12/06/2026
Einer wie er fehlt. Zum Tod von Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Hans Maier (1931-2026)
Einer wie er fehlt, und zwar besonders, besonders heute. Hans Maier ist am 8. Juni 2026 verstorben, knapp vor seinem 95. Geburtstag. 2021, also in dem Jahr, in dem er 90 Jahre alt wurde, hat Hans Maier sein letztes Buch publiziert, das den Titel »Deutschland. Wegmarken seiner Geschichte« trägt. Der Band schloss ein knappes Dutzend eigenständiger Buchpublikationen ab, daneben hat Maier aber eine unüberschaubare Fülle von Beiträgen zu wissenschaftlichen und publizistischen Themen veröffentlicht. Eine immerhin fünfbändige Ausgabe seiner »Gesammelten Schriften« (2010 erschienen) hat einen Teil davon zusammengefasst. Ein staunenswert vielfältiges und umfangreiches Werk, zweifellos.
Mit dem letzten Buch ist Hans Maier noch einmal zu seinen wissenschaftlichen Ursprüngen zurückgekehrt, denn er hat seit 1951 zunächst in seiner Heimatstadt Freiburg i. Br., dann in München und Paris Geschichte, Germanistik, Romanistik und Philosophie studiert. Sein ursprüngliches Berufsziel Lehrer hat er zugunsten der sich ihm bietenden Möglichkeit einer akademischen Karriere aufgegeben. Als Schüler des aus der Emigration in den USA zurückgekehrten Arnold Bergstraesser (1896-1964) wechselte er in das in den 1950er Jahren in Westdeutschland noch junge Fach Politikwissenschaft, freilich ohne je seine Wurzeln in der Historie zu verleugnen. Mit 31 Jahren wurde Maier 1962 ordentlicher Professor für politische Wissenschaft an der Münchner Universität. Die bayerische Landeshauptstadt war seither sein Lebensmittelpunkt. Der Politikwissenschaftler wechselte in die praktische Politik, als ihn 1970 der bayerische Ministerpräsident Alfons Goppel (1905-1991) (CSU) als Staatsminister für Unterricht und Kultus in sein Kabinett berief. Hans Maier blieb für mehr als anderthalb Jahrzehnte bayerischer Kultusminister, so dass ich von mir sagen darf, dass ich meine gesamte Schulzeit in gewisser Weise in der Obhut dieses einen Ministers zugebracht habe – mir ist wohl dabei.
Mit Alfons Goppels Nachfolger als Ministerpräsident, dem seit 1978 amtierenden Franz Josef Strauß (1915-1988) (CSU) also, wurde das Verhältnis nie innig; der selbstgewisse Machtpolitiker Strauß und der feinsinnige Intellektuelle Maier passten nicht zueinander. Maier trat schließlich als Kultusminister 1986 zurück, weil er Kompetenzbeschneidungen durch Strauß nicht akzeptieren wollte. Er ist an die Münchner Universität zurückgekehrt, wurde 1988 ordentlicher Professor für christliche Weltanschauung, Religions- und Kulturtheorie, Maier übernahm also den Lehrstuhl, der 1962 für den katholischen Theologen Romano Guardini (1885-1968) eingerichtet worden war. Hans Maier war immer im katholischen Glauben verankert, zugleich war er ein mit weiter Perspektive ausgestatteter, auch Kritik nicht verhehlender Begleiter der katholischen Kirche auf ihrem Weg durch die Moderne. Von 1976 bis 1988 war Hans Maier Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Ach, waren das Zeiten …
Als 68-Jähriger wurde Hans Maier in München emeritiert. Von Ruhestand konnte keine Rede sein, schon die erwähnte Fülle der Publikationen zeugt davon. Als 72-Jähriger war Hans Maier in unserem Haus zu Gast, genauer: am 13. Oktober 2013 sprach er zum Thema »Wider den ‚Ungeist des Hasses, der Feindschaft und des Revanchismus‘ – Vertreibung und Versöhnung. Politische Erfahrungen und ethische Erwägungen«. Eine Sternstunde, zweifellos. Maier war ein eher leiser, bedächtiger Redner, der brauchte keinen Effekt. Gänzlich social media-untauglich, muss man heute wohl sagen. Und zugleich war Hans Maier, der souveräne Intellektuelle, vielerfahrene Politiker und versierte Hochschullehrer ein vollkommen unprätentiöser, freundlich-zugewandter Mensch.
Der große evangelische Theologe Karl Barth (1886-1968), zugleich ein musikliebender Mensch, schrieb einmal, er müsse bekennen, dass er, »wenn ich je in den Himmel kommen sollte, mich dort zunächst nach Mozart und dann erst nach Augustin und Thomas, nach Luther, Calvin und Schleiermacher erkundigen würde.« Ich kann mir gut vorstellen, dass Hans Maier soeben zunächst nach Johann Sebastian Bach gefragt hat. Denn er war nicht nur ein Musikliebender, sondern ein Musiker. Als Elfjähriger hat er in Freiburg begonnen Orgel zu spielen. An der »Königin der Instrumente« ist er dann bis fast zuletzt aktiv geblieben. Und er hat, das Musizieren und das Schreiben miteinander verknüpfend, 2016 eine Geschichte der Orgel publiziert.
Bei uns zu Gast war Hans Maier im Herbst 2013 übrigens nicht zuletzt in seiner damaligen Eigenschaft als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates der Ende 2008 gegründeten Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin. Da fehlt er auch. Besonders. Heute.
Winfrid Halder
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