21/08/2026
Jugendstil Vereinnahmt
Warum er keine Bauhausvorstufe ist
Am Beispiel Darmstadt und Mannheim
Heute, am sechsten Jahrestag des Starts unserer Facebookseite wollen wir uns mit der Vereinnahmung des Jugendstils auseinandersetzen. Anlass dafür ist, dass man immer wieder die Argumentation hört, dass durch den Jugendstil das Ende der klassischen Architektur eingeläutet worden oder dass Jugendstil eine Art frühe Bauhausvorstufe gewesen sei - oder gar als Bauhaus subsumiert werden könne.
Wir schrieben bereits über die Mathildenhöhe Darmstadt, bei der genau dies der Fall ist. Der Bürgermeister Darmstadts hielt im Rahmen einer öffentlichen Vortrags- und Diskussionsveranstaltung für einen Glaskasten, mit dem das UNESCO-Welterbe präsentiert werden soll, eine Ansprache und stellte heraus, dass in Darmstadt-Mathildenhöhe die Wiege der modernen Architektur liege, auf die man ja so stolz sei.
Fraglich ist, worauf er stolz ist: Auf leere ausdruckslose Zweckarchitektur, die jede Gestaltung, jede Schönheit, jedes Ornament vermisst? Rohbauten ohne kulturhistorischen Wert? Dafür könnte man bessere "Vorläufer" finden: Tierställe oder Hinterhofbebauungen der Gründerzeit.
Um diese Argumentation zu hinterfragen, wollen wir die Hintergründe für die Mathildenhöhe herausarbeiten:
Als die Mathildenhöhe angelegt wurde, erklärte Großherzog Ernst Ludwig folgendes Programm:
„Mein Hessenland blühe und in ihm die Kunst“.
Zur Erinnerung: Aus Mainzer Sicht ist das Hessenland unser Nachbarland jenseits des Rheins, mit dem man ein wenig fremdelt - nur ein wenig. Aber damals waren auch Mainz und das Mainzer Umland Teil dieses Hessenlandes.
Die Bauhausmoderne hingegen will hingegen kein blühendes Hessenland, sondern ein blütenloses lebloses und kunstloses Land. Das Weglassen von Verzierungen, also von Kunst, bedeutet ja eben eine Verweigerung gegen die Kunst.
Allerdings wird hervorgehoben, dass der Jugendstilschmuck der Mathildenhöhe in ihrer Ornamentik reduziert sei.
Dies ist bedingt richtig: Viele Bauten sind tatsächlich nicht im Horror-Vacui-Stil verziert, sondern haben einzelne stark akzentuierte Sichtpunkte, die gestaltet sind und andere Bereiche, die ungestaltet bleiben. Aber daraus kann man eben nicht ableiten, dass dies eine Vorstufe der Nichtgestaltung ist.
Selbst Peter Behrens, der immer wieder genannt wird, gestaltete ein organisches Haus in einem vegetabilen Stil. Ein Frühwerk, eine Jugendsünde? Auch über Peter Behrens schrieben wir noch mehr - seine späteren Bauten, etwa die Deutsche Botschaft in St. Petersburg war Vorbild für die NS-Architektur, Arbeiterhäuser, für deren Gestaltung die Vorgabe galt "Hauptsache billig", wurden tatsächlich von Bauhausapologeten als Vorbilder einer neuen Architektur gefeiert.
Aber Peter Behrens war nicht der Hauptarchitekt der Mathildenhöhe. Dieser war Joseph Maria Olbrich. Seine Bauten, in Darmstadt und anderswo, zeichnen sich durch starke Symbolik, reichen Dekor, individuelle Formen, und emotionale Wirkung aus, also genau das Gegenteil dessen, was später etwa Walter Gropius oder Ludwig Mies van der Rohe anstrebten.
Und dies waren die übrigen Architekten der Mathildenhöhe:
Hans Christiansen
Hans Christiansen war einer der poetischsten und ornamentalsten Künstler der Kolonie. Seine Arbeiten sind voller Pflanzenformen, Märchenhaftigkeit und Symbolismus.
Von Bauhaus-Ideen ist er weit entfernt.
Ludwig Habich
Ludwig Habich blieb vor allem Bildhauer. Auch bei ihm steht die expressive künstlerische Gestaltung im Vordergrund und nicht die Rationalisierung des Designs.
Rudolf Bosselt
Rudolf Bosselt arbeitete stark dekorativ und kunsthandwerklich. Auch hier ist die Verbindung zum späteren Funktionalismus nicht haltbar.
Albin Müller
Seine Arbeiten nach 1908 werden geometrischer und strenger. Er bewegt sich teilweise in Richtung einer sachlicheren Formensprache. Aber auch er bleibt stärker dekorativ als die spätere Bauhausgeneration.
Bernhard Hoetger
Bernhard Hoetger geht sogar in die entgegengesetzte Richtung. Seine Werke werden immer expressiver, mystischer und individueller. Er steht am Beginn des Expressionismus, nicht des Bauhauses.
Aber es gibt noch einen anderen Einwand: Ein Motto des Bauhauses ist: "Wir wollen die Nachahmung vergangener Stile überwinden." Und diejenigen, die im Jugendstil einen Vorläufer des Bauhauses sehen, behaupten gerade dieses: Man habe im Jugendstil zwar noch Ornamente verwendet, aber auf die Nachahmung vergangener Stile verzichtet. Und die Bauhausmoderne gehe dann noch einen Schritt weiter und verzichtet endgültig auch auf die vegetabilen Formen des Jugendstils.
Am Beispiel Olbrich kann dieses Argument bereits teilweise widerlegt werden: Seine Architektur enthält barocke Axialität, klassische Symmetrien, monumentale Treppenanlagen, traditionelle Proportionen Er verwendet diese Elemente jedoch freier. Er baut keinen Barock nach, aber nutzt barocke Prinzipien.
Und der Jugendstil insgesamt? Dem Jugendstil kann man kein fehlendes Geschichtsbewusstsein andichten. Jugendstil speist sich aus mittelalterlicher Ornamentik, keltischen Flechtmustern, Rokoko-Linien sowie Volkskunst und antiken Pflanzenmotiven, aber auch japanischer Kunst, die europäische Kunst nicht ersetzen, sondern ergänzen will.
Jugendstil-Architektur will also ergänzen, nicht zerstören, also respektvoll etwas neues schaffen, so dass Jugendstilbauten nicht selten eine Verschmelzung mit Renaissance, Barock oder auch Klassizismus sind. Diese Werke sind keine Stilmixturen, sondern eigenständige Kunstwerke.
Teilweise war dies bei Gründerzeitbauten so der Fall - und auch Renaissance und Barock haben in ihrer Gestaltung nicht nur wiederholt, sondern auch Neues hervorgebracht. Man wollte im Jugendstil keinen bestimmten historischen Stil wiederholen. Man wollte eine neue Formensprache schaffen, die historische Quellen verarbeitet. Und man war einer Sache treu: Architektur sollte gestaltet sein und nicht wie Rohbauten aussehen. Jugendstil ist Kunst, die das Neue wagt. Sogenannte moderne Architektur schafft Leere, Seichtheit und Phantasielosigkeit; und unbegabte Architekten fordern totalitär dazu auf, eine angeblich vorhandene geniale Idee zu feiern. Bauhausmoderne ist keine Kunst, sondern Kunstverweigerung. Sie ist ein Angriff auf unser kulturelles Erbe, auf unsere Identität, sie will zerstören, wohingegen Jugendstil lebendig etwas neues schaffen will, das Wurzeln und Traditionen respektiert und gleichzeitig kreativ unser Erbe interpretiert.
Dass die Mathildenhöhe unter den Schutz der UNESCO gesetzt wurde, liegt daran, dass sie immer wieder von Architekten vereinnahmt wird, als ein Projekt, das angeblich die sogenannte Moderne vorbereitet. Es geht nicht um den kunsthandwerklichen Wert, den diese Bauten in Darmstadt zweifelsfrei haben, nicht um die Größe, sondern nur um die Legende, dass dieser wunderbare Kunststil Wiege für eine faktische Nichtkunst gewesen sei. Diese Behauptung von Architekten ist eine schamlose Lüge, die dazu dient, inhaltsloser Architektur eine Bedeutung beizumessen, die sie nicht hat.
Und jetzt eine Quizfrage: Welches ist das größte zusammenhängende Jugendstilensemble der Welt, nicht von Deutschland, sondern der Welt?
Die Antwort: Es ist das Mannheimer Friedrichsplatz-Ensemble, von Einheimischen üblicherweise Rosengarten oder Park am Wasserturm genannt. Das UNESCO-Welterbe-Areal in Darmstadt wird in seiner Größe klar angegeben: 5,37 ha. Wir haben mittels KI die Größe des Areals um den Park am Wasserturm ausrechnen lassen. Das Ergebnis: 6,0 - 6,5 ha. Wenn die UNESCO also geringfügig andere Kriterien angelegt hätte, müsste dieses Ensemble gegenüber Darmstadt den Vorrang erhalten.
Auch hier gilt: Das Jugendstilensemble, das 1907 zum 300jährigen Jubiläum der jungen Stadt eingeweiht wurde, integrierte Barockarchitektur: Und dadurch wird es kein eklektischer Stilmix, sondern eine programmatische Weiterentwicklung des Barocks im Rahmen des Jugendstils - eben keine Ersetzung, sondern eine Neuinterpretation. Und über Barock hinaus: Wer sich unser Foto ansieht, erkennt vielleicht die Inspiration des grimmig dreinschauenden Gesichts: Es ist von keltischer Kunst inspiriert. Mannheim ist eine junge, neue, eine geplante Stadt. Kelten lebten dort nicht. Aber Kelten lebten in Heidelberg und anderen Orten der näheren Umgebung. Mannheim speist seine Identität aus seinem Umland.
Und die Gestalter des Parks haben noch mehr beachtet: Der Wasserturm ist in der Mitte von verschiedenen Sichtachsen errichtet worden. Das Areal ist hufeisenförmig, wie es die gesamte heute zerstörte barocke Pfälzische Residenzstadt einst ebenfalls war (was an dem Straßennetz noch zu erkennen ist.) Die Hufeisenform, genauer gesagt, das Halbrund, wie es gerade auch bei barocken Schlossanlagen - wie etwa Mannheim-Schwetzingen - gewählt wurde, lässt den Besucher wie mit offenen, also halbrunden, Armen empfangen fühlen.
Mannheim mit seiner streng rasterförmigen Straßenanlage zeigt auch einen weiteren Aspekt des Barocks auf: Rationalität trotz aller Verspieltheit. Wer unbedingt Vorbilder für die sogenannte Moderne sehen will, könnte also auch Mannheim anführen und Barock als Vorstufe zur Stadtplanung des 20. Jahrhunderts vereinnahmen.
Wer einen Eindruck erhalten möchte, wie schön diese Stadt einst war, dem sei folgendes Video empfohlen, das Mannheim im Jahre 1777 visuell rekonstruiert:
https://www.youtube.com/watch?v=rX_gQGAMAXg
Mannheim veränderte sich im 19. Jahrhundert stark. Viele Barockbauten wurden bereits damals abgerissen - man wollte im Klassizismus Bauten im neuen Stil haben; und in den Gründerzeitjahren gab es eine Bevölkerungsexplosion, die dazu führte, dass viele zweistöckige Barockbauten höheren Gebäuden weichen mussten, weil der Grundstückswert zu hoch war und die Fundamente eine Aufstockung nicht zuließen. Andere Gründerzeitbauten waren ebenfalls barock, aber prachtvoller dekoriert als die barocken Vorgängerbauten.
Wir schrieben Anfang 2022 über den Pfälzischen Erbfolgekrieg. In Mannheim steht das zweitgrößte Barockschloss der Welt, das nach der Totalzerstörung unserer Pfalz erbaut worden ist. Die Stadt ist im Zweiten Weltkrieg und danach durch Versagen des Denkmalschutzes sowie ungeeigneten Personen bei den Baubehörden schwer verletzt und weiterzerstört worden.
Mannheim ist leider keine schöne Stadt mehr - aber sie verfügt eben doch über punktuelle Sehenswürdigkeiten. Wir schreiben von "sogenannter" Moderne. Der Begriff der Moderne suggeriert Fortschritt, Verbesserung. Aber wenn Lebensqualität durch Hässlichkeit zerstört wird, ist dies nicht Verbesserung und Fortschritt, sondern Verschlechterung und damit ein zivilisatorischer Rückschritt.
Das Rosengartenareal im Jugendstil ist zweifelsfrei einer der schönsten urbanen Plätze der Welt. Es ist gestaltet in unserem geliebten und identitätsstiftenden roten Sandstein. Doch es gibt eine Ausnahme: Der Wasserturm im Zentrum selber ist mit gelbem Sandstein verblendet. Der Grund hierfür liegt daran, dass der Architekt ihm einen monumental römischen Charakter verleihen wollte. Und bei der Gestaltung des Friedrichsplatz-Areals hat man dieses Anliegen respektiert und den Kontrast so gelassen. Obgleich der Ort der Mündung des Neckars in den Rhein eigentlich strategisch bedeutend liegt, war sie niemals von den Römern als potentielles Siedlungsgebiet gewählt worden, was daran liegt, dass das Areal stark hochwassergefährdet war und daran, dass es keine Bevölkerung einer vorrömischen Siedlung - wie etwa in Mainz - gab, die für Dienstleistungen für die Römer hätte tätig werden können. Der Wasserturm setzt dennoch historische Akzente zu einer Metaidentität der Stadt - eine Stadt, die das Erbe der römisch-griechischen Baukultur verkörpert.
Der Wasserturm, neben dem Schloss Wahrzeichen Mannheims, ist mit einer Figur von Amphitrite als Aufsatz geschmückt. Amphitrite ist die Gemahlin von Poseidon. Und das Thema Wasser, passend für einen Wasserturm, setzt sich fort: Es gibt einen Tritonbrunnen.
In einem früheren Artikel im Rahmen des Tritonplatzes in Mainz schrieben wir über die Herkunft Tritons. Wir schrieben aus mangelnder Kenntnis, dass Triton ein griechisches Wort sei und etwa "der Dreimann" heiße. Dies ist falsch. Triton ist wahrscheinlich ein ursprünglich berberisches Wort und bedeutet Fluss, Wasser oder Flussmündung. Diese Etymologie hat nicht nur der früher als Tritonsee benannte See (heute Chott el-Djerid), sondern auch die südspanische Stadt Tartessos. Der historische Bezug zu dieser Mythologie passt zu einer Stadt an zwei Flüssen und natürlich zu einem Wasserturm.
Wer im Sommer in Mannheim am Park am Wasserturm weilt, kann durch blühende Laubengänge gehen, erlebt die kunstvollen Kandelaber unseres Fotos, hat Spaß an den grandiosen Wasserspielen, lässt seine Augen daran weiden, wie das Wasser die Treppenstufen hinabfällt. Und alles das ist eingerahmt in sorgfältig komponierte Jugendstilbauten in rotem Sandstein mit kontrastierenden grün glasierten Dachziegeln, die den Platz flankieren.
Das erfrischende, erquickende und lebensspendende Wasser, nach welchem an heißen Sommertagen das Lechzen unserer Zunge sich auf unsere Augen überträgt, wird verschwenderisch durch die Luft geworfen - nur um Freude zu machen. Und denjenigen, die nicht genug Trinkwasser dabei haben, wird kostenfreies, geschmacklich wie hygienisch einwandfreies, Leitungswasser seitlich des Turms gespendet.
Und an dieser Stelle erlaubt sich der Autor einige seltene intime persönliche Worte in Ich-Form: Der Platz stellt für mich schöne und identitätsstiftende Kindheitserinnerungen dar. Er hat aber auch eine andere Relevanz: Ein Foto dieses Platzes mit meinen Eltern steht auf dem Nachttisch meiner Eltern und hat sich tief in mir eingeprägt. Es ist, wie wenn sie sich dort kennengelernt hätten. Dies ist nicht der Fall, aber tatsächlich war der Ort des ersten Dates meiner Eltern nur wenige Kilometer weiter entfernt, nämlich in Heidelberg, das einst Hauptstadt der Pfalz war, bevor diese von Mannheim übernommen wurde. Unser Land, das Land, dessen Hauptstadt Mainz ist, heißt Rheinland-Pfalz. Mainz ist nicht Teil der Pfalz und war dies auch niemals. Aber Mainz ist Hauptstadt für die Pfalz und trägt somit das Erbe Mannheims und Heidelbergs. Und Mainz ist dieses Erbe würdig.
Das Rosengarten-Areal steht nicht unter dem Schutz der UNESCO. Aber diesen Titel hätte es eher verdient als die Mathildenhöhe. Und doch gibt es einen Schönheitsfehler: Eines der Gebäude, die den Platz einrahmt, wurde im Zweiten Weltkrieg beschädigt und durch eine Bausünde ersetzt. Und dieses Gebäude ist die Kunsthalle, also ein öffentliches Gebäude. Einst waren gerade öffentliche Gebäude, vor allem auch Museen, selber Kunstwerke. Möge diese Bausünde geheilt werden, möge der Platz in seiner Geschlossenheit wieder erlebbar werden; und möge Mannheim, die (Kur-)Pfalz. Rheinland-Pfalz, Ernst Ludwigs Hessenland und unsere ganz Welt wieder schön werden, dafür setzen wir uns ein!