06/07/2025
Das Innen und das Außen
Einblicke in die Geschichte unseres Vereins
Beim einzelnen Menschen ist ja das Innen der Raum für das Ich, für das Selbst, der Seelenraum etc.
Im Außen dagegen begegne ich den anderen und der Welt. Im Leben bewegen wir uns zwischen diesen beiden Polen hin und her. In Balance sind wir dann, wenn wir eine starke Verbindung nach innen und außen haben.
Auf der Ebene des Gemeinwesens Verein ist das Außen der Raum für zielgerichtete Aktivität und Anspannung im Sinne der Vereinsanliegen und der Aufgabenerfüllung in der Gesellschaft. Das Innen ist der Raum für Ruhe, Entspannung, Erholung, Selbstreflexion, Spiritualität etc.
Innen und Außen bilden zusammen ein Ganzes. Und nur dem Ganzen werden Blüten und Früchte zugesprochen.
Die 30jährige Geschichte unseres Vereins kann in diesem Sinne wahrgenommen werden, nämlich als Bewegung zwischen innen und außen – durchaus nicht immer im Sinne einer Balance.
In den Anfangsjahren unseres Vereins (ab 1994) ging es unseren Vorgängerinnen um Veränderungen
im Außen.
Die Gründungsfrauen um Lie Selter führte ein für sie dringendes sozialpolitisches Anliegen zusammen, mit dem sie direkt in die Öffentlichkeit gingen: die Unterstützung und Förderung von Frauen. Mit großem Engagement hatten sie sich ein anspruchsvolles Ziel gesetzt: sie selbst wollten Firmen gründen, um sichere Arbeitsplätze für Frauen zu schaffen und ihnen eine faire Bezahlung zu ermöglichen. Sie eröffneten eine Dienstleistungsagentur und später einen Edel-Secondhand-Laden im
Beginenfenster.
Durch aufwändige und glanzvolle Benefizveranstaltungen, für deren Organisation sie ihre vielfältigen
Verbindungen zu den Theatern der Stadt, zu Schauspielerinnen und Kabarettistinnen, zu bildenden Künstlerinnen und Musikerinnen nutzten, versuchten die ersten Kölner Beginen, an finanzielle Mittel zu kommen und für den Verein zu werben.
Leider scheiterte die Unternehmensidee, und die Frauen gaben auf.
Nach diesem mutigen und glanzvollen Anfang erfolgte mit dem Beginn des neuen Jahrtausends eine Umorientierung, die frau sich radikaler nicht vorstellen kann: eine Abkehr vom politisch-öffentlichen Raum und Besinnung auf ein ganz nach innen gerichtetes beginisches Selbstverständnis.
Was bedeutet es für uns, Beginen zu sein?
Jetzt beschäftigten sich die Frauen intensiv mit den mittelalterlichen Beginen. Sie besuchen historische Beginenhöfe in Belgien. Sie entdecken „Spiritualität“ und „Gemeinschaft“ als beginische Werte. In dieser Zeit wurde auch die Idee eines gemeinsamen Lebens im Beginenhof geboren.
In den Jahren ab 2006 kamen dann beide Pole ins Vereinsbewusstsein.
Mit dem neuen beginischen Selbstverständnis entstand eine Fülle von Aktivitäten zur Unterstützung von Frauen und Kindern, bei denen sich viele Vereinsfrauen aktiv und engagiert einbrachten.
Zusätzliche Mittel dafür wurden über den Weihnachts- und Ostertrödel im Beginenfenster, über den Verkauf von Kunst und Secondhand-Büchern sowie über die Beginenmanufaktur beschafft.
Zudem fand eine Intensivierung der Kultur- und Öffentlichkeitsarbeit statt. Es gab Vernissagen,
öffentliche Lesungen, Diskussionen, Vorträge zu frauenspezifischen und spirituellen Themen und das Beginenfrühstück.
Das Besondere an dieser Phase war, dass die Beginen gleichzeitig ein intensives Vereinsleben im Innen entwickelten. Ich kann mich sehr gut erinnern, dass uns ein reiches „Innenleben“ zum „Auftanken“ wichtig war. Neben den bisherigen Angeboten (Pilgern, Wandern, Stammtisch, Ausflüge, Radtouren)
entstanden ganz neue Highlights im begineninternen Bereich (Himmel un Ääd, Bohm'scher Dialog, Supervision, gemeinsame Ferien).
Mit Blick auf diese Zeit können wir wirklich von einer Balance zwischen innen und außen sprechen.
Die Jahre der Planung und des Baus des Beginenhofes wirkten sich sehr stark auf das Vereinsleben aus und erforderten eine starke Hinwendung nach außen.
Viele aktive Vereinsfrauen engagierten sich in den Gremien und Ausschüssen der Projektgruppe (ab 2011 Genossenschaft) und den regelmäßig stattfindenden
Projektversammlungen. Daneben liefen alle Vereinsaktivitäten weiter, so dass es in dieser Zeit zu einem außerordentlich hohen Arbeitseinsatz der aktiven Mitfrauen und der Vorstands-frauen kam.
Der Beginenhof selbst folgt in seinem baulichen Konzept dem Prinzip des Innen und Außen.
Jede Bewohnerin hat eine Wohnung für sich, die als Rückzugsraum nach innen bestens geeignet ist.
Zusätzlich gibt es Gemeinschaftsräume für die Begegnung mit den anderen Bewohnerinnen sowie mit Gästen. Auf der Vereinsebene sind die Gemeinschaftsräume Vereinsräume. Der zur Straße hin liegende große Beginentreff ist der Raum für das Außen, nämlich für unsere öffentlichen Veranstaltungen; der in der Mitte des Beginenhofes liegende „Raum der Stille“ ist der Ort für das Innen in der Form von
meist begineninternen Treffen. Von den beiden Innenhöfen kann einer dem Innen und der andere dem Außen zugeordnet werden.
Der Einzug in den Beginenhof brachte einige grundlegende Veränderungen für den Verein mit sich, die eine Balance zwischen Rand und Mitte in den ersten Jahren erheblich erschwerten. Die große Freude
und der Stolz über das erreichte Ziel sowie der Reiz des Anfangs wurden schnell getrübt durch das Übermaß an Aktivität und Anstrengung, die nötig waren, den Beginenhof sowohl als Vereinssitz als auch als neue Heimat von 27 aktiven Vereinsfrauen einzurichten. Dazu kam, dass ein Paradigmenwechsel bezüglich unseres Vereinsziels für Irritationen und Widerstände unter den Mitfrauen sorgte. Das langjährige Vereinsanliegen des sozialen Engagements in Form der „Unterstützung und Förderung von Frauen“ wurde als zentrales Ziel aufgegeben zugunsten von „Begegnung und Kultur“, einer Art Bildungs-angebot für Frauen. Dieses Angebot läuft über öffentliche
Veranstaltungen, mit denen gleichzeitig die Kosten für die Nutzung der Vereinsräume erwirtschaftet werden können.
Die Vorstellung, dass der Beginenhof das Geld für das soziale Engagement schluckt sowie die große Entfernung vom Zentrum Kölns schädigte sein Image und führte zu einer Art Spaltung zwischen den Bewohnerinnen und den übrigen Vereinsfrauen. Dies war also eine Zeit überwiegend im Außen mit viel Aktivität und Anspannung in dem Bemühen um ein geordnetes Vereinsleben unter den
erschwerten Bedingungen der neuen Situation.
Heute haben wir dieses Chaos überwunden!
Der Beginenhof ist das Zentrum des Vereins geworden. Trotz der schlechten Erreichbarkeit haben Vereinsfrauen, die nicht hier wohnen, eine Verbundenheit zu ihm entwickelt, lassen sich häufig sehen und bringen sich ein.
Für andere gibt es das neu gestaltete Beginenfenster, in dem ein Teil der öffentlichen Veranstaltungen stattfinden und das auch gern für informelle Treffen genutzt wird.
Die öffentlichen Veranstaltungen im Beginenhof zu frauenspezifischen, gesellschaftspolitischen, kulturellen und spirituellen Themen, mit denen wir eigentlich Frauen außerhalb des Vereins informieren und bilden wollten, sind zum Lern- und Begegnungsfeld für alle Beginen geworden.
Vor allem die Bewohnerinnen des Beginenhofes genießen dies als Privileg.
Die Themenbereiche im Bildungsprogramm wurden deutlich erweitert. Neben gesellschaftspolitischen
Fragestellungen sind hier vor allem feministische Themen und Anliegen zu nennen. Diese finden Raum
in dem sehr ansprechend gestalteten und professionell umgesetzten Konzept „BeginenSalon“, das vor allem jüngere Frauen anspricht (was dem Verein sehr guttut). Das seit Jahren existierende Beginenfrühstück hat sich zu einem äußerst beliebten Raum für Begegnung und Austausch für alle Beginen sowie Interessentinnen und Gäste entwickelt.
Zusätzlich zu alldem gibt es eine breite Palette von Angeboten im begineninternen Bereich, die meist im Raum der Stille stattfinden und bei denen es um Schweigen, Zuhören, Meditieren, meditatives Tanzen, achtsames Miteinanderreden, Authentizität und Körpererfahrung geht. Ein reiches Angebot
bei intensiver Nutzung der Vereinsräume und zufriedenen Vereinsfrauen und Gästen!
Die Distanzierung vom sozialen Engagement hatte allerdings eine entscheidende Konsequenz: die Vereinsfrauen haben eine neue Rolle. Während sie sich vor dem Paradigmenwechsel selbst aktiv als
sozial Engagierte erlebten (das war bei uns zuletzt 2016 beim „Flüchtlings-Café“ der Fall, und einen „Nachklang“ erlebten wir bei der Nachhilfe für jugendliche Flüchtlinge), werden wir heute durch unsere öffentlichen Veranstaltungen und zusätzlich durch die begineninternen Angebote doppelt
genährt und versorgt. Dadurch hebt sich die Polarität „Außen und Innen“ auf. (Sie gilt höchstens noch für Vorstands- und KB-Frauen.)
Die Beginen selbst sind zur Zielgruppe des Vereins geworden.