08/06/2026
Nachdem wir uns in den vergangenen Wochen mit Klapperschlangen aus Nordamerika und Venezuela sowie Eurasischen Vipern beschäftigt haben, reisen wir heute wieder nach Südamerika.
Dort lebt eine Klapperschlangen-Unterart, die zu den bekanntesten und medizinisch bedeutendsten Klapperschlangen des Kontinents gehört: Die Schauer-Klapperschlange (Crotalus durissus terrificus), lokal auch Cascabel genannt.
Wie der wissenschaftliche Name mit seinen drei Teilen schon zeigt, ist sie eine Unterart von Crotalus durissus, der Südamerikanischen oder Tropischen Klapperschlange. Ihr Verbreitungsgebiet umfasst vor allem große Teile von Brasilien südlich des Amazonas Regenwaldes, reicht aber auch in angrenzende Regionen von Nord-Argentinien über Bolivien, Paraguay und Uruguay bis nach Peru. Dabei handelt es sich nicht um ein durchgehendes Verbreitungsgebiet, da die Schlange die Regenwaldgebiete wie z.B. das Amazonasbecken meidet. Besonders häufig findet man sie in den offenen Landschaften des brasilianischen Cerrado, einer ausgedehnten Savannenregion im Landesinneren.
Anders als viele nordamerikanische Klapperschlangen, die häufig felsige Gebiete oder Wälder bewohnen, bevorzugt die Schauer-Klapperschlange überwiegend offene Savannen, Trockenwälder, Buschlandschaften, Grasländer und landwirtschaftlich geprägte Flächen. Ihre Färbung aus verschiedenen Braun-, Grau- und Beigetönen mit den charakteristischen dunklen Rhombenmustern sorgt für eine ausgezeichnete Tarnung zwischen trockenem Gras und Buschwerk.
Mit einer durchschnittlichen Länge von etwa 100 bis 150 cm, gelegentlich auch etwas mehr, gehört die Schauer-Klapperschlange zu den größeren Klapperschlangen Südamerikas. Der Körper ist kräftig gebaut, der Kopf deutlich vom Hals abgesetzt und die Schwanzrassel meist gut entwickelt. Besonders ältere Tiere können eine beeindruckende Erscheinung abgeben.
Die Nahrung besteht überwiegend aus kleinen Säugetieren, insbesondere Nagetieren. Daneben werden gelegentlich Vögel, Echsen oder andere kleine Wirbeltiere erbeutet. Wie andere Klapperschlangen ist auch diese Unterart ein klassischer Lauerjäger. Gut getarnt verharrt sie oft über längere Zeit an geeigneten Stellen und wartet auf vorbeiziehende Beute.
Mithilfe ihrer Grubenorgane, die wir Euch schon mehrfach bei verschiedenen anderen Grubenottern (neben Klapperschlangen vor allem bei der verschiedensten Bambusottern) näher vorgestellt haben, kann sie selbst bei Dunkelheit die Wärmestrahlung von Beutetieren wahrnehmen.
Zu ihren natürlichen Feinden gehören vor allem Greifvögel, Säugetiere wie Marderartige, Füchse oder Wildschweine und einige schlangenfressende Reptilienarten. Jungtiere sind deutlich stärker gefährdet als ausgewachsene Tiere. Gegenüber größeren Angreifern setzt die Schauer-Klapperschlange auf ihr typisches Warnverhalten: Sie hebt den Vorderkörper leicht an und erzeugt mit ihrer Rassel das charakteristische Rassel-Geräusch, das potenzielle Feinde auf Abstand halten soll.
Besonders bekannt ist die Art jedoch wegen ihres Giftes. Das Gift der Schauer-Klapperschlange unterscheidet sich deutlich von dem vieler nordamerikanischer Klapperschlangen. Während bei diesen häufig gewebeschädigende und hämotoxische Wirkungen im Vordergrund stehen, enthält das Gift der Schauer-Klapperschlange auch einen hohen Anteil an Neurotoxinen, insbesondere das sogenannte Crotoxin. Dieses wirkt auf das Nervensystem und kann zu Muskellähmungen, Sehstörungen bis zu kompletter Blindheit, Problemen des Hörapparates sowie schweren Atemproblemen führen. Zusätzlich treten auch das Myotoxin Crotamin Muskelschädigungen auf. Aber auch Veränderungen der Nierenfunktion können die Folgen eines Bisses sein.
Aufgrund dieser besonderen Zusammensetzung gilt die Art als eine der medizinisch bedeutendsten Giftschlangen Südamerikas. Die Sterblichkeit bei einem Biss liegt unbehandelt bei 75%. Das liegt zum einen an der Stärke des Giftes (für einen Mensch mit 80 kg soll der LD50 bei ca. 24 mg liegen, die Quellen sind sich da nicht so ganz einig), aber besonders auch an der abgegebenen Menge, die zwischen 20 und 137 mg betragen kann. Durchschnittlich werden 50 mg, in einer Quelle sogar 140 mg angegeben.
Da die Zusammensetzung aus den einzelnen Komponenten aber vor allem geographisch stark variiert, lässt sich nur eines mit Sicherheit sagen: Das Gift vom Crotalus durissus terrificus muss sehr, sehr Ernst genommen werden.
Interessanterweise ist das Gift für die Pharmakologie hochrelevant. Aufgrund seiner selektiven Eigenschaften wird das extrahierte Crotoxin in der Forschung für die Entwicklung von Schmerzmitteln, entzündungshemmenden Medikamenten und sogar in der Krebstherapie (zur Hemmung von Tumorwachstum) untersucht.
Der wissenschaftliche Name erzählt ebenfalls eine interessante Geschichte. Der Gattungsname „Crotalus“ stammt vom griechischen krotalon, einem antiken Klapper- oder Rasselinstrument, und bezieht sich direkt auf die Schwanzrassel. Der Artname „durissus“ wurde bereits von frühen Naturforschern verwendet. Er leitet sich vom lateinischen „durus = hart, rau“ ab und bedeutet sinngemäß „sehr hart“ oder „sehr rau“. Über die genaue Bedeutung wird bis heute diskutiert, vermutlich bezog er sich auf die kräftige Beschuppung oder das robuste Erscheinungsbild der Tiere.
Besonders spannend ist der Unterartname „terrificus“. Anders als man heute vielleicht vermuten würde, bedeutet er nicht einfach „furchtbar“. Das lateinische terrificus lässt sich eher mit „Furcht einflößend“, „ehrfurchtgebietend“ oder „Schrecken verbreitend“ übersetzen. Genau daraus entstand der deutsche Name Schauerklapperschlange, denn „Schauer“ wurde früher im Sinne von „Schauder“ oder „Erschrecken“ verwendet.
So vereint die Schauer-Klapperschlange viele Eigenschaften, die Klapperschlangen so faszinierend machen: eine perfekte Anpassung an offene Landschaften, eine hochentwickelte Sinneswahrnehmung, eine wirksame Warnvorrichtung und eines der außergewöhnlichsten Gifte innerhalb der gesamten Gattung. Als Bewohner der südamerikanischen Savannen gehört sie zu den eindrucksvollsten Vertretern der Neuen Welt.