08/08/2026
Traditioneller Schlusspunkt mit leuchtender Quartettkunst
Seit vielen Jahren bildet der Auftritt eines Streichquartetts von Weltklasse in der Kirche San Gian (Sankt Johannes) Celerina den Abschluss des Engadin Festivals, man denke etwa nur an die Auftritte des Quartetto di Cremona oder des Belcea Quartetts.
Auch diesmal erwies sich die auf romanischen Mauern basierende Kirche aus dem 15. Jahrhundert mit ihren Fresken, der handbemalten Holzdecke und ihrer warmen, klaren Akustik als idealer Ort für diese intimste Form der Kammermusik.
Der bis auf den letzten Platz besetzte Raum verlieh dem Konzert von Beginn an eine erwartungsvolle, beinahe feierliche Atmosphäre.
Der ungewöhnliche Name des Chiaroscuro-Quartetts stammt von der gleichnamigen barocken Hell-Dunkel-Maltechnik (Chiaroscuro ital. für „hell-dunkel“) und ist für das Quartett gleichsam Programm, spielt es doch mit historischen Bögen auf Darmsaiten und erreicht ein überaus kontrastreiches Klangbild in Werken der Klassik und Frühromantik. So auch an diesem gewittrigen Spätnachmittag im Oberengadin.
Alina Ibragimova und Charlotte Saluste-Bridoux (Violinen), Emilie Hörnlund (Viola) sowie Claire Thirion am Violoncello fesselten das aufmerksame Publikum von allem Anfang an.
Mit Haydns Streichquartett g-Moll op. 20 „Sonnenquartett Nr. 3“ (benannt nach einem die Erstausgabe schmückenden kunstvollen Stich) eröffneten die vier Musikerinnen das Programm.
Es folgte Beethovens letztes, ein Jahr vor seinem Tod geschriebene Streichquartett F-Dur op. 135. Dessen scheinbare Schlichtheit wurde überzeugend interpretiert. Der berühmte Schlussatz, zuerst eher ernst, gar sperrig, löste sich zur Begeisterung des Publikums mitreissend in tänzerischer Freude auf.
Der zweite Teil nach der Pause stand ganz im Zeichen von Mendelssohns Streichquartett a-Moll op. 13. Im frühen, jugendlichen Werk des Achtzehnjährigen konnte das Quartett seine ganze Ausdruckspalette entfalten. Leidenschaftliche Ausbrüche wechselten mit innigen Passagen, während derer die vier Musikerinnen jederzeit aufmerksam aufeinander hörten, blickten, miteinander atmeten. Wie temperamentvoll etwa das Allegro vivace, bezaubernd das fein gestaltete Adagio, herrlich spielerisch das Intermezzo, brausend das Presto.
Der stürmische, kaum enden wollende Applaus war mehr als verdient.
Genauso aber auch die Dankbarkeit und Wertschätzung des Publikums, welche den Hauptverantwortlichen des Festivals beim Ausgang entgegengebracht wurden.
Was Intendant Jan Schultsz, Geschäftsführerin Martina Rizzi und Dramaturgin Nina Debrunner mit einem Team von vielen weiteren guten Geistern, trotz im Vergleich mit anderen Festivals ungleich geringeren finanziellen Mitteln, Jahr für Jahr zustande bringen, ist bewunderns- und aller Ehren wert.
Das 86. Engadin Festival findet vom 31. Juli - 13. August 2027 statt.Für dieses ist die Messlatte nach dem Jubiläumsfestival hoch angesetzt.
Vorher aber werden im Winter noch die vier, einmal mehr ausgezeichnet besetzten Piano Days zu geniessen sein. (hsr)
PhotosMarco Cadonau
Engadin Celerina