11/08/2026
Die Kunst Christa Jeitners (*1935) fächert sich in verschiedenen Themen und Gattungen auf, doch wird dabei dem Material Textil immer Vorrang gegeben. Die Künstlerin nutzt es, um ihre persönlichen Lebenserfahrungen auszudrücken, die sie mit humanistischen Ideen verbindet. Die Knoten, Schnüre und Taue erzählen von nationalistischen Verbrechen oder beziehen sich auf die einflussreichste Lebensperiode Jeitners in Polen. Die jüngst mit Unterstützung von MUSEIS SAXONICIS USUI - Freunde der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden e.V. von der Künstlerin erworbene „Dreiflügelige Säule“ (1978-80) – auf unterschiedliche, zarte und zugleich robuste Weise gewebt und geknotet – erinnert an bewegte Flügel, während die Säule durch das steile Herabhängen evoziert wird. In der Zusammensetzung der Materialien und dem dadurch entstehenden Nebeneinander von Flächen, die in entgegengesetzte Richtungen des Raumes ausgreifen, zitiert die Künstlerin den Dresdner Hermann Glöckner (1889-1987) und dessen komplexe „Faltungen".
In den Jahren zwischen 1980 und 1986 entstanden plastische Arbeiten aus Tauverknotungen, der Zyklus mit dem Titel „Takelwerk". Drei davon – „Fender“ (1980), „Bündel“ (1981) und „Kleiner Tampen oder Bienenkönigin in Verehrung von Joseph Beuys“ (1981) – gelangten als Schenkung von Petra Pfeiffer 2025 in das Albertinum. Mit diesen Arbeiten nimmt Jeitner eine besondere bildhauerische Position ein, die über die Verwendung herkömmlicher, also traditioneller Materialien hinausgeht. Es sind einzigartige Knotenplastiken, in denen sie vorgefundene Taue und Stricke zusammenbringt. Dabei wird die Kenntnis der Technik des Seilerhandwerks, der Kenntnis von Makramee- und Schifferknoten ersichtlich, in denen der Fender, also in diesem Fall das verknotete Seil oder das gerollte und zerschlissene Tau zugleich zum neuen Gegenstand aufgebaut wird.
Christa Jeitner (*1935) steht stellvertretend für eine Künstler*innen-Generation in der DDR. Die kulturpolitische Verschlossenheit des Landes forderte viele Künstler*innen dazu auf, den Blick auf die liberaleren Nachbarländer auszurichten. Polen der 1960er und 1970er Jahre, wo sich auch Christa Jeitner zu jener Zeit aufhielt, fungierte als solcher Anker für die experimentfreudige und – je nach Möglichkeit – internationale Kunst. Mit nur wenigen Künstler*innen wie der Alternativtheaterregisseur Jerzy Grotowski oder die Textilkunst-Pionierin Magdalena Abakanowicz wurde der kreative Nährboden für den Ostblock vorbereitet. Der Mauerbau bedeutete zwar eine Isolation, aber auch eine neue Wegfindung. Christa Jeitner erinnert sich: „Zur einen Hälfte künstlerisch geprägt von Westberlin, danach zur anderen von Polen, konnte ich mich innerhalb des Systems, in dem ich mich nach dem Mauerbau vorfand, nur unabhängig verhalten, zu welchem Preis auch immer.“
Besonders für die weiblichen Protagonistinnen war es wichtig, ihre Identifikation in einer entindividualisierten Gesellschaft (wieder) zu etablieren. Die verschiedenen Formate wie Mail Art, Performance oder Experimentalfilm wurden ausprobiert. Auch der Bezug auf die mythologischen Figuren von Medea oder Cassandra verstärkte die weibliche Selbstbestimmung im Kampf gegen das Kollektive. Die Wertschätzung dieser Bestrebungen wird jedoch erst im nächsten Jahrhundert zur Geltung kommen.
Dank der großzügigen Unterstützung von MUSEIS SAXONICIS USUI - Freunde der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden e.V. gelangten insgesamt vier Werke von der Künstlerin Christa Jeitner (*1935) in das Albertinum. Es handelt sich um die Schenkung von Petra Pfeiffer 2025 von drei Arbeiten aus ihrem Zyklus „Takelwerk“ (1980-1986) – „Fender“ (1980), „Bündel“ (1981) und „Kleiner Tampen oder Bienenkönigin in Verehrung von Joseph Beuys“ (1981) – sowie um die angekaufte Garnverknotung „Dreiflügelige Säule“ (1978-80). Die Werke sind seit Kurzem in der Skulpturenhalle im Albertinum zu sehen.
– Christa Jeitner erhält den diesjährigen Ehrenpreis des Ministerpräsidenten des Landes Brandenburg für ein Lebenswerk. Dieser Preis ist mit 15.000 dotiert. Der seit diesem Jahr erstmals neu konzipierte Kunstpreis des Landes Brandenburg in den Kategorien Ehrenpreis, Einzelpreise sowie Nachwuchsförderpreis wird am 6.9. im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst | Dieselkraftwerk Cottbus verliehen und geht neben Christa Jeitner an fünf weitere PreisträgerInnen. Der Preis richtet sich an Künstlerinnen und Künstler, die mit ihrer Arbeit die herausragende zeitgenössische Kunstlandschaft Brandenburgs repräsentieren und eine starke Verbindung zum Land aufweisen – durch Wohnsitz, Atelier oder künstlerisches Schaffen.