07/07/2025
Power Move
Constantin Hartenstein
04.07.-30.07.2025
Kurator: Kito Nedo
Sa-So: 14.00-18.00h
„Unser Leben“ lautet der Titel des 127 Meter langen, sieben Meter hohen Fassadenmosaiks das sich wie eine Bauchbinde um das von Hermann Henselmann entworfene „Haus des Lehrers“ (HdL) am Alexanderplatz legt. Produziert wurde das gigantische Kunstwerk Anfang der 1960er-Jahre von Walter Womacka (1925–2010), der mit seinen Mitarbeitenden rund zwei Jahre an dem Mosaik aus 800 000 Einzelsteinen arbeitete, welches im Hauptstadtzentrum in frohen Farben die große sozialistische Utopie, Technikgläubigkeit und den „sozialistischen Menschen“ propagierte. Heute, 35 Jahre nach dem Ende der DDR, erinnert „Unser Leben“ eher an das Scheitern einer Utopie.
Die Kunst am Henselmann-Haus ist ein Ausgangspunkt für die Ausstellung „Power Move“ von Constantin Hartenstein. Gezeigt wird die Schau in den Räumen eines ehemaligen Ladenlokals in einem Plattenbau aus der DDR-Zeit – nur wenige Meter vom ehemaligen Atelier Womackas entfernt, der von 1984 bis 2010 in der Wallstraße 90 lebte und arbeitete. Der Berliner Künstler destillierte aus dem propagandistischen Riesenmosaik ein Dutzend thematischer Blöcke. Zu den identifizierten Themen, wie etwa heteronormative Beziehungsbilder oder ein traditionelles Mutter-Kind-Bild entwirft Hartenstein im Sinne einer zunehmenden Verflüssigung und Hybridisierung futuristische „Gegenmotive“, die er in zeichnerisch anmutende Lötbilder aus Metalldraht auf Betonpanels umsetzt. „In einer queeren Zukunft“, davon ist der Künstler überzeugt, „begegnen uns nicht mehr Vater-Mutter-Kind, fleißiger Arbeiter und unberührte Natur, sondern hybride Körper, künstliche Intelligenzen, fluide Geschlechterrollen und alternative Formen des Zusammenlebens.“
Da sind etwa zwei muskulös-definierte Männergestalten, die sich gegenseitig interessiert mustern. Die Ästhetik wirkt technoid, und erinnert an filmhistorische Zukunftsszenarien, etwa James Camerons „Terminator“ (1984) oder Steven Lisbergers „Tron“ (1982). Das Baby in einer künstlichen Gebärmutter, dem „Biobag“ war auch schon Filmstoff, könnte aber schon bald Wirklichkeit sein. Die beschleunigte Technisierung der menschlichen Fortpflanzung wird seit jeher von einer medizinisch-ethischen Debatte begleitet.
Für seine Zukunftsentwürfe greift Hartenstein auf die traditionelle Technik des Lötens zurück, dessen Geschichte bis in die Antike zurückreicht. Unter Löten versteht man das Verbinden erwärmter, im festen Zustand verbleibender Metalle durch schmelzende metallische Zusatzwerkstoffe, die sogenannten Lote. Die Bindung ist abhängig von den Reaktionen zwischen Lot und Grundwerkstoff und von der Verarbeitungstemperatur. Bis 1990 war Löten Teil des DDR-Unterrichtsfachs „Produktive Arbeit“ (PA), welches das Theorie-Fach „Einführung in die sozialistische Produktion“ (ESP) als praktisches Gegenstück ergänzte. Heute haftet dem Lötkolben durch seine starke Verankerung in der Do-it-Yourself-Bewegung, in Repair-Cafés, Selbsthilfewerkstätten und der Bastel-Kultur das Image eines basisdemokratischen Werkzeugs an. Er wird und wurde aber auch von Künstlern wie Anselm Kiefer oder Jean Tinguely geschätzt. Ganz allgemein lässt sich sagen: Löten ist eine Technik, mit der sich vielfältige Verbindungen herstellen lassen. Kito Nedo