19/06/2020
https://youtu.be/Tj4FA7BGGkQ
Am 18. Juni 1988 spielen Depeche Mode im Rose Bowl in Pasadena den bis dahin größten und wichtigsten Gig ihrer Karriere. Mehr als 60.000 Zuschauer hieven die Karriere der Band an diesem Abend in Kalifornien auf das nächste Level. “101” ist das außergewöhnliche Dokument einer magischen Nacht unter freiem Himmel.
Nicht jeder hat den augenzwinkernden Humor von Depeche-Mastermind Martin Gore in der Vergangenheit richtig als solchen interpretiert. Den Titel für “Music For The Masses” aus dem Jahr 1987 entsinnt Gore in dem festen Glauben, dass der gefeierte Kult-Act aus Basildon mit seiner Musik niemals den Mainstream erobern wird. Ein Jahr später hat er sich als selbst erfüllende Prophezeiung erwiesen. Was ist geschehen? Auf “Music For The Masses” haben Depeche Mode ihrer dunklen Seite eine Prise Zugänglichkeit verpasst, die alte Fans nicht verprellt, aber auch für eine neue Hörerschaft attraktiv ist.
“Alle dachten, wir seien verückt”
Mit dem Album im Gepäck geht das Quartett auf die längste Tournee ihrer Geschichte. Zu den Highlights zählt dabei ein Auftritt in Ost-Berlin, doch den absoluten Höhepunkt hebt sich die Band für den Schluss auf – ihren ersten Gig in einem Stadion. Kalifornien ist eine Hochburg für Depeche Mode, doch dass eine Synthesizer-Band 60.000 Menschen in eine Football-Arena locken kann, glaubt nicht mal ihr eigenes Umfeld. Dave Gahan erinnert sich: “Alle dachten, wir seien verrückt – selbst die Leute, die für uns arbeiteten.” Doch die Band lässt sich nicht beirren, im Gegenteil, man plant groß. Der legendäre Dokumentarfilmer D. A. Pennebaker (u.a. Bob Dylan, David Bowie) wird engagiert, um den Abend für die Ewigkeit festzuhalten. Der mutige Schritt wird belohnt, der Kartenverkauf ist gigantisch.
Anfang einer neuen Ära
Doch irgendwann wird der Band klar, worauf sie sich eingelassen hat, und die Stimmung beginnt sich zu drehen. Vor dem Konzert gibt es massenhaft technische Schwierigkeiten mit Bühne und Verstärkeranlage, Dave droht seine Stimme zu verlieren und Martin wirkt beim Soundcheck merkwürdig abwesend. Die Nervosität steigt mit jeder Minute. Erst als der Opener “Pimpf” vom Band läuft, verwandelt sich die Anspannung in Euphorie.
Neben den schieren Dimensionen bleiben vor allem zwei Dinge bis heute in Erinnerung: Die lokalen Helfer können sich nicht daran erinnern, dass es im Juni je hier geregnet hat. Doch mitten im Refrain zu “Blasphemous Rumours”, in dem Dave von Gotts krankem Sinn für Humor fabuliert, öffnet sich der Himmel und ein Sturzregen prasselt auf Band und Publikum ein. Und dann ist da noch die Sache mit dem Weizenfeld: Im finalen Instrumentalpart von “Never Let Me Down Again” beginnt Dave – spontan, wie er bis heute betont – mit den Armen zu wedeln. Das gesamte Stadion macht es ihm nach. Gore & Co. stehen einigermaßen fassungslos auf der Bühne. Es ist der Beginn einer neuen Arä. Auch wenn Dave Gahan das anfangs ganz anders sieht: “Anschließend dachte ich, dass nun alles vorbei wäre. Es gab kein Ziel mehr. Was sollten wir als nächstes tun? Es war, als hätten wir unser Ziel erreicht.” Der Sänger irrt. 101 katapultiert Depeche Mode in eine neue Umlaufbahn. Ab diesem Moment spielt die Band tatsächlich Music For The Masses.
Text: Chris Hauke
"101" is a live album and documentary by the English electronic band Depeche Mode released on 13 March 1989 chronicling the final leg of the band's 1987/1988...