18/12/2013
Theater macht Schule, aber nicht nur
Die Förderschule nutzt ein Angebot der Aktion Zivilcourage. Schüler und Lehrer sind von sich selbst überrascht.
Immer wieder wandern die Augen der Neuntklässler der Ehrenberger Förderschule zur Tür der Aula. Sie haben am Freitag auf einen ganz speziellen Gast gewartet, auf einen, der mit ihnen Theater spielt. Nur nicht das klassische Märchen. Bei dem Stück geht es um Selbsterfahrung, um Diskriminierung, um Nationalsozialismus.
Das Thema behandeln die Schüler derzeit bei Martin Eichner im Geschichtsunterricht. Klassenlehrerin Katrin Niebisch liest gleichzeitig mit ihnen das Tagebuch der Anne Frank. Da kam das Angebot der Aktion Zivilcourage gerade recht. Schulen konnten sich für das Projekt „Theater macht Schule – aber nicht nur“ bewerben. Und da die Ehrenberger Förderschule bereits mehrere Anti-Gewaltprojekte anbietet, hat die Schulleitung sofort zugesagt. Die Idee zum aktuellen Projekt hatte der Politikwissenschaftler Julian Nejkow. Und er ist auch der Gast, der den Unterricht am Freitag mit den Schülern gestaltet. Nejkow hat gemeinsam mit dem Schauspieldramaturg des Ulmer Theaters, Daniel Grünauer, das Theaterstück entwickelt, das die Schüler zum Beispiel Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen aussetzt. Sie lernen dabei, wie sie sich selbst fühlen, wie sie damit umgehen und sich auch dagegen wehren können.
Ausgangspunkt sind Karikaturen des Österreichers Kurt Halbritter, der in seinen Bildern die Aus- und Abgrenzung im Alltag des Nationalsozialismus beschreibt. Mit dem Improvisationstheater schlagen Julian Nejkow und Daniel Grünauer eine Brücke zum Heute mit Diskriminierung und Alltagsrassismus. Für die Ehrenberger Schüler ein spannendes Projekt – und es beginnt schon, indem sie am frühen Morgen in die Rolle eines Mitschülers schlüpfen und als dieser empfinden sollen. Geschickt gelingt es dem Referenten dann, die Schüler ans Thema Nationalsozialismus heranzuführen. Und da können sie einiges bereits Gelernte mit einbringen. Wer hat aktiv im Nationalsozialismus mitgemacht? Wer hat zugeschaut und nichts getan? Wer wurde ausgegrenzt? Themen, die die Schüler im Unterricht behandeln, die aber jetzt im Theaterprojekt eine ganz neue Bedeutung erlangen sollen.
Aber wo bleibt nun das Theaterstück? Die Förderschüler sind neugierig. Julian Nejkow präsentiert die Karikaturen. Ungläubiges Staunen macht sich erst einmal in der Aula breit. Dass sie das nachspielen können, glauben die Schüler anfangs nicht. Es ist für sie eine ganze neue Erfahrung. Und es ist zu spüren, wie aufgeregt sie sind. Doch es gelingt. Der Referent schafft es immer wieder, die Schüler zum Thema hinzuführen. Und letztendlich steht auch für die beiden Lehrer fest, dass es eine richtige vollkommen Entscheidung war, dieses Theaterprojekt der besonderen Art an die Schule zu holen.