31/10/2019
Ostblog: Bitte schreibt mir eure Erfahrungen, wie war es für euch im Osten, wie fühlte sich der Westen an? Wie alt seid ihr beim Mauerfall gewesen? Was hat euch im Osten geprägt? Gerne auch Geschichten von der anderen Seite (West) Freue mich auf Eure Erlebnisse!
Hier ein Moment von mir vom 9.11.1989
Nichts im Universum ist stärker und ausdauernder als der Wunsch nach Freiheit.
Vor kurzem wurde ich wieder bestaunt weil ich Ossi bin. 30 Jahre später immer noch die gleichen Phrasen und ich antworte wie immer das Gleiche.
Ich bin ein sogenanntes Wendekind.
Alles befand sich im Aufbruch. Selbst mein kindlicher Körper erhielt seinen ersten Schub. Und Ich nun eine angehend Pubertierende. Die Mauer fiel, das Blut lief.
Plötzlich war ich ein wirtschaftlicher Flüchtling und noch nicht einmal im Besitz eines Ausweises. Dennoch ging es mir sehr gut aber das sagt ja fast jeder Ossi. Scheint wohl doch was dran zu sein.
Es war Exakt der 9.November 1989 Mitternacht
Durch das Surren des Motors erwachte ich. Ich schlich mich leise durchs Haus und wunderte mich wo meine Eltern abgeblieben sind. Plötzlich lag da ein Zettel, zerknüllt, liegend vor dem Testbild. Es lief ein Lied dessen Name ich nicht kannte. Viele Jahre später hörte ich es wieder, es war Candy Dulfer, Lily was here.
Es lag ein Duft in der Luft, es roch nach Schornstein, klirrender Kälte und Neuzeit.
Zurück zu dem Zettel: Kinder die Mauer ist gefallen, ihr müsst heute nicht in die Schule und macht euch keine Sorgen, wir kommen zurück. Meine Eltern packte die Neugierde. Die Hansestadt war weniger als 100 km entfernt. Plötzlich standen sie mit Tausenden Menschen sitzend im Wartburg vor dem Holstensteintor und sahen die Trave aus nächster Nähe. Es war November und bitterlich kalt. Ein alter Mann bat sie zu sich in die Wohnung. Meine Mutter fragte den Mann warum seine Wohnung gar nicht beheizt wäre und er sagte, dass es im Westen teuer sei, man müsste sparen Sie fragte ihn ob sie das Wc benutzen dürfte. Als sie die Brille sah, erschrak sie, ein Stacheldraht zierte die Klobrille und das ganze im glänzendem Neonlicht. An der Wand stand „Ost oder West, was schert mich der Rest“ willkommen in der BRD. Nachdenklich Schaute sie aus dem Fenster.
Eine eigenartige Stimmung draußen, obzwar alle vor Glück schrieen war es seltsam still.
Der alte Mann war Schriftlsteller und er suchte nach einer neuen Geschichte. Er spürte etwas und es war richtig, denn wir hatten einiges hinter uns. Das gelbe Elend beherrschte unseren Alltag davon aber später.
Sein Hauptinteresse bestand darin, einen Bestseller über die Spezie DDR Mensch, wie lebte und liebte er, zu publizieren. Er fing an viele Fragen zu stellen. Die wohl erste, warum wir so gerne FKK mögen? Er vermutete hinter dieser Freizügigkeit das einzige Freiheitsgefühl welches dem Ossi blieb. Du kannst nicht weg von dort aber du bist frei mit deinem Körper. Im Nachhinein ein interessanter Gedanke.
Freie Körper Kultur. Das schien wohl unsere Freiheit zu sein und da hörte sie direkt auch schon wieder auf. Sie redeten weiter bis zum Sonnenaufgang und bis die Geschäfte öffneten. Die Straßen gefüllt mit Flüchtlingen, singend und pfeifend, laute stinkende Trabbis inmitten der feinen Hansestädter. Einige hörte man sagen, das habe ich mir aber anders vorgestellt. Andere Menschen, lass uns in den Puff und wieder andere ängstlich, na ob das alles so gut ist?
Sie Verabschiedeten sich mit den Worten wieder zu kommen und bedankten sich für den Westminster mit Milch. Wir trinken ihn seither immer zur gleichen Stunde. Teatime kam nun auch im Osten an.
Weiter durch die Helligkeit im tiefdunklem November. Der Osten war düster und in diesen Herbsttagen gab es draußen nichts zu sehen. Damit meine ich, die Straßen, die Häuser und die Läden, alles verhüllt in einen ebenholzigen Schimmer. Ein Kind im grauen Parker hüpft von Pfütze zur Pfütze.
Drüben, wie wir es nannten war Feststimmung. Es leuchtete aus jeder Ecke. Natürlich auch wegen des Hunnis (100 DM) die sich die Bürger beschämend aushändigen ließen. In der Schule war Chaos, ich kann mich aber an eins erinnern. Einer rief lautstark, russisch ist vorbei, braucht ihr nicht mehr rein.
Es wurde Licht! Die Augen strahlten.
Ende
Fortsetzung folgt