17/03/2014
"OPERNEREIGNIS IM HOTEL" - die tolle Kritik zu den "Nozze di Figaro" von Eva Kirn-Frank, Kritikerin für das Feuilleton der Stuttgarter Zeitung und der NZZ:
Opernereignis im Hotel: ein Ur-Figaro in Sils-Maria
Erstklassige Musiker und spritzige Gestaltung: Das „Edelweiss“ bringt eine neue, kammermusikalische Fassung von Mozarts „Nozze“ zur Uraufführung
Von Eva Kirn-Frank
Wollte jemand wetten, er könne Mozarts Oper „Le Nozze di Figaro‘‘ auf knapp die Hälfte ihres Umfangs eindampfen, dabei mit einem Bruchteil der sonst nötigen Musiker auskommen und gleichwohl auch Kennerohren glücklich aufhorchen lassen, wir hielten ihn zumindest für tollkühn. Doch genau dieses Wagestück ist am letzten Wochenende im Hotel Edelweiss zu Sils-Maria gelungen. Erfahrene Opernsänger hatten sich zu dieser Tat mit dem Kölner Marcolini-Quartett vereint, und gemeinsam mit dem Regisseur Felix Bierich holten sie das Grafenpaar Almaviva und sein Personal, unter Pudelmützen statt Dreispitz, zum „tollen Tag“ ins winterliche Engadin. Nicht in Sevilla „unter Pinien“, sondern „unter Arven“ sollte das Stelldichein von Graf und Susanna, jener Kulminationspunkt der Versteck- und Liebeshändel, stattfinden. Das tempo- und einfallsreiche Spiel der Musiker schlug Funken; und zu Recht antworteten die Gäste im Jugendstil-Speisesaal mit Szenenbeifall und begeisterter Freude.
Beaumarchais‘ Komödie um den gräflichen Schürzenjäger, der noch vor ihrer Hochzeit die Braut seines Kammerdieners vernaschen will, aber an der Gewitztheit des Dienerpaars Figaro und Susanna scheitert, hatte Mitte der 1780er Jahre neben dem komischen einen so revolutionären Aspekt, dass die Zensur einschritt. In Mozarts Oper von 1786 tritt die Kritik an der Machtvollkommenheit des Adels vor allem in der Nebenintrige um Bartolo und Marcellina hervor, die in der Silser Fassung gestrichen werden musste. Hier steht die Charakterisierung der Figuren im Vordergrund. Dem geilen Almaviva stehen die Treue seiner vernachlässigten Gemahlin, die hoffnungsfrohe Liebe des Brautpaars und die erotischen Umtriebe des Pagen Cherubino gegenüber. So entstand eine neue Ganzheit, eine Kammeroper. Ihr konzentrierter Gehalt korrespondiert dem homogenen Klang des Quartetts und harmoniert mit den Proportionen des vornehmen, nicht allzu großen Speisesaals. Die Produktionskosten von neuen Texten, Einstudierung und Proben, von Regie, Ausstattung und Musikern trug das Hotel Edelweiss und ermöglichte so eine einzigartige Aufführung. Und da im Wechsel mit der Musik die Kunst der Haute Cuisine zum Zuge kam, erlebten die Gäste ein Gesamtkunstwerk der besonderen Art.
Die Idee dazu geht zurück auf den Sänger Gerhard Nennemann und Jörg Buschhaus, den Primgeiger des Marcolini-Quartetts. Die Dramaturgie von Wolfram Schneider-Lastin, der auch lustvoll den Antonio gibt, verpasste der Silser Kurzfassung zusätzlich einen hübschen Rahmen. Ein Musikwissenschaftler soll sie als Ur-Figaro in Chur entdeckt haben – ein Spiel mit der Autor- und Herausgeberschaft, wie Mozarts Aufklärungsepoche es liebte. Überhaupt war ja Opernmusik um 1800 durchaus nicht auf die große Bühne beschränkt. Gebildete Adelige und aufstrebende Bürger waren stolz darauf, selbst ein Instrument zu spielen – und zwar möglichst die neuesten Opernhits. Schon kurz nach der Uraufführung warf die privilegierte Kopistenwerkstatt des Wiener Hoftheaters eine reduzierte Fassung der Novitäten für den Salon auf den Markt.
Klavierauszüge benutzt man nach wie vor, doch die alten Quartettversionen sind meist verschollen. Umso erfreulicher, dass das Marcolini-Quartett, Spezialisten für Historische Aufführungspraxis, in der Bibliothek des Stifts Melk solch eine Rarität antraf: eine Fassung der „Nozze“ für Streichquartett. Wohl kaum jemand war für die Hebung des Schatzes so gerüstet wie diese mit Tempo und Verve spielenden Streicher. Denn als Mitglieder und Solisten im Orchester Concerto Köln haben sie unter René Jacobs Mozart-Neueinspielungen auf historischen Instrumenten vorgelegt, die dank ihrer Frische und Durchhörigkeit sofort auf den obersten Rängen der Klassik-Rankings landeten. Die Quartettversion wiederum, die sie 2007 auf CD einspielten, ist nicht von Kopisten zusammengeschustert, sondern eine sorgfältige Arbeit, die den Gesangsstimmen differenziert und originell gerecht wird. 1799 ediert, ist sie vermutlich dem Komponisten Franz Alexander Pössinger zu danken. Nun braucht man, wo Opernsänger am Werk sind, weit weniger Reproduktion der Gesangspartien. Primarius Buschhaus wollte lieber noch virtuose Farbtupfer setzen. Deshalb verglich er Takt für Takt mit Mozarts Partitur und gab in zahlreichen Passagen dem Original den Vorzug. So entstand eine eigene „Silser Fassung“.
Vom revolutionären Subtext der Oper aber klingt auch in der Silser Kammeroper noch etwas durch. So kehrt der Bariton Gerhard Nennemann den infantilen Machismo heraus, der sich in der eleganten Gestalt seines Almaviva verbirgt. Verachtung in Mimik und Stimme, gestaltet er den Egoismus des Grafen, der aufgrund seiner grundherrlichen Machtposition ungehemmt wuchern konnte. Wenn umgekehrt der Kammerdiener das „Gräflein“ verhöhnt, spricht daraus ebenso die Wut auf den Rivalen wie der Hass auf die Feudalherrschaft. Thomas Stimmel, mit kraftvollem, gut geführtem Bass, setzt die Temperamentsausbrüche seines Figaro souverän um. Auch in den scherzhaften Tönen überzeugt er, sowie in den zärtlichen, die seiner Braut Susanna gelten, der pfiffigen Kammerzofe. Im klaren, runden Sopran von Julia Küsswetter überstrahlt sie auch die mehrstimmigen Stücke.
Überhaupt muss das gelungene Zusammenspiel dieses Ad-hoc-Ensembles hervorgehoben werden. Präzise Einsätze und harmonische Klangverschmelzung sind keine Kleinigkeit, wenn man ohne Dirigenten musiziert. Béela Müllers Gräfin setzt zwar zuweilen ihre Klagen in Töne um, die allzu von unten hinaufgeseufzt anmuten, entfaltet aber im Lauf des Abends zunehmend den Schmelz ihrer Stimme, und in „Dove sono i bei momenti“ evoziert sie berückend die geheimen Sehnsüchte einer alternden, nicht mehr geliebten Frau. Gekrönt aber wird diese Ensembleleistung von Franziska Gottwalds Mezzosopran. Gleichermaßen warm in der Höhe wie in der Tiefe, voll und biegsam zugleich, bringt ihre Stimme, von rasch bewegtem Spiel unterstrichen, einen Cherubino zum Leben, der die Nuancen des schönen Pagen glanzvoll entdecken lässt. In den Arien enthüllt sie das derb-Sexuelle des adeligen Früchtchens ebenso wie die Romantik eines von Liebessehnen umgetriebenen Teenies. Eine große Stimme, die das Charakteristische herauszuschälen vermag, ohne je die Klangschönheit zu mindern.
Le Nozze di Figaro. Die Silser Fassung von Mozarts Meisterwerk als Opern-Dîner, Hotel Edelweiss, Sils-Maria. Für die nächsten und vorerst letzten Aufführungen am 28. und 29. März sind noch Restkarten erhältlich.
Foto: Gian Giovanoli