16/06/2026
Moses Sithole: Die Farm der Knochen
SĂŒdafrika, 1994. Das Land erwacht. Nelson Mandela wird im April zum ersten demokratisch gewĂ€hlten PrĂ€sidenten. Die Apartheid ist beendet, die Wunden sind frisch, die Hoffnung ist groĂ. In den Townships und Armenvierteln rund um Johannesburg beginnen die Menschen, sich eine neue Gesellschaft vorzustellen.
In diesem SĂŒdafrika nutzt Moses Sithole eine Wunde des neuen Landes aus.
âȘïž Der TĂ€ter
Moses Sithole, geboren 1964, wĂ€chst in Armut auf. Als Kind kommt er ins Waisenhaus â seine Mutter war nach dem Tod seines Vaters nicht in der Lage, fĂŒr ihn zu sorgen. Nach eigener Darstellung erlebte er als Jugendlicher sexualisierte Gewalt. Er verbringt spĂ€ter Zeit im GefĂ€ngnis, nach einer Verurteilung wegen Vergewaltigung, die er bestreitet.
Er grĂŒndet nach seiner Entlassung eine WohltĂ€tigkeitsorganisation â oder gibt zumindest vor, das zu tun.
âȘïž Die Methode
Sithole wirbt Frauen mit falschen Jobangeboten an. Er kontaktiert sie ĂŒber seine angebliche Organisation, verspricht Stellen, Einkommen, eine Chance auf Arbeit in einer Zeit, in der Arbeit fĂŒr viele Frauen in den Townships das Dringlichste ist. Er lockt sie in abgelegene Gebiete â Felder, Buschland, verlassene Farmen in Gauteng, unter anderem im Raum Atteridgeville, Boksburg und Cleveland.
Dort tötet er sie. Er erdrosselt sie und lĂ€sst die Körper zurĂŒck.
Zwischen 1994 und 1995 werden ihm 38 Morde zugerechnet. Die Opfer â ĂŒberwiegend Frauen â werden in Ă€hnlichen Gebieten gefunden, alle zeigen dasselbe Muster, alle wurden mit falschen Versprechungen in die Falle gelockt.
Mit 38 bestĂ€tigten Morden gilt Moses Sithole als einer der tödlichsten Serienmörder der sĂŒdafrikanischen Geschichte.
âȘïž Die Verhaftung
Im November 1995 wird Sithole gestellt. Bei seiner Festnahme wird er angeschossen.
Die Verhaftung gelingt nach einer langen Fahndung, die zu den gröĂten in der Geschichte des post-apartheid SĂŒdafrikas zĂ€hlt. Ein ungeheuerlicher Aspekt: Ein anderer Mann â Lucky Msweli â wurde wĂ€hrend der Ermittlungen monatelang in Untersuchungshaft gehalten und als HauptverdĂ€chtiger gehandelt. Er war unschuldig.
âȘïž Das Urteil
1997 wird Sithole zu 2.410 Jahren Haft verurteilt â fĂŒr Mord, Vergewaltigung, Raub. Das ist kein Zahlenfehler. Es ist eine sĂŒdafrikanische Rechtspraxis, die Gesamtstrafen aus den Einzelstrafen aller Vergehen addiert.
Er ist bis heute im GefÀngnis. Sein Antrag auf BewÀhrung wurde zuletzt 2016 abgelehnt.
đ Fazit des Autors
Ich lese den Fall Sithole und denke an die Opfer, die Arbeit suchten â ĂŒberwiegend Frauen, die er mit Hoffnung in die Falle lockte. Die in einem neuen SĂŒdafrika nach 1994 endlich Aussicht auf ein besseres Leben hatten. Die einem Mann mit einem Jobangebot vertrauten, weil sie Grund hatten, in die Zukunft zu glauben. Sithole nutzte genau diese Hoffnung aus. Er nutzte die Verletzbarkeit aus, die Armut erzeugt â und tat es in dem Moment, in dem ein ganzes Land versuchte, aus einer langen Geschichte der Gewalt herauszufinden. Das ist das Dunkelste an diesem Fall: nicht nur was er tat, sondern wann er es tat, und gegen wen.
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