17/06/2021
Ein Gastkommentar von Dr. Michael Weiler, seit 35 Jahren Tierarzt in Gelnhausen:
"Der unten genannte Vorfall (Anmerkung: Zwei Pferde im Kreis Nienburg gerissen) führt alle Beteuerungen und Verharmlosungen durch unsere sogenannten Wolfsexperten ad absurdum.
Das beste Beispiel ist dabei unsere Wolfsbeauftragte in Hessen. Die Aussagen über die angebliche Scheu des Wolfes, dass große Tiere nicht gerissen werden und man mit herkömmlichen Elektrozäunen Schafe, Ziegen, Rinder und Pferde schützen könnte, erweisen sich als substanzlos. Nur der Beruf des Biologen und kurze Lehrgänge qualifizieren für derart verantwortungsvolle Ämter alleine nicht. Ich würde allen, die solche verharmlosenden Aussagen treffen ein mehrmonatiges Praktikum im Forst und der Landwirtschaft in wirklichen Wolfsgebieten wie den Karpaten oder russischen Wolfsgebieten empfehlen und die Menschen dort zu befragen, die seit Jahrhunderten mit dem Wolf leben. Dort schüttelt man den Kopf oder entlockt ihnen einen mitleidvolles Grinsen, wenn sie von der hiesigen Wolfspolitik erfahren.
Wenn er hier wieder heimisch werden soll, muss der Wolf lernen mit den Menschen zu leben und nicht umgekehrt, wie es die hessische "Expertin" gerne hätte. Es ist nicht nachvollziehbar, warum man für eine nicht vom Aussterben bedrohte Tierart alle Errungenschaften und aktuellen Bestrebungen der tierwohlgerechten Weidetierhaltung über Bord werfen soll. Welches Recht hat der Wolf Weidetiere, die den Menschen ans Herz gewachsen sind, zu denen, wie bei Pferden, persönliche emotionale Bindungen bestehen, stückweise zu fressen und über Stunden langsam verenden zu lassen oder wie das Rudel bei Cuxhaven, Rinder in Marschgräben zu treiben, um sie von hinten an langsam zu fressen und über Tage als lebenden Kühlschrank zu nutzen?
Der Wolfsschutz ist mittlerweile zu einem einträglichen Wirtschaftsprojekt von Naturschutzverbänden geworden, die Wolfspatenschaften und Spenden von städtischen Wolfsromantikern einsammeln, die nicht ansatzweise nachvollziehen können, welches Leid er in einer Kulturlanschaft wie in Deutschland bei Tier und tierhaltenden Menschen verursacht.
Das weitere Vorantreiben des Wolfsschutzes wird das Ende der hiesigen Weidetierhaltung zur Folge haben und uns in die Form der Tierhaltung vor 150 Jahren zurückversetzen, wo nur tagsüber und unter Hirten- und Herdenhundbewachung Weidehaltung möglich war.
Ein guter Freund aus Ost-Serbien sagte mir letztens: "Ihr betreibt ein Spiel mit dem Feuer. Es ist bei Euch eine Frage der Zeit, wann es den ersten Zweibeiner erwischt. Je besser der Weidetierschutz und je knapper dadurch das Nahrungsangebot in der Aufzuchtzeit, besonders in Siedlungsbereichen wird, desto größer ist die Gefahr, dass er sich eine leichter zu erreichende Beute sucht...".
Die angebliche "natürliche" Scheu verschwindet ohne Jagddruck in kürzester Zeit und wird den nachfolgenden Generationen angewölft.
Aber wie ich unsere Wolfsexperten kenne, wäre in einem solchen Fall nicht der Wolf schuld, sondern das Opfer, das bestimmt durch sein Fehlverhalten einen falschen Schlüsselreiz gegeben hat."