklich nicht beklagen, da ich weiß, dass andere Menschen viel härter von der ganzen Situation getroffen sind als ich persönlich, und ich auch anderen Tätigkeiten nachgehe als Liveshows zu spielen. Allerdings möchte ich heute darauf aufmerksam machen, dass meine Kolleginnen und Kollegen nun seit genau einem Jahr ihren Beruf nicht mehr ausüben können. Gar nicht.
FFWL
moses
Moses Pelham Band, Frankfurt am Main