04/05/2026
Am 4. Mai im Bundestag, im Paul-Löbe-Haus, sitze ich in einem Saal, in dem sonst Gesetze verhandelt werden – und heute einmal die Frage, wer überhaupt als erinnerungswürdig gilt.
Zwischen Namensschildern, Fraktionszugehörigkeiten und parlamentarischer Routine steht plötzlich Dersim, 1937–38, mitten im Raum und weigert sich, eine Fußnote der türkischen Geschichte zu bleiben.
Ich merke, wie mich diese Gedenkveranstaltung tiefer berührt, als es ein weiterer „wichtiger Termin“ je könnte:
weil hier Menschen sprechen, deren Familiengeschichte in Statistiken aufgelöst wurde.
Weil hier Abgeordnete zuhören, während Namen genannt werden, die in keinem deutschen Geschichtsbuch vorkommen.
Weil hier, im Herzen der deutschen Demokratie, endlich ausgesprochen wird, was so lange diplomatisch umschrieben wurde: Genozid.
Ich bin dankbar, dass ich dabei sein durfte – nicht als neutraler Beobachter, sondern als Teil einer Erinnerungsgemeinschaft, die sich weigert, sich mit symbolischer Betroffenheit zufrieden zu geben.
Dankbar für jede Stimme, die gegen die Staatsräson des Vergessens anschreibt, dankbar für jede Zazaki-Silbe, die im Plenarsaal gegen die Mikrofone der Macht anrauscht.
Vielleicht beginnt genau hier eine andere Form von deutscher Erinnerungspolitik: eine, die nicht zwischen „unseren“ Opfern und „den anderen“ unterscheidet, sondern versteht, dass die Zukunft dieser Gesellschaft davon abhängt, wessen Schmerz sie bereit ist mitzuerinnern.
Und ich gehe aus dem Bundestag mit dem Gefühl, dass diese Stunde mehr Demokratie enthalten hat als manche Debatte zur „wehrhaften Demokratie“:
weil sie gezeigt hat, dass wahre Wehrhaftigkeit damit beginnt, die Geschichten derer zu schützen, die man zu lange unsichtbar gemacht hat.
So froh, so bewegt, so entschlossen, dieses Erinnern nicht an der Garderobe des Bundestages abzugeben.Xo vira Meke!