10/09/2020
Besuch in der Mischmühle
Die Techno-Musik ist unfassbar laut, der Bass knallt in die Bauch- und Trommelfelle. Die hohen Töne schmerzen. Der Boden erzittert, der Tanzrechen dreht im Heissmodus, er klappert und kesselt. Hoffentlich halten die Schrauben! Auf der Kanzel sitzt der «Anführer» dieser Szenerie, der Discobetreiber Rainer Jaha, schon arg angegraut, aber mit seiner grün gespiegelten Sonnenbrille im Element! Mit zwei Steuerknüppeln steuert der Altrocker den Tanzrechen. Vor und zurück, hin und her, schnell und langsam. Auf dem Dancefloor zucken diesmal nicht die jungen Körper der Ausgehwilligen, sondern eine grosse Gruppe Senioren. Natürlich mit Corona-Schutzmaske.
Der Grund ist einfach: Weil in der Mischmühle neben dem Dancefloor ein riesiges Loch für eine Tanzdüse gebohrt wird, und zwar während des laufenden Discobetriebs, und dabei Presslufthämmer verwendet werden, muss die Musik, um den Lärm der Baugeräte zu übertönen, auf 400 Dezibel gedreht werden. Das hält ein menschliches Ohr nicht aus. Deshalb hatte Rainer Jaha die Idee, alte Leute mit schlechtem Gehör in der Mischmühle willkommen zu heissen. Dazu tat er sich mit dem UFO-Senior Erwin Mürner zusammen, der in der ganzen Stadt auf der Strasse Senioren ansprach und in die Mischmühle «zöikelte», wie Mürner sagt. Die Senioren müssen für Eintritt und Getränke nichts bezahlen. Jaha wird nach Ende der Bauarbeiten diese Kosten «der Stadt in Rechnung» stellen. Er sieht seine Aktion als «sozialpolitische Massnahme», ohne natürlich mit der Stadt gesprochen zu haben.
Julius Müller, 87, wohnhaft in Wülflingen, streckt die Arme in die Höhe und bewegt sich zur Trancemusik wie ein Helikopter. Völlig in sich gekehrt. Doch in diesem Moment dreht Jaha den Rechen auf 1500 Umdrehungen pro Minute und Müller wird herumgeschleudert und fliegt kopfvoran in die Sprungmatten hinein, die Jaha um den Rechen herum aufstellen liess. Jaha ruft durchs Mikro in die hämmernde Musik Tanzparolen wie «alle tanzen», «Tanzen mit Gicht», oder auch nur «Hoooo!». Er ist offensichtlich in seinem Element.
Die Kehrseite der Medaille ist das Bankkonto von Grafiker Samuel Jordi. Obwohl er insgesamt 30 Stunden am Plakat der Seniorenwoche gearbeitet hat, bleibt sein Konto leer. Rainer Jaha bezahlt «prinzipiell» keine Lähne oder Honorare und versteht jedes Engagement als Solidarität mit dem Club, dessen Schliessung seit der Eröffnung 2003 wie ein Damoklesschwert über Jahas «Lebenswerk» schwebt. Mit dem Geld, das er bei Jordi spart, will er seine fett und fetzig gewordene Haarpracht wieder aufpolieren. Er wünscht sich eine Föhnfrisur. Und: «Ich weiss, dass Samuel Jordi das viel besser findet als die 25 Franken, die ich ihm in den besten Zeiten bezahlte, mehr oder weniger auf seinem Konto».