03/04/2026
Wolfgang Bock fortæller om sit ophold i Brechts hus:
Eine kurze Angabe über meinen diesjährigen Aufenthalt vom 13.-27. März 2026 im Brechthaus in Svendborg
Mein Name ist Wolfgang Bock, ich bin ein pensionierter Kulturwissenschaftler. Zuletzt habe ich 12 Jahre an der Universität von Rio de Janeiro, Brasilien, vergleichende Litera-turwissenschaft gelehrt. Zurzeit unterrichte ich als Lehrbeauftragter und Privatdozent am Institut für Philosophie der Universität Bremen in Deutschland. In den Semesterferi-en konnte ich in der zweiten Märzhälfte erfreulicherweise für 14 Tage in das Strohdach-haus von Brecht einziehen. Ich genieße die friedliche Atmosphäre und den Umgang mit den freundlichen Menschen vom Komitee, dass sich um das Brechthaus kümmert, sehr. Aufmerksam wurde ich vor Jahren auf das Haus durch die Recherche einer brasi-lianischen Studentin, die sich mit Brechts Skizzenbüchern beschäftigt hatte. Inzwi-schen konnte ich das Haus und die Umgebung in mehreren Aufenthalten kennen und lieben lernen.
In dieser Märzzeit konnte ich mich hauptsächlich mit meinem Manuskript zu ei-nem Buch über Friedrich Nietzsche beschäftigen. Ich habe in den Jahren 2000–2008 an der Universität von Weimar unterrichtet. In der kleinen thüringischen Stadt gibt es auch das Archiv des deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche. Zur Zeit der DDR war Nietz-sche dort nicht gut gelitten, die offizielle Lesart seiner Texte ging dahin, dass er Hi**er den Weg zum Faschismus geebnet hätte. Der marxistische Philosoph George Lukács ordnet ihn in seinem Buch die Zerstörung der Vernunft dem „Aschermittwoch des para-sitären Subjektivismus“ zu und verfasste einen weiteren Text mit dem Titel Von Nietz-sche zu Hi**er. Dieses Nietzschebild hat etwas mit der Verschlimmbesserung von Nietzsches Werken zu tun, die seine rassistisch gestimmte Schwester Elisabeth Förs-ter-Nietzsche vorgenommen hatte. Sie hatte sich um den die letzten zehn Lebensjahre in geistiger Umnachtung gefallenen Bruder gekümmert und seine Werke herausgege-ben. Darunter hatte sie als sein Hauptwerk Texte identifiziert, die unter dem Titel Der Wille zur Macht bis heute kursieren. Wegen dieses Einflusses der Schwester, die sich nicht scheute, die Texte ihres Bruders auf eigene Faust zusammenzustellen, bedurfte es in den 1960er Jahren der italienischen Philosophen Giorgio Colli und Mazzino Monti-nari, die eine italienische Übersetzung herstellen wollten. Dafür griffen sie auf die Ma-nuskripte zu, die sich im Nietzsche Archiv in Weimar befinden.
Nietzsche erlitt am 3. Januar 1889 einen geistigen Zusammenbruch, von dem er sich nicht wieder erholte. Zuvor hatte er Pläne geschmiedet, wie er seine verschiedenen neuen und alten Aphorismen und Schriften zusammenstellen wollte. Zwischen dem 26. August und dem 3. September 1888 hatte er den Plan für ein Buch mit dem Titel Der Wille zur Macht gemacht, danach aber eine andere Aufteilung vorgenommen. Diesen Plan hatte die Schwester wieder aufgenom-men und zu ihrem eigenen Projekt gemacht. Ihr Bruder erscheint darin als Anti-semit und Anhänger der konservativen Gegenrevolution ganz so, wie Georg Lukács oder Wolfgang Harich ihn in der DDR-Zeit auslegen. Die Italiener fanden nun im Archiv mindestens einen widersprüchlichen Nietzsche, der sich gegen Antisemiten und völkisches Deutschtum und für die Freiheit des Geistes aus-spricht. Ihre Kritischen Studienausgabe (http://www.nietzschesource.org/), die 1964 in Frankreich Italien und dann 1967 auch auf Deutsch erschien, wurde maßgebend für die Nietzsche Rezeption. Darin wurde das Buchprojekt der Schwester aufgelöst in verschiedene sogenannte Nachgelassene Fragmente, die ungeordnet nebeneinanderstehen.
Seit einiger Zeit beschäftigen sich Forscher am Kolleg Friedrich Nietz-sche, das zur Stiftung Weimarer Klassik gehört, wieder mit dem Willen zur Macht. Sie treibt die Frage um, wie viel von Elisabeths Buch dennoch von ihrem Bruder stammt? Dazu gab es im Frühjahr 2022 eine Tagung im benachbarten Je-na, auf der ich meine eigenen Forschungen zu diesem Thema vorstellen konnte. Aus dem einstündigen Vortrag habe ich jetzt ein Buch von etwa 150 Seiten ent-wickelt. Ich vertrete darin die These, dass Friedrich Nietzsche in seiner Zeit nach der Ablösung von dem völkischen und antisemitischen Komponisten Richard Wagner der französischen Kultur zuwendet. In Nietzsches Frühphase, in die auch das berühmte Buch Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik von 1872 fällt, finden sich vernichtende Urteile über die italienische und französi-sche Kultur. Danach aber ringt Nietzsche sich nun umgekehrt zu abwertenden Urteilen über die deutschen und ihren Antisemitismus durch und lobt auf der an-deren Seite die französische Kultur und ihre Errungenschaften. Das fällt insbe-sondere in der Zeit ins Auge, als die Deutschen im Krieg 1870/71 die Franzosen vernichtend schlagen, das deutsche Kaiserreich ausrufen und sich auch eine kulturelle Überlegenheit anmaßen. Nietzsche, der ab 1869–1879 eine Professur in Basel bekleidet, die er wegen einer Kriegsverletzung zehn Jahre später wieder aufgeben muss, lebt nun in der Schweiz, aber ganz in der Nähe Frankreichs. Kurz, die neue Nietzsche Ausgabe entdeckt den deutschen Philosophen als Liebhaber der neulateinischen Kultur.
Auf der Strecke bleibt aber nun Nietzsches profunde Ambivalenz. Denn die imperialistische Seite besitzt er in gewisser Weise immer noch. So wie die völkische Lesart Nietzsches aufgeklärter Seite ausblendet, so tut das die neue frankophile Lesart mit der vorherigen imperialistischen. Vornehmlich von den französischen Philosophen Gilles Deleuze und Michel Foucault wird Nietzsche gleichsam zu einem Franzosen gemacht und in die französische Nationalkultur eingegliedert.
Diese neue Orientierung wird Nietzsche aber ebenfalls nicht gerecht. Der ansonsten so pointiert formulieren die Nietzsche wird nun zum Spielball der Fan-tasien seiner Interpreten. Er verfällt damit einem Nietzsche-Imaginär: Jeder kann nun über ihn anscheinend sagen, was er will, und findet entsprechende Beleg-stellen. Auf verschiedenen Kongressen in Lateinamerika und Europa musste ich die Erfahrung machen, dass diese neue Lesart eines „anderen Nietzsches“ we-sentliche Teile seines Werkes ausblendet. Das lässt sich anhand der Editions-geschichte des Willens zur Macht und Nietzsches Verhältnis zu Frankreich ge-nau nachvollziehen. In meinem Buch mit dem Arbeitstitel: Das Nietzsche-Imaginär. Nietzsches Wille zur Macht als Spielball zwischen Deutschland und Frankreich. Plädoyer für eine andere Romanistik versuche ich differenzierter zu argumentieren. Ich stütze mich dabei auf eine kritische Wissenschaft von der Romanistik, die das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich nicht be-schönigend zu betrachten versucht. Um das zu zeigen, untersuche ich die Pro-tagonisten der Nietzsche Rezeption in Deutschland, Frankreich und in Italien exemplarisch. Zu den Lesern Friedrich Nietzsche zählte neben Günther Anders auch der Philosoph Walter Benjamin, der mehrere Monate Besuch bei Bertolt Brecht in Svendborg wohnte. Mit Benjamin habe ich mich schon in früheren Bü-chern beschäftigt. Das Manuskript zu meinem neuen Nietzsche Buch konnte ich nun im Brechthaus fertigstellen. Ich hoffe auf ein schnelles Erscheinen des Buches in diesem Jahr.