16/08/2025
🎉🎂 Happy Birthday, Giacinto Schiatti! 🎂🎉
Bella Kublanova:
“I'm so excited that for the first time in about 250 years, we can actually celebrate your birthday! After finding archival documents about your birth, BNN honored both you and my work—researching, rediscovering, and performing your amazing music. 🙌🎶
Huge thanks to BNN for supporting our history and cultural heritage!
And special thanks to Isabel Steppeler for the lovely article and Uli Deck for the great photo of me! 📸❤️
Dear Giacinto, I hope your beautiful music continues to be performed and recorded for many years to come! 🎵✨
I hope you're watching over us—and enjoying hearing your music again from above. 💫🎶”
Here is the full text:
Der „Badische Vivaldi“ kehrt zurück
Wie Bella Kublanova einen fast vergessenen Karlsruher Hofkomponisten aufspürt
Karlsruhe. Manchmal verliebt man sich, obwohl man längst vergeben ist. So ging es Bella Kublanova, als sie auf einen Namen stieß, der eigentlich nur eine Fußnote war. Giacinto Schiatti. Ein Italiener, der seit Jahrhunderten keiner Frau mehr den Kopf verdreht hat. Denn der Mann, der Musik für den Markgrafen von Baden am Karlsruher Hof schrieb, hätte am 16. August 2025 seinen 305. Geburtstag gefeiert. Und ist damit eigentlich längst Geschichte.
Doch die lässt Bella Kublanova nicht mehr ruhen. Kublanova ist Musikerin, Mutter, Forscherin und unermüdlich unterwegs zwischen Barock und Gegenwart. In Karlsruhe-Rüppurr lebt sie mit ihrem Mann, dem Komponisten Vadim Werbitzky, und vier musikalischen Söhnen.
Ihre eigene Geschichte begann am Ende der Transsibirischen Eisenbahn: in Wladiwostok. „Dort lernt man früh, was Entfernung bedeutet“, sagt sie. Schon mit vier wusste sie, was sie werden möchte – Piccolo-Flötistin – und dass sie nicht bleiben würde. Ihr Ziel lag im Westen. Genauer: in Karlsruhe.
Der Weg dorthin führte die Flötistin über St. Petersburg, Meisterkurse – und über eine Begegnung mit der Flötenprofessorin Renate Greiss-Armin, deretwegen Kublanova schließlich in Karlsruhe studierte. Später ergänzte sie ihr Profil um die Traversflöte und konzipierte vor zwei Jahren in Frankfurt für ihr Masterstudium in historischer Interpretationspraxis ein Konzertprogramm, das sie selbst eine „Liebeserklärung an Karlsruhe“ nennt.
Ihr Mann schrieb für dieses Programm ein neues Werk, inspiriert von den barocken Originalen. Kublanova kombinierte es mit Manuskripten aus der Badischen Landesbibliothek (BLB) – und erfand für jedes Stück eine Karlsruher Mini-Erzählung. Musikalisch, poetisch, forschend. Diese Dreifaltigkeit prägt ihre Arbeit bis heute.
„Ich mache seit 15 Jahren Programme mit Karlsruher Musik“, erzählt sie. Doch als sie zum ersten Mal auf den Namen Giacinto Schiatti stieß, war sie selbst überrascht. Der Mann war Geiger und Kapellmeister am Karlsruher Hof. Er schrieb einige Musik für Traversflöte – vermutlich für den musizierenden Karl Friedrich selbst. Und doch war kaum etwas über ihn bekannt.
Seine Musik fand sie in Handschriften der BLB – unveröffentlichte, lange Zeit ungehörte, vergessene Noten. Kublanova war sofort fasziniert. Sie spielte die Stücke vom Blatt, direkt vom Manuskript und veröffentlichte online auch schon echte Ersteinspielungen. „Diese Stücke sind klar gebaut, virtuos, voller Erfindungskraft. Ich nenne ihn den badischen Vivaldi.“ Warum also war sein Name verschwunden?
Sie begann zu graben – in Katalogen, Zeitungen, Kirchenbüchern. In einem Sterbeeintrag aus St. Stephan zum 25. Dezember 1776 stieß sie auf das genaue Alter: 55 Jahre, vier Monate, neun Tage. Daraus rechnete sie Schiattis Geburtsdatum zurück. Sie fand Namensvarianten, falsch überlieferte Daten, sogar eine Verwechslung mit einem mutmaßlichen Bruder. Und sie fand einen Brief, der tief berührte: In einem Gesuch an den Markgrafen bittet Schiatti um eine Gehaltserhöhung – weil er seine zwei Zimmer im Winter nicht heizen kann.
„Als ich das las, hatte ich Tränen in den Augen“, sagt Kublanova. „Dieser Mann war Hofkapellmeister – und fror mit seiner Familie.“ Kublanova weiß selbst nur zu gut, was es bedeutet, als Eltern und freischaffende Künstler eine sechsköpfige Familie zu versorgen.
In ihrer Abschlussarbeit, die auf der Internetseite der BLB veröffentlicht wurde, spürt sie dem Komponisten mit detektivischem Eifer nach: durch Kirchenarchive in Freiburg, digitale Zeitungsdatenbanken, alte Handschriften in der BLB – die für sie eine „wahre Schatzkammer“ ist.
Das Projekt wächst. 2026 jährt sich Schiattis Todestag zum 250. Mal. Kublanova plant eine Konzertreihe in Karlsruhe, mit alten und neuen Werken, darunter auch zeitgenössischen Antworten auf seine Musik. Und im Oktober 2025 beginnt sie einen Vorbereitungskurs für ihre Promotion zum Thema „Giacinto Schiatti als Beispiel eines raum- und zeitübergreifenden Kulturtransfers“.
Die Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart bleibt bei Kublanova nicht akademisch. Mit ihrem Mann hat sie das Stück „Giacinto Arancione“ entwickelt – der italienische Name für Hyazinthen in leuchtendem Orange. In der elektroakustischen Komposition begegnen sich Motive aus Schiattis Flötenmusik mit Synthesizer, zeitgenössischer Klangsetzung und einem gesprochenen philosophischen Text. „Das ist etwas, das uns noch tiefer verbindet“, sagt sie über das gemeinsame Arbeiten zwischen Archiv und Avantgarde.
Denn auch ihr Mann ist Komponist – und Philosoph. Vadim Werbitzky hat Mathematik, Theologie und Philosophie studiert, bevor er sich der Musik widmete. Ihre Söhne wachsen in diesem Spannungsfeld auf. Daniil (14) und Ilarion (8) komponieren bereits, spielen Klavier und Kontrabass beziehungsweise Cello. Auch die Jüngeren lernen Instrumente. Musik, sagt Kublanova, „ist einfach immer da“.
Ihr Engagement ist mehr als Forschung. Als Tochter sowjetischer Physiker, als Schwester einer Musikerin in Israel, als Mutter in einer zerrissenen Welt träumt sie von Versöhnung – zwischen Ländern, Zeiten, Menschen. „Wenn jede Parlamentssitzung mit einem Bach-Choral beginnen würde“, zitiert sie Yehudi Menuhin, „wie viel friedlicher wären Diskussionen“.
Was Kublanova sich wünscht? Einen Fund. Eine Überraschung. Einen Moment wie einst bei Vivaldi, als man auf einem Klosterspeicher plötzlich hunderte Werke entdeckte. „Ich wünsche mir, dass jemand diesen Artikel liest und sich denkt: Da liegt doch noch so ein altes Rohr auf dem Speicher … .“
Gemeint ist eine Flöte. Vielleicht gar eine, auf der Karl Friedrich spielte. „Die muss es doch noch irgendwo geben!“ Oder ein Koffer mit Noten. „Ich träume von einem Vivaldi-Moment.“ Von Musik, die wieder ans Licht darf.