28/09/2026
Wir waren schon lange nicht mehr im fernen Osten und wollen uns heute deshalb eine Schlange genauer ansehen, die ein recht großes Verbreitungsgebiet in Südostasien hat, welches – wenn auch nicht auf natürlichem Wege – bis nach Japan reicht.
Die Chinesische Habuschlange (Protobothrops mucrosquamatus) ist eine ausgesprochen interessante Vertreterin der asiatischen Grubenottern.
Es handelt sich bei ihr um eine braun gemusterte Grubenotter, die sich hervorragend an unterschiedlichste Lebensräume angepasst hat und auf Taiwan zu den medizinisch wichtigsten Giftschlangen gehört.
Mit ihren kräftig gekielten Schuppen, dem deutlich dreieckigen Kopf und den großen, dunkel umrandeten Flecken auf dem Rücken ist sie gut an ihrem Erscheinungsbild zu erkennen. Besonders auffällig sind die für Grubenottern typischen Grubenorgane zwischen Auge und Nasenöffnung. Mit diesen hoch empfindlichen Wärmesinnesorganen kann die Schlange die von warmblütigen Tieren abgegebene Infrarotstrahlung wahrnehmen und dadurch auch bei Dunkelheit ihre Beute orten.
Der wissenschaftliche Name Protobothrops mucrosquamatus lässt sich auf die besonderen Schuppen der Schlange zurückführen. Das Artepitheton mucrosquamatus setzt sich aus dem lateinischen mucro beziehungsweise mucronis für „Spitze“ oder „scharfe Spitze“ und squama für „Schuppe“ zusammen. Gemeint sind die gekielten, nach hinten zugespitzten Körperschuppen, die der Schlange ihr charakteristisches, etwas rau wirkendes Erscheinungsbild verleihen und die Ihr auf dem Foto sehr gut sehen könnt.
Der Gattungsname Protobothrops setzt sich aus dem griechischen bóthros für „Grube“ und óps für „Gesicht“ zusammen und nimmt damit Bezug auf die für Grubenottern charakteristischen Grubenorgane zwischen Auge und Nasenöffnung. Das vorangestellte proto- bedeutet „ursprünglich“ oder „vor-“ und ist Bestandteil des wissenschaftlichen Gattungsnamens. Er wurde 1983 als eigene Gattung aufgestellt. Die Art selbst wurde allerdings bereits 1839 von Theodore Edward Cantor beschrieben – zunächst unter dem Namen Trigonocephalus mucrosquamatus. Später wurde sie lange Zeit unter Trimeresurus (Die Gattung der asiatischen Bambusottern) und sogar Lachesis (Die Gattung der Buschmeister) geführt, bevor sich Protobothrops als gültige Gattung durchsetzte.
Mit einer Gesamtlänge von etwa 1,1 bis 1,2 Metern ist P. mucrosquamatus eine mittelgroße bis große Grubenotter. Die bisher angegebenen Maximalwerte liegen bei ungefähr 112 cm für Männchen und 116 cm für Weibchen, wobei aus anderen Untersuchungen auch größere Tiere bekannt sind. Einzelne Quellen nennen für die Art maximale Längen von bis zu etwa 1,28 Metern.
Der Körper ist relativ kräftig, der Kopf deutlich vom Hals abgesetzt und typisch für eine Grubenotter dreieckig verbreitert. Die Grundfarbe reicht von graubraun über olivbraun bis zu bräunlichen Farbtönen. Auf dem Rücken befinden sich größere braune Flecken oder Sattelflecken, die häufig dunkel eingefasst sind. An den Körperseiten kommen weitere kleinere Flecken hinzu. Der Bauch ist heller und meist von einer feinen bräunlichen Zeichnung überzogen.
Eine Besonderheit sind die stark gekielten Rückenschuppen. Die Kiele verleihen dem Körper eine deutlich rauere Oberfläche als bei vielen anderen Schlangen. Genau diese auffälligen Schuppen dürften auch zur Namensgebung beigetragen haben.
Das Verbreitungsgebiet von Protobothrops mucrosquamatus ist für eine einzelne Grubenotter erstaunlich groß. Es reicht von Nordostindien über Bangladesh, Myanmar und Südchina bis nach Taiwan und umfasst außerdem Laos, Nord- und Zentralvietnam sowie Teile Nordthailands. In China kommt die Art über ein sehr großes Gebiet vor, unter anderem in Yunnan, Sichuan, Hainan und bis weit nach Osten.
Auf Taiwan ist die Art besonders häufig und gut untersucht. Dort wird sie unter anderem als Taiwan-Habu bezeichnet. Außerdem existieren mittlerweile stabile, eingeschleppte Populationen auf einigen japanischen Inseln, insbesondere auf Okinawa. Dort gilt die Art als invasive Schlange.
Auch bei der Wahl ihres Lebensraumes ist die Braunflecken-Grubenotter erstaunlich flexibel. Sie bewohnt Wälder, Buschland, Bambusbestände, landwirtschaftlich genutzte Flächen und Plantagen. Auch Teeplantagen gehören zu den Lebensräumen, in denen sie regelmäßig gefunden wird. Sie kommt außerdem in der Nähe von Bächen und anderen Gewässern vor. Untersuchungen und Feldbeobachtungen zeigen, dass sie sowohl in Ebenen als auch in Hügel- und Bergregionen vorkommt, überwiegend jedoch in niedrigeren und mittleren Höhenlagen.
Diese Anpassungsfähigkeit bringt die Schlange immer wieder mit dem Menschen in Kontakt. Gerade auf Taiwan findet man sie nicht selten in landwirtschaftlich genutzten Gebieten, an Straßenrändern und sogar in der Nähe von Häusern. Das ist einer der Gründe, weshalb Bisse dieser Art dort medizinisch eine erhebliche Bedeutung besitzen.
Protobothrops mucrosquamatus ist überwiegend nachtaktiv. Während des Tages ruht sie häufig gut verborgen zwischen Vegetation oder anderen geeigneten Verstecken. Mit Beginn der Dämmerung wird sie aktiv und geht auf Nahrungssuche. Feldbeobachtungen aus Vietnam dokumentieren beispielsweise Tiere, die zwischen etwa 19 und 22:30 Uhr auf Waldwegen angetroffen wurden.
Dabei ist sie keineswegs ausschließlich bodenbewohnend. Die Schlange kann gut klettern und wird auch in niedriger Vegetation und im Geäst gefunden. Ihre Lebensweise ist also eher als flexibel boden- und kletternd zu beschreiben.
Kleiner „Fun Fact“ am Rande: Als wir die Schlange für die Fotos aus dem Terrarium herausnehmen wollten, war sie trotz intensiver Suche im Terrarium nicht zu entdecken. Erst als wir das Becken intensiv besprühten, kam sie an die Oberfläche. Zuvor hatte sie sich so gut im Bodengrund versteckt, dass wir sie nicht finden konnten. Natürlich ist man bei einer solch schnellen und hochgiftigen Schlange auch vorsichtig und gräbt nicht kurzerhand das gesamte Terrarium um ;-)
Beim Beutespektrum ist P. mucrosquamatus ein Nahrungs-Generalist. Beobachtungen und Untersuchungen nennen unter anderem Frösche, Echsen, Vögel, Nagetiere und Spitzmäuse. Welche Beute dominiert, hängt dabei wahrscheinlich stark vom jeweiligen Lebensraum und vom verfügbaren Nahrungsangebot ab. Systematische Untersuchungen zur prozentualen Zusammensetzung der Nahrung sind bislang allerdings nur begrenzt vorhanden.
Wie für Grubenottern typisch, lauert die Schlange ihrer Beute häufig auf. Die Wärmesinnesgruben helfen ihr dabei, selbst bei völliger Dunkelheit warmblütige Beutetiere wahrzunehmen. Hat sie die passende Distanz erreicht, erfolgt der Angriff blitzschnell. Die sehr langen, beweglichen Giftzähne werden nach vorne geschwenkt und das Gift in die Beute injiziert.
Und dieses Gift ist ausgesprochen komplex.
Untersuchungen des Giftproteoms haben bei Protobothrops mucrosquamatus 61 verschiedene Proteine aus 19 Proteinfamilien nachgewiesen. Zu den wichtigsten Gruppen gehören Schlangengift-Metalloproteinasen (SVMP), C-Typ-Lektin-ähnliche Proteine, Serinproteasen (SVSP) und Phospholipasen A₂ (PLA₂). In einer Untersuchung taiwanischer Tiere machten diese vier Gruppen zusammen den überwiegenden Anteil des untersuchten Giftes aus.
Die Metalloproteinasen sind vor allem für Schädigungen von Blutgefäßen und Gewebe von Bedeutung. Sie können Blutungen fördern und Gewebestrukturen zerstören.
Die Phospholipasen A₂ können Zellmembranen schädigen und wirken unter anderem entzündungsfördernd sowie muskel- und gewebezerstörend.
Die Serinproteasen beeinflussen verschiedene Prozesse der Blutgerinnung und können dadurch zu Störungen des Gerinnungssystems beitragen.
Die C-Typ-Lektin-ähnlichen Proteine können ebenfalls in die Blutgerinnung und die Funktion von Blutplättchen eingreifen.
Das erklärt auch die typischen Folgen eines Bisses. Bei Menschen können starke Schmerzen, Schwellungen, Blutergüsse und Blutungen auftreten. In schweren Fällen kommen Gewebenekrosen, Gerinnungsstörungen, Muskelzerfall, akutes Nierenversagen und ein Kompartmentsyndrom hinzu.
Besonders interessant ist dabei, dass das Gift nicht bei allen Tieren exakt gleich zusammengesetzt ist. Untersuchungen von 163 erwachsenen Tieren aus Nord- und Südost-Taiwan zeigten messbare Unterschiede zwischen den Populationen. Diese Unterschiede können sich auch in unterschiedlichen klinischen Symptomen nach einem Biss widerspiegeln.
Damit zeigt Protobothrops mucrosquamatus sehr schön, dass „das Gift einer Schlangenart“ nicht zwangsläufig eine überall identische Substanz ist. Geografische Herkunft und genetische Unterschiede können die Zusammensetzung des Giftcocktails beeinflussen.
Für Menschen ist der Chinesische Habu deshalb keineswegs harmlos. Auf Taiwan gehört sie zu den Schlangen, deren Bisse relativ häufig medizinisch behandelt werden müssen. Glücklicherweise steht dort ein spezifisches Antivenin zur Verfügung. Trotzdem können schwere Vergiftungen auch bei Behandlung zu Komplikationen führen.
Bei Gefahr verlässt sich die Schlange zunächst auf ihre Tarnung oder versucht, sich zurückzuziehen. Wird sie bedrängt, kann sie allerdings sehr schnell reagieren. Wie andere Grubenottern kann sie eine typische S-förmige Abwehrhaltung einnehmen und bei entsprechender Bedrohung blitzschnell zustoßen.
Ihre Färbung ist dabei eine hervorragende Tarnung: Zwischen trockenen Blättern, Ästen, Bambus oder dem Untergrund von Plantagen kann eine ruhende P. mucrosquamatus erstaunlich schwer zu entdecken sein.
Auch ihre Feinde sind nicht vollständig bekannt. Jungtiere können vermutlich von verschiedenen Vö**ln, größeren Reptilien und kleinen Säugetieren erbeutet werden. Bei ausgewachsenen Tieren wirken sich dagegen vor allem menschliche Aktivitäten aus. Gleichzeitig profitiert die Art teilweise von der vom Menschen geschaffenen Landschaft, weil dort zahlreiche Beutetiere wie Nagetiere vorkommen.
Bemerkenswert ist außerdem, dass Protobothrops mucrosquamatus eierlegend (ovipar) ist, was für Vipern (Viperidae) eher eine Ausnahme darstellt. Die Weibchen legen also Eier, aus denen die Jungschlangen schlüpfen. Die Art gehört damit zu den oviparen Grubenottern.
Heute wird Protobothrops mucrosquamatus als eigenständige Art ohne anerkannte Unterarten geführt. Allerdings zeigen genetische Untersuchungen, dass sich innerhalb des großen Verbreitungsgebietes deutlich unterschiedliche genetische Linien entwickelt haben. Das macht die Art auch für die Evolutionsforschung interessant.
Und noch etwas macht diese Grubenotter besonders: Ihr großer Verbreitungsraum umfasst einige der unterschiedlichsten Landschaften Ost- und Südostasiens – von Indien und Südchina über die tropischen Wälder Vietnams bis zu den landwirtschaftlich geprägten Landschaften Taiwans.
Wenn Ihr schon mal bei uns im Zoo gewesen seit, habt Ihr das Terrarium des Habus vielleicht schon gesehen. Es befindet sich ganz am entgegengesetzten Ende der Krokodile auf der rechten oberen Seite. Aber habt Ihr den Habu selbst auch schon gesehen?
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