09/10/2025
Edith und Mina - Szenische Lesung am 24. Oktober um 19 Uhr in der Schillerschule
Kunst und Kultur Erzhausen und der Ortskundliche Arbeitskreis laden ein
Der in Darmstadt geboren Regisseur, Intendant und Theaterautor Jürgen Flügge erzählt die Geschichte seiner Mutter in der NS-Zeit. Grundlage seines bewegenden Einpersonenstückes waren Dokumente, Fotos und Erinnerungsstücken aus dem Koffer seiner verstorbenen Mutter. Im Mittelpunkt steht die Freundschaft seiner Mutter Mina mit dem jüdischen Mädchen Edith, die in den 30-er Jahren begann.
Vor der Lesung hat Jürgen Flügge einige Fragen beantwortet.
(K*K) Sie sind Regisseur, Intendant und Schauspieler. In der szenischen Lesung erzählen Sie die Geschichte der Freundschaft zwischen Ihrer Mutter Mina und der etwas jüngeren Jüdin Edith. Auch von Ihnen ist die Rede. Ist es etwas anderes, ein Stück zur eigenen Familie zu schreiben und es selbst aufzuführen als vorgegebenen Stoff zu verarbeiten?
(Jürgen Flügge) Es ist in der Tat etwas anderes, ein Stück über die eigene Familie zu entwickeln, als ein vorgegebenes Produkt zu inszenieren. Für mich war es Erinnerungsarbeit und gleichzeitig der Versuch, das Verhalten meiner Mutter während der Nazizeit zu verstehen. Welche Konflikte hatte sie, weil sie Umgang mit jüdischen Menschen hatte, die sie auch noch sehr geschätzt und geliebt hat? Sie hat mir zwar immer wieder viel davon erzählt, so viel, dass ich es oft nicht mehr hören wollte. Aber der Fund ihrer Korrespondenz mit der Familie Westerfeld vor deren Deportation in den sicheren Tod, hat mich noch einmal auf ganz andere Weise berührt und mich meine Mutter noch einmal anders erleben lassen.
Sie war wohl die einzige im Dorf, die während des Naziterrors zu der jüdischen Familie gehalten hat und sie hat versucht, die Kinder zu retten. Das alles hat meine Mutter nie ausführlich erzählt, und erst in den Briefen aus ihrem Koffer konnte ich erkennen, wie wichtig ihr die persönliche Beziehung zu der Familie Westerfeld war. Ich glaube, meine Mutter hat sich nie politisch, ideologisch entschieden, sondern immer menschlich. Sie hat die Familie Westerfeld als Teil ihrer eigenen Familie gesehen. Was für mich eine neue Dimension in der Geschichte mit meiner Mutter und in der Beziehung zu ihr war.
(K*K) Kernstück der szenischen Lesung ist der Koffer Ihrer Mutter, den Sie erst nach ihrem Tod erhalten haben. Warum wurde er nicht schon zu Lebzeiten Ihrer Mutter geöffnet und darüber gesprochen?
(Jürgen Flügge) Der Koffer meiner Mutter war Aufbewahrungsort für ihre Erinnerungen. Aber er war auch das Versteck für die Briefe und Bilder der Familie Westerfeld. Ich glaube, es war für meine Mutter ähnlich traumatisch, diesen Koffer zu öffnen wie es das für mich war, als ich nach ihrem Tod diesen Koffer fand. Sie hat ihn erst geöffnet, als Edith Westerfeld im Alter von 65 Jahren zu ihr aus Chicago Besuch kam. Weil es ja die Erinnerungen an die Familie Westerfeld waren, die sie aufbewahrt hatte, wollte sie diese auch nur an die Familie Westerfeld übergeben. Sie hatte noch viele andere Kleinigkeiten aufgehoben, welche sie beim Besuch von Edith und ihrer Tochter Fern hervor kramte und übergab. Fotos, Kinderspielzeug, Briefe!
Das einzig Materielle, was von der Familie Westerfeld erhalten geblieben war
(K*K) Mina und Edith haben sich als junge Mädchen in einer dunklen Zeit kennengelernt. Was können Menschen, die heute in dem Alter sind, aus Ihrer Erzählung lernen?
(Jürgen Flügge) Faschistisches Denken und Gebaren, nationalistische Dummheiten und Menschenverachtung beginnen nicht erst, wenn ein entsprechendes Regime an der Macht ist. Der alltägliche Faschismus, den meine Mutter in dem kleinen Dorf erlebte, kündigte sich bereits lange vor 1933 an. Wenn Menschen ausgegrenzt werden, wenn verächtlich über eine ganze Menschengruppe geredet und entsprechend gehandelt wird, dann muss man sich der Anfänge erwehren. Die Lügen, Gemeinheiten, Hetze, die "Banalität des Bösen", wie es Hannah Arendt so treffend formulierte, sind die Grundlage für Regime, wie wir sie zum Teil heute in den unterschiedlichsten Formen auf der Welt wieder erleben. Wenn wir weiterhin unsere Freiheit in unserem Land behalten wollen, dann müssen wir die Freiheit aller Menschen verteidigen, die in diesem Land leben.
Unterstützt wird die Lesung von Merck Darmstadt.
Ort: Schillerschule Hauptstraße 12, 64390 Erzhausen
Einlass 18 Uhr
Beginn 19 Uhr
Eintritt frei