25/03/2026
Un Wörter
Neulich bin ich am frühen Nachmittag in einem Gasthaus bei einem Kaffee gesessen, weil ich auf einen Freund gewartet habe, mit dem ich mich dort treffen wollte. Gleich am Nebentisch saß ein Herr ungefähr meinem Alters dem Anschein nach. Später sollte sich herausstellen, dass er schon weit über 80 war. Er war mit der Lektüre einer Tageszeitung beschäftigt, als er diese dann wie angewidert zur Seite schob. Er nahm mit mir Blickkontakt auf und sagte. Dieses Käseblatt (er hatte Kasblattl gesagt) ist vollgepackt mit Un Wörtern! Unsere Zukunft ist UN sicher und UN gewiss. Alles ist UN vorhersehbar und die Weltwirtschaft UN sicher. Daher gehen auch die Preise in die Höhe, auch die Benzinpreise in schwindel erregende Höhen! Mir kann es ja wurscht sein, ich brauch Benzin ohnehin nur für meinen Rasenmäher. Fahren tu ich mit der Bim und mit dem Bus. Dann schaute er nochmal auf die Zeitung und sagte zu mir: Sie müssen schon entschuldigen, lieber Herr, aber ich bin dabei mir abzugewöhnen diese Schmierereien von sogenannten Qualitätsjournalisten zu lesen. Schmierfinken sind das, wobei ich nicht ganz sicher bin, ob das keine Beleidigung für die Vogelart darstellt. Und wenn ich dann rückfällig werde und wieder so ein Machwerk aufschlage, dann bin ich nachher verärgert, ich ärgere mich über mich selbst. Denn in den letzten Jahre hat sich der Inhalt unserer Nachrichten, auch nicht im Fernseh (er hatte tatsächlich Frenseh gesagt) immer der total ähnliche Schwachsinn: Eben Unsicherheit, Unklarheit und und. Nur ist mir völlig klar, was da dahintersteckt. Angstmacherei ist ein probates Mittel um das Volk einzuschüchtern und nach seiner Pfeife tanzen zu lassen. Das wusste schon der Goebbels Joseph und hat es auch reiflich angewendet. Ich bin ja 1938 zur Welt gekommen, wo das Tausendjährige Reich bereits dem Ende zuging, aber ich hatte das Glück, dass beide meiner Eltern gesund waren und überlebt hatten. Mein Vater war bei der Polizei und musste nicht in den Krieg ziehen und meine Mutter war am Telegrafenamt in Meidling Telefonistin.
Verzeihung, wenn das alles so aus mir raus sprudelt, aber ich glaube heute sagt man psychosoziale Hygiene dazu. Und zu einem Psycho Onkel würde ich nicht mal gehen, wenn ich es mir leisten könnte.
Bis zu jenem Zeitpunkt des Gespräches, welches ich Heute möglichst detailgetreu wiedergebe, hatte ich noch kein einziges Wort gesagt, nur genickt und hie und da ein Aha oder Mhm von mir gegeben. Nun, sagte ich jetzt zu ihm, ich kann sie gut verstehen, mir geht es da genauso wie Ihnen. Der Zeitpunkt, wo mein Freund sich mit mir hätte treffen sollen, war schon über eine halbe Stunde überschritten. Wie wäre es wenn wir den Frust mit einem guten Glaserl Grünen Vetliner hinunter spülen, war seine Frage. Wenn es auch ein Weißburginder sein kann, bin ich gerne dabei, war meine verständnisvolle Antwort.
Wenn man im Ruhestand ist, die Frau und der Hund einem schon verlassen haben indem sie im Himmel auf mich warten, dann hat man viel Zeit zum Nachdenken. Ich hab da ganz in der Nähe einen kleinen Schrebergarten, da kann ich Garteln und vor mich hin philosophieren. Da hat es eine gute Luft, welches mein Gehirn mit ausreichend Sauerstoff versorgt. Ich hab leider keine Geschwister und auch keine Kinder, dennoch bin ich zwar alleine aber absolut nicht einsam. Er blinzelte mir schelmisch zu und sagte, ich rede mit meinen Blumen, vor allem mit den Rosen, die meine Frau so sehr geliebt hat. Diese danken es mir dann mit ihren wunderschönen Blüten und ihrem Duft.
Dabei bin ich drauf gekommen wie wichtig denn so eine eigene Einstellung zu diesem, unserem Leben ist. Im Grunde ist es doch so, dass das was wir in ein Ereignis hinein interpretieren oft doppelt bis vielfach so schlimm ist, als das Geschehene selbst. Wir entscheiden daher selbst über unser seelisches und damit auch körperliches Wohlbefinden. Eben je nach unserer Einstellung. Wie damals meine Frau gestorben ist, wäre ich beinahe wegen dem Schmerz und der Traurigkeit zum Trankler (Alkoholiker) geworden. Die Parzelle neben meiner Laube gehört der Frau Hölzl, die hat mich zum Glück wieder aufgefangen, weil sie mich wirklich liebevoll umsorgt hat und mir so machen köstlichen Apfelstrudel zum Kaffee auf ihrer Terrasse serviert hat. Sie hat auch einen Wolfsspitz mit wir oft gemeinsam Gassi gehen, wenn sie nicht mehr so gut unterwegs ist, geh ich alleine mit ihm. So ergeben meine Tage wieder noch mehr Sinn und ich bin für jeden weiteren Tag dem himmlischen Vater dankbar. In der Zwischenzeit hatten wir beide bereits jeder sein Glas geleert. Spontan fischte ich eine Visitenkarte von mir aus der Geldbörse und lud ihn ein unser philosophisches Gespräch gerne zu wiederholen. Er nahm die Einladung gerne an und wir verabredeten uns für den nächsten Mittwoch in seinem Schrebergarten.
P.S.: Mein Freund ist leider nicht mehr gekommen, weil sich ein Selbstmörder vor die U Bahn geworfen hat, und diese dann sehr lange unterbrochen war.
J.B. 25.03.2026