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Jugendstil VereinnahmtWarum er keine Bauhausvorstufe istAm Beispiel Darmstadt und Mannheim  Heute, am sechsten Jahrestag...
21/08/2026

Jugendstil Vereinnahmt
Warum er keine Bauhausvorstufe ist
Am Beispiel Darmstadt und Mannheim





Heute, am sechsten Jahrestag des Starts unserer Facebookseite wollen wir uns mit der Vereinnahmung des Jugendstils auseinandersetzen. Anlass dafür ist, dass man immer wieder die Argumentation hört, dass durch den Jugendstil das Ende der klassischen Architektur eingeläutet worden oder dass Jugendstil eine Art frühe Bauhausvorstufe gewesen sei - oder gar als Bauhaus subsumiert werden könne.



Wir schrieben bereits über die Mathildenhöhe Darmstadt, bei der genau dies der Fall ist. Der Bürgermeister Darmstadts hielt im Rahmen einer öffentlichen Vortrags- und Diskussionsveranstaltung für einen Glaskasten, mit dem das UNESCO-Welterbe präsentiert werden soll, eine Ansprache und stellte heraus, dass in Darmstadt-Mathildenhöhe die Wiege der modernen Architektur liege, auf die man ja so stolz sei.



Fraglich ist, worauf er stolz ist: Auf leere ausdruckslose Zweckarchitektur, die jede Gestaltung, jede Schönheit, jedes Ornament vermisst? Rohbauten ohne kulturhistorischen Wert? Dafür könnte man bessere "Vorläufer" finden: Tierställe oder Hinterhofbebauungen der Gründerzeit.



Um diese Argumentation zu hinterfragen, wollen wir die Hintergründe für die Mathildenhöhe herausarbeiten:



Als die Mathildenhöhe angelegt wurde, erklärte Großherzog Ernst Ludwig folgendes Programm:



„Mein Hessenland blühe und in ihm die Kunst“.



Zur Erinnerung: Aus Mainzer Sicht ist das Hessenland unser Nachbarland jenseits des Rheins, mit dem man ein wenig fremdelt - nur ein wenig. Aber damals waren auch Mainz und das Mainzer Umland Teil dieses Hessenlandes.



Die Bauhausmoderne hingegen will hingegen kein blühendes Hessenland, sondern ein blütenloses lebloses und kunstloses Land. Das Weglassen von Verzierungen, also von Kunst, bedeutet ja eben eine Verweigerung gegen die Kunst.



Allerdings wird hervorgehoben, dass der Jugendstilschmuck der Mathildenhöhe in ihrer Ornamentik reduziert sei.



Dies ist bedingt richtig: Viele Bauten sind tatsächlich nicht im Horror-Vacui-Stil verziert, sondern haben einzelne stark akzentuierte Sichtpunkte, die gestaltet sind und andere Bereiche, die ungestaltet bleiben. Aber daraus kann man eben nicht ableiten, dass dies eine Vorstufe der Nichtgestaltung ist.



Selbst Peter Behrens, der immer wieder genannt wird, gestaltete ein organisches Haus in einem vegetabilen Stil. Ein Frühwerk, eine Jugendsünde? Auch über Peter Behrens schrieben wir noch mehr - seine späteren Bauten, etwa die Deutsche Botschaft in St. Petersburg war Vorbild für die NS-Architektur, Arbeiterhäuser, für deren Gestaltung die Vorgabe galt "Hauptsache billig", wurden tatsächlich von Bauhausapologeten als Vorbilder einer neuen Architektur gefeiert.



Aber Peter Behrens war nicht der Hauptarchitekt der Mathildenhöhe. Dieser war Joseph Maria Olbrich. Seine Bauten, in Darmstadt und anderswo, zeichnen sich durch starke Symbolik, reichen Dekor, individuelle Formen, und emotionale Wirkung aus, also genau das Gegenteil dessen, was später etwa Walter Gropius oder Ludwig Mies van der Rohe anstrebten.



Und dies waren die übrigen Architekten der Mathildenhöhe:

Hans Christiansen

Hans Christiansen war einer der poetischsten und ornamentalsten Künstler der Kolonie. Seine Arbeiten sind voller Pflanzenformen, Märchenhaftigkeit und Symbolismus.

Von Bauhaus-Ideen ist er weit entfernt.

Ludwig Habich

Ludwig Habich blieb vor allem Bildhauer. Auch bei ihm steht die expressive künstlerische Gestaltung im Vordergrund und nicht die Rationalisierung des Designs.

Rudolf Bosselt

Rudolf Bosselt arbeitete stark dekorativ und kunsthandwerklich. Auch hier ist die Verbindung zum späteren Funktionalismus nicht haltbar.

Albin Müller

Seine Arbeiten nach 1908 werden geometrischer und strenger. Er bewegt sich teilweise in Richtung einer sachlicheren Formensprache. Aber auch er bleibt stärker dekorativ als die spätere Bauhausgeneration.

Bernhard Hoetger

Bernhard Hoetger geht sogar in die entgegengesetzte Richtung. Seine Werke werden immer expressiver, mystischer und individueller. Er steht am Beginn des Expressionismus, nicht des Bauhauses.





Aber es gibt noch einen anderen Einwand: Ein Motto des Bauhauses ist: "Wir wollen die Nachahmung vergangener Stile überwinden." Und diejenigen, die im Jugendstil einen Vorläufer des Bauhauses sehen, behaupten gerade dieses: Man habe im Jugendstil zwar noch Ornamente verwendet, aber auf die Nachahmung vergangener Stile verzichtet. Und die Bauhausmoderne gehe dann noch einen Schritt weiter und verzichtet endgültig auch auf die vegetabilen Formen des Jugendstils.



Am Beispiel Olbrich kann dieses Argument bereits teilweise widerlegt werden: Seine Architektur enthält barocke Axialität, klassische Symmetrien, monumentale Treppenanlagen, traditionelle Proportionen Er verwendet diese Elemente jedoch freier. Er baut keinen Barock nach, aber nutzt barocke Prinzipien.



Und der Jugendstil insgesamt? Dem Jugendstil kann man kein fehlendes Geschichtsbewusstsein andichten. Jugendstil speist sich aus mittelalterlicher Ornamentik, keltischen Flechtmustern, Rokoko-Linien sowie Volkskunst und antiken Pflanzenmotiven, aber auch japanischer Kunst, die europäische Kunst nicht ersetzen, sondern ergänzen will.



Jugendstil-Architektur will also ergänzen, nicht zerstören, also respektvoll etwas neues schaffen, so dass Jugendstilbauten nicht selten eine Verschmelzung mit Renaissance, Barock oder auch Klassizismus sind. Diese Werke sind keine Stilmixturen, sondern eigenständige Kunstwerke.



Teilweise war dies bei Gründerzeitbauten so der Fall - und auch Renaissance und Barock haben in ihrer Gestaltung nicht nur wiederholt, sondern auch Neues hervorgebracht. Man wollte im Jugendstil keinen bestimmten historischen Stil wiederholen. Man wollte eine neue Formensprache schaffen, die historische Quellen verarbeitet. Und man war einer Sache treu: Architektur sollte gestaltet sein und nicht wie Rohbauten aussehen. Jugendstil ist Kunst, die das Neue wagt. Sogenannte moderne Architektur schafft Leere, Seichtheit und Phantasielosigkeit; und unbegabte Architekten fordern totalitär dazu auf, eine angeblich vorhandene geniale Idee zu feiern. Bauhausmoderne ist keine Kunst, sondern Kunstverweigerung. Sie ist ein Angriff auf unser kulturelles Erbe, auf unsere Identität, sie will zerstören, wohingegen Jugendstil lebendig etwas neues schaffen will, das Wurzeln und Traditionen respektiert und gleichzeitig kreativ unser Erbe interpretiert.





Dass die Mathildenhöhe unter den Schutz der UNESCO gesetzt wurde, liegt daran, dass sie immer wieder von Architekten vereinnahmt wird, als ein Projekt, das angeblich die sogenannte Moderne vorbereitet. Es geht nicht um den kunsthandwerklichen Wert, den diese Bauten in Darmstadt zweifelsfrei haben, nicht um die Größe, sondern nur um die Legende, dass dieser wunderbare Kunststil Wiege für eine faktische Nichtkunst gewesen sei. Diese Behauptung von Architekten ist eine schamlose Lüge, die dazu dient, inhaltsloser Architektur eine Bedeutung beizumessen, die sie nicht hat.



Und jetzt eine Quizfrage: Welches ist das größte zusammenhängende Jugendstilensemble der Welt, nicht von Deutschland, sondern der Welt?



Die Antwort: Es ist das Mannheimer Friedrichsplatz-Ensemble, von Einheimischen üblicherweise Rosengarten oder Park am Wasserturm genannt. Das UNESCO-Welterbe-Areal in Darmstadt wird in seiner Größe klar angegeben: 5,37 ha. Wir haben mittels KI die Größe des Areals um den Park am Wasserturm ausrechnen lassen. Das Ergebnis: 6,0 - 6,5 ha. Wenn die UNESCO also geringfügig andere Kriterien angelegt hätte, müsste dieses Ensemble gegenüber Darmstadt den Vorrang erhalten.



Auch hier gilt: Das Jugendstilensemble, das 1907 zum 300jährigen Jubiläum der jungen Stadt eingeweiht wurde, integrierte Barockarchitektur: Und dadurch wird es kein eklektischer Stilmix, sondern eine programmatische Weiterentwicklung des Barocks im Rahmen des Jugendstils - eben keine Ersetzung, sondern eine Neuinterpretation. Und über Barock hinaus: Wer sich unser Foto ansieht, erkennt vielleicht die Inspiration des grimmig dreinschauenden Gesichts: Es ist von keltischer Kunst inspiriert. Mannheim ist eine junge, neue, eine geplante Stadt. Kelten lebten dort nicht. Aber Kelten lebten in Heidelberg und anderen Orten der näheren Umgebung. Mannheim speist seine Identität aus seinem Umland.



Und die Gestalter des Parks haben noch mehr beachtet: Der Wasserturm ist in der Mitte von verschiedenen Sichtachsen errichtet worden. Das Areal ist hufeisenförmig, wie es die gesamte heute zerstörte barocke Pfälzische Residenzstadt einst ebenfalls war (was an dem Straßennetz noch zu erkennen ist.) Die Hufeisenform, genauer gesagt, das Halbrund, wie es gerade auch bei barocken Schlossanlagen - wie etwa Mannheim-Schwetzingen - gewählt wurde, lässt den Besucher wie mit offenen, also halbrunden, Armen empfangen fühlen.



Mannheim mit seiner streng rasterförmigen Straßenanlage zeigt auch einen weiteren Aspekt des Barocks auf: Rationalität trotz aller Verspieltheit. Wer unbedingt Vorbilder für die sogenannte Moderne sehen will, könnte also auch Mannheim anführen und Barock als Vorstufe zur Stadtplanung des 20. Jahrhunderts vereinnahmen.



Wer einen Eindruck erhalten möchte, wie schön diese Stadt einst war, dem sei folgendes Video empfohlen, das Mannheim im Jahre 1777 visuell rekonstruiert:



https://www.youtube.com/watch?v=rX_gQGAMAXg



Mannheim veränderte sich im 19. Jahrhundert stark. Viele Barockbauten wurden bereits damals abgerissen - man wollte im Klassizismus Bauten im neuen Stil haben; und in den Gründerzeitjahren gab es eine Bevölkerungsexplosion, die dazu führte, dass viele zweistöckige Barockbauten höheren Gebäuden weichen mussten, weil der Grundstückswert zu hoch war und die Fundamente eine Aufstockung nicht zuließen. Andere Gründerzeitbauten waren ebenfalls barock, aber prachtvoller dekoriert als die barocken Vorgängerbauten.



Wir schrieben Anfang 2022 über den Pfälzischen Erbfolgekrieg. In Mannheim steht das zweitgrößte Barockschloss der Welt, das nach der Totalzerstörung unserer Pfalz erbaut worden ist. Die Stadt ist im Zweiten Weltkrieg und danach durch Versagen des Denkmalschutzes sowie ungeeigneten Personen bei den Baubehörden schwer verletzt und weiterzerstört worden.



Mannheim ist leider keine schöne Stadt mehr - aber sie verfügt eben doch über punktuelle Sehenswürdigkeiten. Wir schreiben von "sogenannter" Moderne. Der Begriff der Moderne suggeriert Fortschritt, Verbesserung. Aber wenn Lebensqualität durch Hässlichkeit zerstört wird, ist dies nicht Verbesserung und Fortschritt, sondern Verschlechterung und damit ein zivilisatorischer Rückschritt.



Das Rosengartenareal im Jugendstil ist zweifelsfrei einer der schönsten urbanen Plätze der Welt. Es ist gestaltet in unserem geliebten und identitätsstiftenden roten Sandstein. Doch es gibt eine Ausnahme: Der Wasserturm im Zentrum selber ist mit gelbem Sandstein verblendet. Der Grund hierfür liegt daran, dass der Architekt ihm einen monumental römischen Charakter verleihen wollte. Und bei der Gestaltung des Friedrichsplatz-Areals hat man dieses Anliegen respektiert und den Kontrast so gelassen. Obgleich der Ort der Mündung des Neckars in den Rhein eigentlich strategisch bedeutend liegt, war sie niemals von den Römern als potentielles Siedlungsgebiet gewählt worden, was daran liegt, dass das Areal stark hochwassergefährdet war und daran, dass es keine Bevölkerung einer vorrömischen Siedlung - wie etwa in Mainz - gab, die für Dienstleistungen für die Römer hätte tätig werden können. Der Wasserturm setzt dennoch historische Akzente zu einer Metaidentität der Stadt - eine Stadt, die das Erbe der römisch-griechischen Baukultur verkörpert.



Der Wasserturm, neben dem Schloss Wahrzeichen Mannheims, ist mit einer Figur von Amphitrite als Aufsatz geschmückt. Amphitrite ist die Gemahlin von Poseidon. Und das Thema Wasser, passend für einen Wasserturm, setzt sich fort: Es gibt einen Tritonbrunnen.



In einem früheren Artikel im Rahmen des Tritonplatzes in Mainz schrieben wir über die Herkunft Tritons. Wir schrieben aus mangelnder Kenntnis, dass Triton ein griechisches Wort sei und etwa "der Dreimann" heiße. Dies ist falsch. Triton ist wahrscheinlich ein ursprünglich berberisches Wort und bedeutet Fluss, Wasser oder Flussmündung. Diese Etymologie hat nicht nur der früher als Tritonsee benannte See (heute Chott el-Djerid), sondern auch die südspanische Stadt Tartessos. Der historische Bezug zu dieser Mythologie passt zu einer Stadt an zwei Flüssen und natürlich zu einem Wasserturm.



Wer im Sommer in Mannheim am Park am Wasserturm weilt, kann durch blühende Laubengänge gehen, erlebt die kunstvollen Kandelaber unseres Fotos, hat Spaß an den grandiosen Wasserspielen, lässt seine Augen daran weiden, wie das Wasser die Treppenstufen hinabfällt. Und alles das ist eingerahmt in sorgfältig komponierte Jugendstilbauten in rotem Sandstein mit kontrastierenden grün glasierten Dachziegeln, die den Platz flankieren.



Das erfrischende, erquickende und lebensspendende Wasser, nach welchem an heißen Sommertagen das Lechzen unserer Zunge sich auf unsere Augen überträgt, wird verschwenderisch durch die Luft geworfen - nur um Freude zu machen. Und denjenigen, die nicht genug Trinkwasser dabei haben, wird kostenfreies, geschmacklich wie hygienisch einwandfreies, Leitungswasser seitlich des Turms gespendet.



Und an dieser Stelle erlaubt sich der Autor einige seltene intime persönliche Worte in Ich-Form: Der Platz stellt für mich schöne und identitätsstiftende Kindheitserinnerungen dar. Er hat aber auch eine andere Relevanz: Ein Foto dieses Platzes mit meinen Eltern steht auf dem Nachttisch meiner Eltern und hat sich tief in mir eingeprägt. Es ist, wie wenn sie sich dort kennengelernt hätten. Dies ist nicht der Fall, aber tatsächlich war der Ort des ersten Dates meiner Eltern nur wenige Kilometer weiter entfernt, nämlich in Heidelberg, das einst Hauptstadt der Pfalz war, bevor diese von Mannheim übernommen wurde. Unser Land, das Land, dessen Hauptstadt Mainz ist, heißt Rheinland-Pfalz. Mainz ist nicht Teil der Pfalz und war dies auch niemals. Aber Mainz ist Hauptstadt für die Pfalz und trägt somit das Erbe Mannheims und Heidelbergs. Und Mainz ist dieses Erbe würdig.



Das Rosengarten-Areal steht nicht unter dem Schutz der UNESCO. Aber diesen Titel hätte es eher verdient als die Mathildenhöhe. Und doch gibt es einen Schönheitsfehler: Eines der Gebäude, die den Platz einrahmt, wurde im Zweiten Weltkrieg beschädigt und durch eine Bausünde ersetzt. Und dieses Gebäude ist die Kunsthalle, also ein öffentliches Gebäude. Einst waren gerade öffentliche Gebäude, vor allem auch Museen, selber Kunstwerke. Möge diese Bausünde geheilt werden, möge der Platz in seiner Geschlossenheit wieder erlebbar werden; und möge Mannheim, die (Kur-)Pfalz. Rheinland-Pfalz, Ernst Ludwigs Hessenland und unsere ganz Welt wieder schön werden, dafür setzen wir uns ein!

Weltweit bestdotierte ArchitekturauszeichnungDriehaus Preis 2026Nach wie vor von den Medien totgeschwiegen - als lobensw...
04/03/2026

Weltweit bestdotierte Architekturauszeichnung

Driehaus Preis 2026

Nach wie vor von den Medien totgeschwiegen - als lobenswerte Ausnahme sei hier die Chicago Tribune erwähnt - wurde als diesjähriger Preisträger des mit 200.000 US Dollar mit weitem Abstand weltweit bestdotierten Architekturpreises John Simpson aus London bekanntgegeben. Die Preisverleihung wird am 21. März in Chicago stattfinden.

Das Gremium ehrt ihn für sein langjähriges Engagement für herausragende, klassische und nachhaltige Architektur und lobt ausdrücklich seine Sensibilität für lokale Traditionen der Orte, an denen er baute oder Vorschläge einreichte.

John Simpson entwarf einige Gebäude in Poundbury (wir berichteten), Erweiterungen der King´s Gallery am Buckingham Palace, am Royal College of Music und auch an der "School of Architecture" der University of Notre Dame, die das Gremium stellt, das den Driehaus-Preis auslobt. Notre Dame befindet sich nördlich im Bundesstaat Indiana, in der Nähe des Lake Michigan.

Darüber hinaus wurde auch seine Tätigkeit als Dozent hervorgehoben: Er hielt Vorträge an "The Prince’s Foundation", der University of Buckingham, der Cambridge University, und er ist ebenfalls Fellow am Gonville and Caius College, Cambridge.

Aber die größte Aufmerksamkeit erregte er bereits im Jahre 1990 für einen leider jedoch noch seiner Verwirklichung ausharrenden Plan zur Umgestaltung des Paternoster Squares in London in unmittelbarer Nähe zu St. Paul´s Cathedral.

Das Gemälde unten, das John Simpson als Entwurf einreichte, stammt von Carl Laubin, und unser Verein dankt herzlich dem Architekturbüro John Simpson, das das Copyright innehat, für die exklusive schriftliche Erlaubnis, es auf unserer Seite veröffentlichen zu dürfen.

Nach Kriegsschäden wurde der Paternoster Square mit konventionellen Billigbauten verunstaltet. Und der Wunsch, in den 90er Jahren hier eine bauliche Verbesserung herbeizuführen, scheiterte leider. Vorerst.

John Simpson sagt: "Unsere Vorfahren bauten wunderbare und nachhaltige Städte in einer allgemein anerkannten Tradition. Am Anfang meines Berufswegs gab es nur wenige, die zu diesem Weg standen. Es ist eine große Freude zu sehen, wie sich dies über die Jahre geändert hat mit einer neu aufkommenden Generation von Architekten, die sich verpflichtet fühlen, die Kontinuität, die uns an unsere Klassischen Wurzeln bindet, wiederherzustellen und die entschlossen sind, zukünftigen Generationen eine schöne und humane Welt zu schaffen, die diese genießen werden. Diese Auszeichnung kennt den anhaltenden Wert der Tradition an - nicht als Nostalgie, sondern als ein Fundament, um gut und verantwortlich in der Gegenwart zu bauen."

Darüber hinaus freuen wir uns, dass der ebenfalls von dem Richard H. Driehaus Charitable Trust ausgelobte und mit 50.000 US-Dollar dotierte Henry Hope Reed Award, benannt nach dem ersten Preisträger, einem Architekturtheoretiker, an Philippe Villeneuve ging.

Über Philippe Villeneuve berichteten wir bereits: Sein großes Verdienst bestand darin, Staatspräsident Emmanuel Macron davon zu überzeugen, dass nach dem Brand der Kathedrale Notre Dame in Paris 2019, bei dem der Vierungsturm in den Kirchenraum einstürzte, originalgetreu wieder aufgebaut wurde. Philippe Villeneuve hat - so die Jury - eine außergewöhnliche Leidenschaft gezeigt, um diese Rekonstruktion zu leiten.

Im Jahre 2019 erhielt Carl Laubin, wie erwähnt der Maler der Vision eines zukünftigen Paternoster Squares, diese Auszeichnung für seine Architekturmalereien.

An dieser Stelle möchten wir jedoch auch eine Trauernachricht bekanntgeben: Léon Krier, der allererste Preisträger des Driehaus-Preises, den mehrere Mitglieder und Freunde unseres Vereins bei der Veranstaltung von "Pro Altstadt Frankfurt" zur Feier des Dom-Römer-Areals im Jahre 2018 erlebt haben, erlag am 17. Juni 2025 im Alter von nur 79 Jahren einer Darmkrebserkrankung. Friede seiner Seele.

Mainzer Geschichte/ Mainzer JuwelenWie kommt der "Trunkene Zwerg" ins Heiligtum?Und welche Geschichte erzählt er uns?Die...
31/01/2026

Mainzer Geschichte/ Mainzer Juwelen

Wie kommt der "Trunkene Zwerg" ins Heiligtum?

Und welche Geschichte erzählt er uns?

Die "Legende von Mainz"





Wenn wir scheinbar nicht über Architektur sprechen, sondern stattdessen über Geschichte oder andere Kulturwerte - ist dies nicht risikofrei und unumstritten. Man mag einwenden, wer an Architektur interessiert ist, ist nicht zwangsläufig auch an Geschichte interessiert. Dies mag so stimmen, und doch haben wir eine Absicht: Rekonstruktionen können erzählen. Rekonstruktionen begeistern nicht nur wegen ihrer Ästhetik, sondern auch weil sie keine beliebigen Bauten sind und Anlass zur Reflektion geben.



Daher wollen wir hier mit einer - hoffentlich - für unsere Leser aufschlussreichen Recherche Freude machen. Mit Rekonstruktionen wird Geschichte erzählt. Und daher erzählen wir Geschichte - und Geschichten.



Was wir schreiben, ist der Appell, dass Mainz - ebenso wie viele andere Städte - eine erzählenswerte, spannende Geschichte haben. Und dass diese Vergangenheit eine schöne Architektur verdient. Wir werden unten die Geschichte und Topographie von Mainz als Metapher erzählen, wir gebrauchen Begriffe, die konkret, faktisch korrekt und gleichzeitig Metaphern sind. Der Süden ist die Metapher für Zivilisation, der Norden ist die Metapher für unzivilisierte Rohheit. Und unsere Geschichte ist die Sehnsucht nach Zivilisation - einer Zivilisation, die sich in Ornamenten manifestiert.



Wir hatten in unserem Beitrag über das Gallische Mainz vom 16. Januar 2025 über das Isis- und Magna-Mater-Heiligtum berichtet und warum dieses Heiligtum für die Mainzer Geschichte und Identität von immenser Bedeutung ist. Eines der wertvollsten Fundstücke in dieser Anlage ist - laut Wikipedia - ein "Trunkener Zwerg", der aus dem 1. Jh. v. Chr. stammt und dem Autor des Wikipedia-Beitrags zufolge wohl die ausgelassene Stimmung bei Feierlichkeiten einfangen soll. Diese Figur ist trotz ihres schieren Alters keineswegs das älteste Exponat in Mainzer Museen.



Ursprünglich wollten wir ein (eigenes) Foto dieser Figur hier veröffentlichen. Wir hatten jedoch eine bessere Idee und zeigen eine KI-generierte Visualisierung, wie der 16 x 16 Meter große Tempel ungefähr ausgesehen hat. Die Visualisierung ist kein Phantasieprodukt, sondern angelehnt an Erkenntnissen an anderen Mater-Magna-Tempeln dieser Zeit nördlich der Alpen. So schön war Mainz, so südländisch, eingebunden in den mediterranen Kulturraum - bis es im Jahre 407 zerstört wurde. Man bekommt Phantomschmerzen über den Verlust - und dieser Tempel war wahrscheinlich bescheidener als der noch nicht gefundene, aber für eine Provinzhauptstadt vermutete Capitolstempel. Und mit dieser Veröffentlichung einher geht der Aufruf, sich an dieser Architektur für zukünftige Bauten zu orientieren. Beispielsweise an dem Ort, der für die Mainzer vor der Zeitenwende der heiligste Platz unserer Stadt war und wo jetzt ein Tempel des Konsums und ein Museum steht.



Immerhin: Ein Museum ist ein Platz der Erinnerung, wobei der vorrömische Charakter noch nicht so gewürdigt wird, wie es diese Stätte verdient.



Der Zwerg kann unter untenstehendem Link aufgerufen werden:



https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Heiligtum_mainz1.jpg



Vor Ort in der musealen Anlage des einstigen Tempels findet man übrigens eine ähnliche Erklärung wie bei Wikipedia: "Vielleicht stellt die Figur einen beschwingten Teilnehmer einer Kultfeier dar."





In römischen Tempeln findet man jedoch ausschließlich:

Götterbilder

Genius-Figuren

Dämonische Schutzwesen

Apotropäische (schutzgebende) Figuren

Machtgestalten

Votive mit klarer Funktion

Nicht hingegen Darstellungen von Feiernden „in Stimmung“. Und auch reale Menschen "in Stimmung" wurden in Tempeln nicht geduldet. Was in (gallo-)römischen Tempeln übrigens ebenfalls nicht akzeptiert wurde, sind Inschriften oder Figuren nichtkanonisierter Gottheiten, was für die Mogontia-Inschrift in Metz wichtig ist.



In der Literatur wird auch vermutet, dass diese Figur den Göttinnen geopfert worden sei. Diese These ist jedoch abwegig: Opfern in diesem Sinne heißt, beispielsweise im Rhein eine Sache zu versenken oder im Boden etwas zu vergraben. Der Tempel ist jedoch kein Fluss und hatte einen Fußboden aus Steinplatten oder Estrich, der Boden eines Tempels wurde nicht für Opferzeremonien aufgebrochen und der Tempel enthielt auch keine Opfergrube wie es sie teilweise bei Tempeln in der Eisenzeit gegeben hat. Tiere konnten geopfert werden, Figuren in einem Tempel nicht.





Dazu kommt, dass die Figur keineswegs einen Betrunkenen zeigt: Die Handgestik ist zielgerichtet: Eine Hand führt bewusst an den Kopf, die andere scheint, dem Betrachter etwas auszuhändigen.



Die 14,1 cm große Bronzefigur weist subsaharische Gesichtszüge auf, die individualisiert und nicht schemenhaft sind. Sie zeigt, dass der Künstler offenbar Menschen aus dem subsaharischen Afrika kannte. Die Lippen und das Haarband sind raffiniert mit Kupfer rot gefärbt worden, die Fingernägel sind versilbert. Sie ist kunsthandwerklich hochwertig.



Ein römischer Tempel war keine Taverne. Es war eine Stätte der Andacht und der Ansprache an höhere Wesen - und die Menschen damals haben tatsächlich an die Existenz dieser Wesen geglaubt und an die Wirksamkeit ihrer rituellen Taten. Um einen trefflichen Vergleich für die Gegenwart anzustellen: Ein kontemporärer "Brauch an Christi Himmelfahrt" ist, dass Männer in Bollerwagen mit Bier (und zuweilen schärferen Alkoholika) durch die Gegend fahren. Da kann es in Extremfällen auf unseren Gassen und Plätzen schon mal vorkommen, dass jemand sich soviel Alkohol eingießt, dass sein Gehirn nicht mehr vernünftig arbeitet und er sich bis auf das Unterhemd auszieht und herumgrölt. Aber dieses Ereignis in einem Gemälde festzuhalten und im Mainzer Dom auszustellen, um die Freuden von "Christi Himmelfahrt" darzustellen? Der verantwortliche Pfarrer wäre die längste Zeit seines Lebens - selbst im feierfreundlichen und toleranten Mainz - Pfarrer gewesen.





I) Was ist die Figur dann?



Es gibt zumindest zwei Götter, die - in ägyptischer Mythologie als Begleiter für Isis - hierfür grundsätzlich in Frage kommen: Bes und Pataikos. Es kann zwar nicht behauptet werden, dass der Zwerg in Mainz eine der beiden Gottheiten gesichert darstellen soll, aber man kann mit Bestimmtheit feststellen, dass die Figur von Bes und Pataikos zumindest indirekt inspiriert ist.



Als Herstellungsort kommt Ägypten in Frage, aber mit geringerer Wahrscheinlichkeit auch Zypern, Südanatolien, der heutige Libanon und Karthago und Umgebung.



Bes ist in der ägyptischen Mythologie (aus welcher ja auch Isis stammt), ein Schutzgott. Insbesondere gilt er als Beschützer von Schwangeren, Wöchnerinnen und Neugeborenen, was ihn für einen - tendenziell weiblich konnotierten - Tempel prädestiniert.



Er wird in der ägyptischen Kunst als fratzenhafter Zwerg dargestellt.



Und Pataikos (als Ptah-Patek in der englischen Wikipedia auffindbar) wird mit Bes assoziiert. Seine Darstellung ist ebenfalls die eines n***ten Zwerges.



Und es gibt noch eine dritte Möglichkeit: Laren.



Wer die Abbildungen der ägyptischen Figuren vergleicht, wird skeptisch sein - außer Zwerg, n***t und grotesk, erinnert wenig an die recht feine Arbeit in Mainz. Und Laren waren bekleidet. Die Armhaltung von Bes/ Pataikos gleicht ebenfalls nicht unserer Mainzer Figur.



Aber zumindest in einem Punkt kann dem Zweifel recht einfach entgegnet werden: Wenn man ägyptische Isisdarstellungen mit römischen vergleicht, erkennt man ebenfalls massive künstlerische Veränderungen, vollständige Neuinterpretation entsprechend dem römisch-griechischen Geschmack, die vergleichbar sind mit einem ägyptischen zu einem römischen Bes/ Pataikos. Dasselbe gilt auch für die Wandlung der tunesischen Tanit zur griechischen Athene.



Auch auf die Arm-/ Handhaltung sollte noch näher eingegangen werden: Die rechte Hand berührt die üppigen und aufwendig als Zopf zusammengebundenen Haare, eine symbolische Art dargestellter Selbstpflege. Haare galten bei den Völkern des Altertums als Sinnbild der Lebenskraft. Die rechte Hand betont also ihre Haare und damit die Figur an sich in ihrer Lebenskraft. Die linke Hand scheint dem Betrachter einen verlorenen oder unsichtbaren Gegenstand geben zu wollen. Die Hände scheinen also dualistisch, wie dies sonst in separaten Figuren etwa bei Matronen der Fall war: Selbstbezogen und Fremdbezogen zugleich. Nicht als Widerspruch, sondern aus innerer Logik: Aus Stärke zum Geben befähigt.



Auch die Nacktheit des Zwergs steht in diesem Kontext. Für uns vielleicht obszön, für Völker des klassischen Altertums ein selbstbewusstes Zeichen für Virilität, für Stärke, die somit als Schutzfunktion wieder abgegeben werden kann.



Warum ein Zwerg? Warum halbn***t? Warum fremdartig (subsaharisch)?



Alles das soll Dämonen erschrecken. Die Idee dahinter: Dämonen haben Angst vor dem ungewöhnlichen. Die Dämonen stellen fest, dass an dieser Stelle etwas anders als sonst ist, und weichen zurück. Dies ist die selbe Logik wie Mascarons an Eingangtoren in Gebäuden der klassischen Antike, worüber wir bereits in einem früheren Artikel berichtet haben. Und es ist die Logik von Fastnacht in den Übergangszeiten November und Februar. Jetzt entschlüsselt sich, was der kleine Mann dem Betrachter geben will: Keinen materiellen Gegenstand, sondern einen immateriellen: Schutz.



Mainz als eine der drei rheinischen Hochburgen der Fastnacht steht in dieser Logik im Einklang mit dieser Figur dafür, dass für uns Rheinländer das Fremde und Ungewöhnliche tendenziell zunächst vorurteilsfrei bewertet wird, dass es nicht per se feindlich ist, sondern, solange sich nicht das Gegenteil herauskristallisiert auch das exzentrische einen integrativen Sinn ergibt. Lokalpatriotismus und Weltbürgerlichkeit schließen sich nicht aus. Mainz ist schrill und unkonventionell. Der spießige, rohe und unzivilisierte Bauhausstil passt nicht zu uns. Dieser kleine Zwerg, der uns so lieb die Hände aufhält, der ethnisch aus Subsaharien stammt, der wohl in Nordafrika hergestellt und wohl in Marseille verkauft wurde und nun in Mainz an exponierter Lage steht, ist ein integrativer Teil unserer Stadtkultur.



II.) Wieso ist sie erhalten?



Bronze hat einen Materialwert. Man könnte denken, jemand schnappt sie sich und lässt sie einschmelzen. Aber aus unerklärlichen Gründen hatte niemand Interesse, die Bronze zu klauen.



Das Elitegrab unter dem Tempel hingegen wurde von Grabräubern geplündert. So beklagenswert dies ist, weil damit faszinierende kunsthandwerkliche Zeugnisse unserer Vergangenheit zerstört wurden, so sehr ist dies aufschlussreich für das Gesamtverständnis der Logik der Anlage und der vorrömischen Nutzung: Die Römer haben bevorzugt auf bereits zuvor als heilig beschriebenen Orten Tempel errichtet. Dies spricht dafür, dass es kein Zufall war, dass genau auf einem reich ausgestatteten Elitegrab dieser Tempel errichtet wurde. Das Grab stammt etwa aus dem Jahr 700 - 650 v. Chr., der Tempel wurde um 75 n. Chr. errichtet. Und etwa dreihundert Jahre lang nach dem Bau hielt sich die Erinnerung, dass darunter ein wichtiges Grab liegt, die Grabräuber nutzten altes Wissen für ihre Mühe. Also kann definitiv ausgeschlossen werden, dass rein zufällig auf dem wichtigsten bislang gefundenen Elitegrab von Mainz dieser Tempel errichtet wurde.



Zur Chronologie: Ab etwa 330 n. Chr. verloren die alten Kulte ihre Attraktivität; das Christentum wurde beliebter, der Tempel zog weniger Besucher, vorwiegend Ältere, an, Geldzufluss verringert sich. Im Jahre 380 wird das Christentum Staatsreligion, von 380 bis 392 werden öffentliche polytheistische Akte schrittweise verboten. Reparaturen finden nicht mehr statt, das Areal wird ein verlorener Ort. Der Bildersturm beginnt. Die Jahre 380 - 420 war die Zeit, in der alten religiösen Statuen die Köpfe abgehackt wurden und die Mainzer Jupitersäule in 2000 Stücke zerbrochen und vergraben wurde. Unsere Bes/ Pataikosfigur war zu klein und unbedeutend, um sie zu köpfen oder einzuschmelzen, war auch in diesem Sinne nicht als gallorömische Gottheit, sondern als Schutzfigur zu erkennen. Man ließ diesen Tempel einschlafen, zerstörte ihn vorerst nicht. Erst später verwendete man vielleicht Säulen als Spolien für Kirchen oder andere Bauten. Es ist denkbar, dass unsere Figur gerettet wurde, weil sie von einer herabstürzenden Decke begraben wurde.









III.) Wie kommt die Figur nach Mainz?



Dies ist vielleicht noch spannender, als die Frage, was der Zwerg überhaupt ist.

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Wie gesagt, die Figur ist etwa 80 - 150 Jahre älter als der Isis- und Magna-Mater-Tempel, der im letzten Drittel des ersten Jahrhunderts n. Chr. erbaut wurde. Das für die Ausstattung des Heiligtums verantwortliche gallorömische Kultpersonal wird zeitgenössische Kultfiguren besorgt haben und keine Antiquitäten aus anderen Tempeln oder dem Handel.



Wahrscheinlicher ist folgendes Szenario: Ein Kaufmann aus Mainz hatte sie bei einer Handelsreise im 1. Jh. v. Chr. erstanden und nach Mainz mitgebracht. In seiner Familie blieb sie einige Generationen, bis ein Erbe sich dazu entschloss, sie der Allgemeinheit zu stiften.



Es ist belegt, dass Mainzer Händler in Einbäumen im 1. Jh. v. Chr. (und auch einige Jahrhunderte davor) bis nach Basel fuhren - und sogar nach Marseille. Alleine diese Tatsache ist spektakulär: Mit einem Einbaum kann man pro Tag - vorsichtig geschätzt - etwa 25 km weit rudern, stromabwärts bei guten Bedingungen kann dies auch das doppelte sein.



Marseille, ein Ort, in dem solche Figuren damals gehandelt wurden (gehandelt, aber nicht hergestellt!) , liegt nicht an einem Fluss, der unmittelbar mit dem Rhein verbunden ist. Unsere Kaufmannsleute haben ihre Einbäume aus dem Rhein gezogen und auf Ochsenkarren verladen, mit denen sie zum nächsten Flusssystem gefahren sind. Der Landweg betrug insgesamt auf diese Weise nur etwa 40 km.



Mit Zwischenaufenthalten dauerte diese Reise 6-9 Wochen.



Die abenteuerlustigen Mainzer Geschäftsleute, vielleicht 4-8 Mann, brachten aus Mainz (von Händlern, die mit Ochsenkarren anfuhren angeliefert, sofern nicht in Mainz hergestellt) Eisenrohlinge, Leder, Werkzeuge. Vielleicht als Luxusprodukte aus dem Küstengebiet im Nordosten Germaniens Bernstein, nahmen sich Proviant mit, übernachteten im Freien oder bei Gastgebern, denen man Geschenke machen und die man mit Nachrichten versorgen konnte.



Marseille bot im Gegenzug Wein, griechische (Glas-)Gefäße - und eben auch exotische Figuren an. In Basel konnte man Salz einhandeln, das in Mainz hochbegehrt war, um Fisch für den Weiterverkauf zu konservieren. Viel Arbeit, viel Zeit - aber im Idealfall mit gigantischen Gewinnen und unschätzbaren Lebenserfahrungen belohnt.



Sprachprobleme gab es keine: Zwar war Marseille eine griechische Gründung, die dann von den Römern besetzt wurde, aber die Lingua Franca bei den Händlern war im 1. Jh. v. Chr. das vertraute Gallisch. Vielleicht mit einem anderen Dialekt, aber Heimspiel für unsere Mainzer Kaufmannstruppe.



Ein Kaufmann aus Mainz sah vielleicht das erste Mal in seinem Leben einen Schwarzen und wollte ein Souvenir für sich und seine Familie kaufen. Ein Händler machte ihm die Figur schmackhaft: "Das ist eine Schutzfigur, die ist bei uns üblich. Und, ich schwöre bei meinen Ahnen, sie ist bewährt - sie schützt Haus, Heim, Frau und Kinder."



Und als der Schiffer von seiner Weltreise zurückkam, von einer zukunftsweisenden Weltstadt mit geschätzt 30-50.000 Einwohnern nach Mainz-Weisenau mit vielleicht 150-300 Einwohnern, hatte er nicht nur Geschenke für seine Frau und seine Kinder, sondern auch Geschichten. Er erzählt von den prachtvollen Bauten aus Stein mit schönen Verzierungen, die er sah; er erzählte von dem Meer, in dem das ansonsten so teure Salz einfach aufgelöst ist und das blau bis türkisfarben leuchtet (wahrscheinlich hatte er kein Wort für diese Farbe), er erzählt von der Hitze, von der phantastischen Vegetation, von der ungewöhnlichen Hautschattierung der Menschen. Und vielleicht auch von Menschen, die aus dem subsaharischen Afrika stammen und schwarze Haut haben. Beiläufig: Dies ist denkbar, wäre aber wirklich etwas besonderes, schwarze Händler oder sonstige Immigranten gab es nicht sonderlich viele. Um es schonungslos darzulegen: Schwarze Sklaven waren hinter Mauern versteckte teure Statussymbole.



Wenn unsere Kaufmannstruppe nach der Ankunft der Römer in Gallien (Mitte 1. Jh. v. Chr.) heim nach Mainz kamen, werden die Männer neben Schätzen und Geschichten noch etwas mitbringen: Die realistische Einschätzung, ob die Römer gefährlich sind. Sie werden sagen: Dass die Römer die Völker des Südens (Helvetier, Sequaner, Vangionen und Triboker etwa) weitgehend in Frieden lassen und prachtvolle Städte bauen, dass sie auch ihr (also unser) Land der Treverer zur Zivilisation durch ihre Baukunst führen werden.



Fassungslos und gebannt hören diese Erlebnisse die Kinder und Erwachsene beim Lagerfeuer zu. Sie werden neidisch und fragen, warum sie nicht ihr Dorf am Rhein verlassen und in das schöne reiche Marseille auswandern.



Und ihre Väter und Onkel, die Kaufleute, werden antworten, dass Wohlstand und Zivilisation aus dem Süden nach Mainz kommen werden, wenn man dem Süden und der Zukunft aufgeschlossen gegenübersteht, so wie der Rhein aus dem Süden nach Mainz kommt.



Und dann muss unser Händlervater, der viel Zeit zum Nachdenken auf seinen Rheinfahrten hat, den Kindern und Daheimgebliebenen eine Geschichte erzählen, was Mainz so einzigartig macht.



Uns sind keine Mainzer Legenden unserer gallischen Vorfahren in (Mainz-) Weisenau überliefert. Unser Verein will Gebäude rekonstruieren, die verloren sind und schön waren. Gebäude, die Geschichten erzählen, die uns Identität geben. Unsere Identität bedeutet, nach unseren Wurzeln zu suchen, die in Mainz bei den gallischen Treverern liegen. Auch wenn wir keine Gallier sein sollten, leben wir auf diesem Land an diesen Flüssen. Wir identifizieren uns mit diesem Land; und die Treverer in Mainz sind ein Teil unseres Selbstverständnisses, wir sind ihre Nachfolger und rechnerisch Nachkommen von allen Mitteleuropäern, die vor 2000 Jahren lebten und Nachkommen bis zum heutigen Tag haben. Wir ehren unsere Ahnen und Vorgänger, und sind beeindruckt, wie die Mainzer vor 2000 Jahren ihre Ahnen geehrt haben. Wir wollen erinnern und nicht vergessen oder verdrängen, so geben wir Würde den Menschen in ihren Träumen und Sehnsüchten, die auf den Wegen wandelten, auf denen wir heute gehen.



Zum Abschluss ist eine Geschichte, wie sie den Kindern von den Kaufleuten und mutigen Flussfahrern erzählt worden sein könnte. Wie gesagt: Könnte, aber ihre Worte sind in der Topographie unserer Landschaft zu lesen. Also ist es eine wahre Rekonstruktion. Sie entspricht keltischem Denken und keltischer Erzählstruktur. Vorab wollen wir zum Verständnis der Geschichte noch ein paar Worte zur Etymologie von Mainz und dem Main verlieren, was eine zusammenfassende Wiederholung unseres erwähnten Beitrags vom 16. Januar 2025 ist.



Heute (am 1. Februar, bzw. nach Sonnenuntergang des 31. Januars) feierten unsere Vorgänger ein Fest namens Imbolc. Wir versetzen uns ins Mainz etwa des Jahres 14 vor Christus, ein Jahr, das am Vorabend der Ankunft der Römer in Mainz, also im Schatten ihrer Ankunft, lag. Der Winter in seiner Kälte und Bedrohung ist insofern eine Zeit der Ruhe, als dass wegen des fehlenden Lichts und der Kälte nicht alle, aber viele Arbeiten, die sonst anfallen, nicht möglich sind.



Dies ist der Tag, an dem unsere Vorfahren vor etwa 2040 Jahren feierten, dass sie die erste Schafsmilch nach der Winterpause trinken konnten, Lichter wurden großzügig entzündet, das Haus gereinigt und geräuchert, und es wurde besonders gut gegessen.



IV.) Vorbemerkung:





Der Autor dieses Artikels postuliert, dass diese Ahnin, die bei dem Tempelbau über eine Zeitspanne von immerhin 750-800 Jahre erinnert wurde, gemäß gallischer Logik postmortal zu einer Gottheit erhoben wurde. Diese haben die Römer dann gemäß der Interpretatio Romana als Isis und Magna Mater uminterpretiert, ohne den einheimischen Kult zu verbieten. Der theophore Stadtname Mogontiacum (das Land der Großen, Starken, Mächtigen) wurde nach diesem Ehrennamen Mogontia gebildet, nicht nach Mogon, weil ansonsten unsere Stadt Mogunacum heißen müsste und auch nicht nach einem Mogontius, weil dieser durchaus später dokumentierte Name ein Personenname wäre, aber größere Dörfer an Flüssen mit Arbeitsteilung nicht nach Einzelpersonen (Großgrundbesitzern), sondern nach Flüssen, Flussfunktionen oder eben nach Göttern benannt wurden.



Der epigraphisch dokumentierte Mogon war nicht der Ehemann Mogontias, sondern als männliches Äquivalent Mogontias für ambulante Heilung zuständig.



Die Feiertage, für welche Mogontia, die als Schutz- und Versorgungsgöttin sowie zuständig für den Lauf der Flüsse angesehen wurde, wichtig waren, sind zwei Tage der Dunkelheit: Nicht nur Imbolc, sondern auch Samhain (Halloween am Vorabend), das ja in Deutschland seit vielleicht einem halben Jahrhundert wieder gefeiert wird. Ein Nachhall des Jahrhunderte lang ignorierten Halloween ist Fastnacht am 11.11.



Es würde in die Logik passen, dass auch damals schon im Februar Verkleidungen oder Masken wie bei Halloween/ Samhain getragen worden sind - aber dafür gibt es erst für das 12. Jahrhundert Nachweise.





*Eine nachträgliche Überlegung im Nachgang zu unserem Artikel vom 16. Januar 2025: Es gibt mehrere Hypothesen, wie der Main zu seinem Namen kam: Als "Grenz-Fluss", als "der Mäandrierende", als vorkeltisches Wort für Wasser. Alles das überzeugt nicht wirklich, der Autor bietet eine weitere These an. Der Main wurde von römischen und griechischen Geographen als Moenuns oder Moinos kartographiert (das O-I oder O-E ist kein Ö, sondern ein Doppelkonsonant). laut Wikipedia könnte dies in keltischer Zeit Mogin geheißen haben (das G wurde dann später - landläufig formuliert - "weggenuschelt", wie dies spachübergreifend häufig mit einem G geschieht, und ja auch für den Stadtnamen Mainz selber nachzuweisen ist). Der Name Mogin kann dann unmittelbar aus dem Keltischen übersetzt werden: Nämlich etwa mit "Der Träger der Kraft", "der Wirkende". Und dies macht Sinn.



Mogontia ist an Mogin sprachlich angeglichen. Die Ahnin hätte auch einen anderen Ehrennamen haben können. Die Kraft ist die der Mündung, dass der Main - scheinbar - den Rhein dazu bringen konnte, nach Westen abzudriften. Die Leute dieser Zeit wussten zwar natürlich, dass dafür in Wahrheit die Berge des Taunus verantwortlich sind, aber maßen spirituell Flüssen eben doch mehr Macht zu als den Bergen. So ist der Name unserer Stadt zwar nicht direkt vom Main abgeleitet, aber könnte einen rückgekoppelten Bezug zu diesem haben. Am Main lagen im 1. Jh. v. Chr. keine Städte, aber neben Weilern mit maximal vier Gehöften zwei Dörfer: Miltenberg und Mainz-Weisenau. Und letzteres lag an der Mündung und war größer als Miltenberg. Und man kann nachweisen, dass die Benennungsakteure für Flüsse meist an der Mündung lebten oder in dem größten Ort desselben. Für römische und griechische Geographen war Mainz auch leichter erreichbar als Miltenberg.



V.) Die Mainzer Legende







Als der Rhein das Licht der Welt erblickte, kam er aus den Bergen des Südens.
Er war schnell und ungeduldig, denn
Er wollte neugierig sehen, was jenseits des Landes der hohen Berge lag,
und er folgte seinem eigenen Drängen.

Lange floss er geradeaus, ohne zu fragen.



Doch als er an den Ort kam,
wo die alten Grabhügel stehen und die Wege sich kreuzen,
hielt er inne.



Dort stand Mogontia.



Sie trat ihm nicht entgegen,
sie befahl ihm nichts,
sie hielt ihn nicht auf.

Sie stand.



Und weil sie stand,
erinnerte sich der Rhein.

Er verstand, dass vor ihm das Land im Norden enger wurde,
härter, rauer, kälter.
Nicht feindlich –
aber noch nicht bereit.



Da wandte sich der Rhein dem Weg der Sonne zu
und folgte ihr nach Westen,
um zu geben, was er trug

auf dem Weg in das Meer des Westens

und in die Anderswelt.



Doch Mogontia wusste:
Kein Weg ist für immer.

Und der Rhein braucht neue Kraft

Darum schuf sie ihm im Osten einen Gefährten,
den "Träger der Kraft"*.
Er kam ruhig, aber schwer,
und als er den Rhein erreichte

und in ihn einfloss,
machte er ihn stark genug
weiterzufließen, aber die Erinnerungen mitzutragen.



So verließ der Rhein den Ort nicht,
sondern nahm ihn mit.

Weiter unten im Westen, wo das Land es wieder verlangte,
nahm er den Weg nach Norden wieder auf.



Und die Alten sagten:



„Nicht jeder Ort hält fest.
Manche Orte wenden.
Wer hier lebt, lernt zu gehen
und zurückzukehren.“



Darum ist dieser Ort:

offen für Fremde,
aber nicht leicht zu nehmen;
reich an Durchgang,
arm an Vergessen.



Und wer ihn verlässt,
trägt ihn weiter im Strome.

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SÖMMERRINGStr. Mainz
Mainz
55118

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