31/01/2026
Mainzer Geschichte/ Mainzer Juwelen
Wie kommt der "Trunkene Zwerg" ins Heiligtum?
Und welche Geschichte erzählt er uns?
Die "Legende von Mainz"
Wenn wir scheinbar nicht über Architektur sprechen, sondern stattdessen über Geschichte oder andere Kulturwerte - ist dies nicht risikofrei und unumstritten. Man mag einwenden, wer an Architektur interessiert ist, ist nicht zwangsläufig auch an Geschichte interessiert. Dies mag so stimmen, und doch haben wir eine Absicht: Rekonstruktionen können erzählen. Rekonstruktionen begeistern nicht nur wegen ihrer Ästhetik, sondern auch weil sie keine beliebigen Bauten sind und Anlass zur Reflektion geben.
Daher wollen wir hier mit einer - hoffentlich - für unsere Leser aufschlussreichen Recherche Freude machen. Mit Rekonstruktionen wird Geschichte erzählt. Und daher erzählen wir Geschichte - und Geschichten.
Was wir schreiben, ist der Appell, dass Mainz - ebenso wie viele andere Städte - eine erzählenswerte, spannende Geschichte haben. Und dass diese Vergangenheit eine schöne Architektur verdient. Wir werden unten die Geschichte und Topographie von Mainz als Metapher erzählen, wir gebrauchen Begriffe, die konkret, faktisch korrekt und gleichzeitig Metaphern sind. Der Süden ist die Metapher für Zivilisation, der Norden ist die Metapher für unzivilisierte Rohheit. Und unsere Geschichte ist die Sehnsucht nach Zivilisation - einer Zivilisation, die sich in Ornamenten manifestiert.
Wir hatten in unserem Beitrag über das Gallische Mainz vom 16. Januar 2025 über das Isis- und Magna-Mater-Heiligtum berichtet und warum dieses Heiligtum für die Mainzer Geschichte und Identität von immenser Bedeutung ist. Eines der wertvollsten Fundstücke in dieser Anlage ist - laut Wikipedia - ein "Trunkener Zwerg", der aus dem 1. Jh. v. Chr. stammt und dem Autor des Wikipedia-Beitrags zufolge wohl die ausgelassene Stimmung bei Feierlichkeiten einfangen soll. Diese Figur ist trotz ihres schieren Alters keineswegs das älteste Exponat in Mainzer Museen.
Ursprünglich wollten wir ein (eigenes) Foto dieser Figur hier veröffentlichen. Wir hatten jedoch eine bessere Idee und zeigen eine KI-generierte Visualisierung, wie der 16 x 16 Meter große Tempel ungefähr ausgesehen hat. Die Visualisierung ist kein Phantasieprodukt, sondern angelehnt an Erkenntnissen an anderen Mater-Magna-Tempeln dieser Zeit nördlich der Alpen. So schön war Mainz, so südländisch, eingebunden in den mediterranen Kulturraum - bis es im Jahre 407 zerstört wurde. Man bekommt Phantomschmerzen über den Verlust - und dieser Tempel war wahrscheinlich bescheidener als der noch nicht gefundene, aber für eine Provinzhauptstadt vermutete Capitolstempel. Und mit dieser Veröffentlichung einher geht der Aufruf, sich an dieser Architektur für zukünftige Bauten zu orientieren. Beispielsweise an dem Ort, der für die Mainzer vor der Zeitenwende der heiligste Platz unserer Stadt war und wo jetzt ein Tempel des Konsums und ein Museum steht.
Immerhin: Ein Museum ist ein Platz der Erinnerung, wobei der vorrömische Charakter noch nicht so gewürdigt wird, wie es diese Stätte verdient.
Der Zwerg kann unter untenstehendem Link aufgerufen werden:
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Heiligtum_mainz1.jpg
Vor Ort in der musealen Anlage des einstigen Tempels findet man übrigens eine ähnliche Erklärung wie bei Wikipedia: "Vielleicht stellt die Figur einen beschwingten Teilnehmer einer Kultfeier dar."
In römischen Tempeln findet man jedoch ausschließlich:
Götterbilder
Genius-Figuren
Dämonische Schutzwesen
Apotropäische (schutzgebende) Figuren
Machtgestalten
Votive mit klarer Funktion
Nicht hingegen Darstellungen von Feiernden „in Stimmung“. Und auch reale Menschen "in Stimmung" wurden in Tempeln nicht geduldet. Was in (gallo-)römischen Tempeln übrigens ebenfalls nicht akzeptiert wurde, sind Inschriften oder Figuren nichtkanonisierter Gottheiten, was für die Mogontia-Inschrift in Metz wichtig ist.
In der Literatur wird auch vermutet, dass diese Figur den Göttinnen geopfert worden sei. Diese These ist jedoch abwegig: Opfern in diesem Sinne heißt, beispielsweise im Rhein eine Sache zu versenken oder im Boden etwas zu vergraben. Der Tempel ist jedoch kein Fluss und hatte einen Fußboden aus Steinplatten oder Estrich, der Boden eines Tempels wurde nicht für Opferzeremonien aufgebrochen und der Tempel enthielt auch keine Opfergrube wie es sie teilweise bei Tempeln in der Eisenzeit gegeben hat. Tiere konnten geopfert werden, Figuren in einem Tempel nicht.
Dazu kommt, dass die Figur keineswegs einen Betrunkenen zeigt: Die Handgestik ist zielgerichtet: Eine Hand führt bewusst an den Kopf, die andere scheint, dem Betrachter etwas auszuhändigen.
Die 14,1 cm große Bronzefigur weist subsaharische Gesichtszüge auf, die individualisiert und nicht schemenhaft sind. Sie zeigt, dass der Künstler offenbar Menschen aus dem subsaharischen Afrika kannte. Die Lippen und das Haarband sind raffiniert mit Kupfer rot gefärbt worden, die Fingernägel sind versilbert. Sie ist kunsthandwerklich hochwertig.
Ein römischer Tempel war keine Taverne. Es war eine Stätte der Andacht und der Ansprache an höhere Wesen - und die Menschen damals haben tatsächlich an die Existenz dieser Wesen geglaubt und an die Wirksamkeit ihrer rituellen Taten. Um einen trefflichen Vergleich für die Gegenwart anzustellen: Ein kontemporärer "Brauch an Christi Himmelfahrt" ist, dass Männer in Bollerwagen mit Bier (und zuweilen schärferen Alkoholika) durch die Gegend fahren. Da kann es in Extremfällen auf unseren Gassen und Plätzen schon mal vorkommen, dass jemand sich soviel Alkohol eingießt, dass sein Gehirn nicht mehr vernünftig arbeitet und er sich bis auf das Unterhemd auszieht und herumgrölt. Aber dieses Ereignis in einem Gemälde festzuhalten und im Mainzer Dom auszustellen, um die Freuden von "Christi Himmelfahrt" darzustellen? Der verantwortliche Pfarrer wäre die längste Zeit seines Lebens - selbst im feierfreundlichen und toleranten Mainz - Pfarrer gewesen.
I) Was ist die Figur dann?
Es gibt zumindest zwei Götter, die - in ägyptischer Mythologie als Begleiter für Isis - hierfür grundsätzlich in Frage kommen: Bes und Pataikos. Es kann zwar nicht behauptet werden, dass der Zwerg in Mainz eine der beiden Gottheiten gesichert darstellen soll, aber man kann mit Bestimmtheit feststellen, dass die Figur von Bes und Pataikos zumindest indirekt inspiriert ist.
Als Herstellungsort kommt Ägypten in Frage, aber mit geringerer Wahrscheinlichkeit auch Zypern, Südanatolien, der heutige Libanon und Karthago und Umgebung.
Bes ist in der ägyptischen Mythologie (aus welcher ja auch Isis stammt), ein Schutzgott. Insbesondere gilt er als Beschützer von Schwangeren, Wöchnerinnen und Neugeborenen, was ihn für einen - tendenziell weiblich konnotierten - Tempel prädestiniert.
Er wird in der ägyptischen Kunst als fratzenhafter Zwerg dargestellt.
Und Pataikos (als Ptah-Patek in der englischen Wikipedia auffindbar) wird mit Bes assoziiert. Seine Darstellung ist ebenfalls die eines n***ten Zwerges.
Und es gibt noch eine dritte Möglichkeit: Laren.
Wer die Abbildungen der ägyptischen Figuren vergleicht, wird skeptisch sein - außer Zwerg, n***t und grotesk, erinnert wenig an die recht feine Arbeit in Mainz. Und Laren waren bekleidet. Die Armhaltung von Bes/ Pataikos gleicht ebenfalls nicht unserer Mainzer Figur.
Aber zumindest in einem Punkt kann dem Zweifel recht einfach entgegnet werden: Wenn man ägyptische Isisdarstellungen mit römischen vergleicht, erkennt man ebenfalls massive künstlerische Veränderungen, vollständige Neuinterpretation entsprechend dem römisch-griechischen Geschmack, die vergleichbar sind mit einem ägyptischen zu einem römischen Bes/ Pataikos. Dasselbe gilt auch für die Wandlung der tunesischen Tanit zur griechischen Athene.
Auch auf die Arm-/ Handhaltung sollte noch näher eingegangen werden: Die rechte Hand berührt die üppigen und aufwendig als Zopf zusammengebundenen Haare, eine symbolische Art dargestellter Selbstpflege. Haare galten bei den Völkern des Altertums als Sinnbild der Lebenskraft. Die rechte Hand betont also ihre Haare und damit die Figur an sich in ihrer Lebenskraft. Die linke Hand scheint dem Betrachter einen verlorenen oder unsichtbaren Gegenstand geben zu wollen. Die Hände scheinen also dualistisch, wie dies sonst in separaten Figuren etwa bei Matronen der Fall war: Selbstbezogen und Fremdbezogen zugleich. Nicht als Widerspruch, sondern aus innerer Logik: Aus Stärke zum Geben befähigt.
Auch die Nacktheit des Zwergs steht in diesem Kontext. Für uns vielleicht obszön, für Völker des klassischen Altertums ein selbstbewusstes Zeichen für Virilität, für Stärke, die somit als Schutzfunktion wieder abgegeben werden kann.
Warum ein Zwerg? Warum halbn***t? Warum fremdartig (subsaharisch)?
Alles das soll Dämonen erschrecken. Die Idee dahinter: Dämonen haben Angst vor dem ungewöhnlichen. Die Dämonen stellen fest, dass an dieser Stelle etwas anders als sonst ist, und weichen zurück. Dies ist die selbe Logik wie Mascarons an Eingangtoren in Gebäuden der klassischen Antike, worüber wir bereits in einem früheren Artikel berichtet haben. Und es ist die Logik von Fastnacht in den Übergangszeiten November und Februar. Jetzt entschlüsselt sich, was der kleine Mann dem Betrachter geben will: Keinen materiellen Gegenstand, sondern einen immateriellen: Schutz.
Mainz als eine der drei rheinischen Hochburgen der Fastnacht steht in dieser Logik im Einklang mit dieser Figur dafür, dass für uns Rheinländer das Fremde und Ungewöhnliche tendenziell zunächst vorurteilsfrei bewertet wird, dass es nicht per se feindlich ist, sondern, solange sich nicht das Gegenteil herauskristallisiert auch das exzentrische einen integrativen Sinn ergibt. Lokalpatriotismus und Weltbürgerlichkeit schließen sich nicht aus. Mainz ist schrill und unkonventionell. Der spießige, rohe und unzivilisierte Bauhausstil passt nicht zu uns. Dieser kleine Zwerg, der uns so lieb die Hände aufhält, der ethnisch aus Subsaharien stammt, der wohl in Nordafrika hergestellt und wohl in Marseille verkauft wurde und nun in Mainz an exponierter Lage steht, ist ein integrativer Teil unserer Stadtkultur.
II.) Wieso ist sie erhalten?
Bronze hat einen Materialwert. Man könnte denken, jemand schnappt sie sich und lässt sie einschmelzen. Aber aus unerklärlichen Gründen hatte niemand Interesse, die Bronze zu klauen.
Das Elitegrab unter dem Tempel hingegen wurde von Grabräubern geplündert. So beklagenswert dies ist, weil damit faszinierende kunsthandwerkliche Zeugnisse unserer Vergangenheit zerstört wurden, so sehr ist dies aufschlussreich für das Gesamtverständnis der Logik der Anlage und der vorrömischen Nutzung: Die Römer haben bevorzugt auf bereits zuvor als heilig beschriebenen Orten Tempel errichtet. Dies spricht dafür, dass es kein Zufall war, dass genau auf einem reich ausgestatteten Elitegrab dieser Tempel errichtet wurde. Das Grab stammt etwa aus dem Jahr 700 - 650 v. Chr., der Tempel wurde um 75 n. Chr. errichtet. Und etwa dreihundert Jahre lang nach dem Bau hielt sich die Erinnerung, dass darunter ein wichtiges Grab liegt, die Grabräuber nutzten altes Wissen für ihre Mühe. Also kann definitiv ausgeschlossen werden, dass rein zufällig auf dem wichtigsten bislang gefundenen Elitegrab von Mainz dieser Tempel errichtet wurde.
Zur Chronologie: Ab etwa 330 n. Chr. verloren die alten Kulte ihre Attraktivität; das Christentum wurde beliebter, der Tempel zog weniger Besucher, vorwiegend Ältere, an, Geldzufluss verringert sich. Im Jahre 380 wird das Christentum Staatsreligion, von 380 bis 392 werden öffentliche polytheistische Akte schrittweise verboten. Reparaturen finden nicht mehr statt, das Areal wird ein verlorener Ort. Der Bildersturm beginnt. Die Jahre 380 - 420 war die Zeit, in der alten religiösen Statuen die Köpfe abgehackt wurden und die Mainzer Jupitersäule in 2000 Stücke zerbrochen und vergraben wurde. Unsere Bes/ Pataikosfigur war zu klein und unbedeutend, um sie zu köpfen oder einzuschmelzen, war auch in diesem Sinne nicht als gallorömische Gottheit, sondern als Schutzfigur zu erkennen. Man ließ diesen Tempel einschlafen, zerstörte ihn vorerst nicht. Erst später verwendete man vielleicht Säulen als Spolien für Kirchen oder andere Bauten. Es ist denkbar, dass unsere Figur gerettet wurde, weil sie von einer herabstürzenden Decke begraben wurde.
III.) Wie kommt die Figur nach Mainz?
Dies ist vielleicht noch spannender, als die Frage, was der Zwerg überhaupt ist.
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Wie gesagt, die Figur ist etwa 80 - 150 Jahre älter als der Isis- und Magna-Mater-Tempel, der im letzten Drittel des ersten Jahrhunderts n. Chr. erbaut wurde. Das für die Ausstattung des Heiligtums verantwortliche gallorömische Kultpersonal wird zeitgenössische Kultfiguren besorgt haben und keine Antiquitäten aus anderen Tempeln oder dem Handel.
Wahrscheinlicher ist folgendes Szenario: Ein Kaufmann aus Mainz hatte sie bei einer Handelsreise im 1. Jh. v. Chr. erstanden und nach Mainz mitgebracht. In seiner Familie blieb sie einige Generationen, bis ein Erbe sich dazu entschloss, sie der Allgemeinheit zu stiften.
Es ist belegt, dass Mainzer Händler in Einbäumen im 1. Jh. v. Chr. (und auch einige Jahrhunderte davor) bis nach Basel fuhren - und sogar nach Marseille. Alleine diese Tatsache ist spektakulär: Mit einem Einbaum kann man pro Tag - vorsichtig geschätzt - etwa 25 km weit rudern, stromabwärts bei guten Bedingungen kann dies auch das doppelte sein.
Marseille, ein Ort, in dem solche Figuren damals gehandelt wurden (gehandelt, aber nicht hergestellt!) , liegt nicht an einem Fluss, der unmittelbar mit dem Rhein verbunden ist. Unsere Kaufmannsleute haben ihre Einbäume aus dem Rhein gezogen und auf Ochsenkarren verladen, mit denen sie zum nächsten Flusssystem gefahren sind. Der Landweg betrug insgesamt auf diese Weise nur etwa 40 km.
Mit Zwischenaufenthalten dauerte diese Reise 6-9 Wochen.
Die abenteuerlustigen Mainzer Geschäftsleute, vielleicht 4-8 Mann, brachten aus Mainz (von Händlern, die mit Ochsenkarren anfuhren angeliefert, sofern nicht in Mainz hergestellt) Eisenrohlinge, Leder, Werkzeuge. Vielleicht als Luxusprodukte aus dem Küstengebiet im Nordosten Germaniens Bernstein, nahmen sich Proviant mit, übernachteten im Freien oder bei Gastgebern, denen man Geschenke machen und die man mit Nachrichten versorgen konnte.
Marseille bot im Gegenzug Wein, griechische (Glas-)Gefäße - und eben auch exotische Figuren an. In Basel konnte man Salz einhandeln, das in Mainz hochbegehrt war, um Fisch für den Weiterverkauf zu konservieren. Viel Arbeit, viel Zeit - aber im Idealfall mit gigantischen Gewinnen und unschätzbaren Lebenserfahrungen belohnt.
Sprachprobleme gab es keine: Zwar war Marseille eine griechische Gründung, die dann von den Römern besetzt wurde, aber die Lingua Franca bei den Händlern war im 1. Jh. v. Chr. das vertraute Gallisch. Vielleicht mit einem anderen Dialekt, aber Heimspiel für unsere Mainzer Kaufmannstruppe.
Ein Kaufmann aus Mainz sah vielleicht das erste Mal in seinem Leben einen Schwarzen und wollte ein Souvenir für sich und seine Familie kaufen. Ein Händler machte ihm die Figur schmackhaft: "Das ist eine Schutzfigur, die ist bei uns üblich. Und, ich schwöre bei meinen Ahnen, sie ist bewährt - sie schützt Haus, Heim, Frau und Kinder."
Und als der Schiffer von seiner Weltreise zurückkam, von einer zukunftsweisenden Weltstadt mit geschätzt 30-50.000 Einwohnern nach Mainz-Weisenau mit vielleicht 150-300 Einwohnern, hatte er nicht nur Geschenke für seine Frau und seine Kinder, sondern auch Geschichten. Er erzählt von den prachtvollen Bauten aus Stein mit schönen Verzierungen, die er sah; er erzählte von dem Meer, in dem das ansonsten so teure Salz einfach aufgelöst ist und das blau bis türkisfarben leuchtet (wahrscheinlich hatte er kein Wort für diese Farbe), er erzählt von der Hitze, von der phantastischen Vegetation, von der ungewöhnlichen Hautschattierung der Menschen. Und vielleicht auch von Menschen, die aus dem subsaharischen Afrika stammen und schwarze Haut haben. Beiläufig: Dies ist denkbar, wäre aber wirklich etwas besonderes, schwarze Händler oder sonstige Immigranten gab es nicht sonderlich viele. Um es schonungslos darzulegen: Schwarze Sklaven waren hinter Mauern versteckte teure Statussymbole.
Wenn unsere Kaufmannstruppe nach der Ankunft der Römer in Gallien (Mitte 1. Jh. v. Chr.) heim nach Mainz kamen, werden die Männer neben Schätzen und Geschichten noch etwas mitbringen: Die realistische Einschätzung, ob die Römer gefährlich sind. Sie werden sagen: Dass die Römer die Völker des Südens (Helvetier, Sequaner, Vangionen und Triboker etwa) weitgehend in Frieden lassen und prachtvolle Städte bauen, dass sie auch ihr (also unser) Land der Treverer zur Zivilisation durch ihre Baukunst führen werden.
Fassungslos und gebannt hören diese Erlebnisse die Kinder und Erwachsene beim Lagerfeuer zu. Sie werden neidisch und fragen, warum sie nicht ihr Dorf am Rhein verlassen und in das schöne reiche Marseille auswandern.
Und ihre Väter und Onkel, die Kaufleute, werden antworten, dass Wohlstand und Zivilisation aus dem Süden nach Mainz kommen werden, wenn man dem Süden und der Zukunft aufgeschlossen gegenübersteht, so wie der Rhein aus dem Süden nach Mainz kommt.
Und dann muss unser Händlervater, der viel Zeit zum Nachdenken auf seinen Rheinfahrten hat, den Kindern und Daheimgebliebenen eine Geschichte erzählen, was Mainz so einzigartig macht.
Uns sind keine Mainzer Legenden unserer gallischen Vorfahren in (Mainz-) Weisenau überliefert. Unser Verein will Gebäude rekonstruieren, die verloren sind und schön waren. Gebäude, die Geschichten erzählen, die uns Identität geben. Unsere Identität bedeutet, nach unseren Wurzeln zu suchen, die in Mainz bei den gallischen Treverern liegen. Auch wenn wir keine Gallier sein sollten, leben wir auf diesem Land an diesen Flüssen. Wir identifizieren uns mit diesem Land; und die Treverer in Mainz sind ein Teil unseres Selbstverständnisses, wir sind ihre Nachfolger und rechnerisch Nachkommen von allen Mitteleuropäern, die vor 2000 Jahren lebten und Nachkommen bis zum heutigen Tag haben. Wir ehren unsere Ahnen und Vorgänger, und sind beeindruckt, wie die Mainzer vor 2000 Jahren ihre Ahnen geehrt haben. Wir wollen erinnern und nicht vergessen oder verdrängen, so geben wir Würde den Menschen in ihren Träumen und Sehnsüchten, die auf den Wegen wandelten, auf denen wir heute gehen.
Zum Abschluss ist eine Geschichte, wie sie den Kindern von den Kaufleuten und mutigen Flussfahrern erzählt worden sein könnte. Wie gesagt: Könnte, aber ihre Worte sind in der Topographie unserer Landschaft zu lesen. Also ist es eine wahre Rekonstruktion. Sie entspricht keltischem Denken und keltischer Erzählstruktur. Vorab wollen wir zum Verständnis der Geschichte noch ein paar Worte zur Etymologie von Mainz und dem Main verlieren, was eine zusammenfassende Wiederholung unseres erwähnten Beitrags vom 16. Januar 2025 ist.
Heute (am 1. Februar, bzw. nach Sonnenuntergang des 31. Januars) feierten unsere Vorgänger ein Fest namens Imbolc. Wir versetzen uns ins Mainz etwa des Jahres 14 vor Christus, ein Jahr, das am Vorabend der Ankunft der Römer in Mainz, also im Schatten ihrer Ankunft, lag. Der Winter in seiner Kälte und Bedrohung ist insofern eine Zeit der Ruhe, als dass wegen des fehlenden Lichts und der Kälte nicht alle, aber viele Arbeiten, die sonst anfallen, nicht möglich sind.
Dies ist der Tag, an dem unsere Vorfahren vor etwa 2040 Jahren feierten, dass sie die erste Schafsmilch nach der Winterpause trinken konnten, Lichter wurden großzügig entzündet, das Haus gereinigt und geräuchert, und es wurde besonders gut gegessen.
IV.) Vorbemerkung:
Der Autor dieses Artikels postuliert, dass diese Ahnin, die bei dem Tempelbau über eine Zeitspanne von immerhin 750-800 Jahre erinnert wurde, gemäß gallischer Logik postmortal zu einer Gottheit erhoben wurde. Diese haben die Römer dann gemäß der Interpretatio Romana als Isis und Magna Mater uminterpretiert, ohne den einheimischen Kult zu verbieten. Der theophore Stadtname Mogontiacum (das Land der Großen, Starken, Mächtigen) wurde nach diesem Ehrennamen Mogontia gebildet, nicht nach Mogon, weil ansonsten unsere Stadt Mogunacum heißen müsste und auch nicht nach einem Mogontius, weil dieser durchaus später dokumentierte Name ein Personenname wäre, aber größere Dörfer an Flüssen mit Arbeitsteilung nicht nach Einzelpersonen (Großgrundbesitzern), sondern nach Flüssen, Flussfunktionen oder eben nach Göttern benannt wurden.
Der epigraphisch dokumentierte Mogon war nicht der Ehemann Mogontias, sondern als männliches Äquivalent Mogontias für ambulante Heilung zuständig.
Die Feiertage, für welche Mogontia, die als Schutz- und Versorgungsgöttin sowie zuständig für den Lauf der Flüsse angesehen wurde, wichtig waren, sind zwei Tage der Dunkelheit: Nicht nur Imbolc, sondern auch Samhain (Halloween am Vorabend), das ja in Deutschland seit vielleicht einem halben Jahrhundert wieder gefeiert wird. Ein Nachhall des Jahrhunderte lang ignorierten Halloween ist Fastnacht am 11.11.
Es würde in die Logik passen, dass auch damals schon im Februar Verkleidungen oder Masken wie bei Halloween/ Samhain getragen worden sind - aber dafür gibt es erst für das 12. Jahrhundert Nachweise.
*Eine nachträgliche Überlegung im Nachgang zu unserem Artikel vom 16. Januar 2025: Es gibt mehrere Hypothesen, wie der Main zu seinem Namen kam: Als "Grenz-Fluss", als "der Mäandrierende", als vorkeltisches Wort für Wasser. Alles das überzeugt nicht wirklich, der Autor bietet eine weitere These an. Der Main wurde von römischen und griechischen Geographen als Moenuns oder Moinos kartographiert (das O-I oder O-E ist kein Ö, sondern ein Doppelkonsonant). laut Wikipedia könnte dies in keltischer Zeit Mogin geheißen haben (das G wurde dann später - landläufig formuliert - "weggenuschelt", wie dies spachübergreifend häufig mit einem G geschieht, und ja auch für den Stadtnamen Mainz selber nachzuweisen ist). Der Name Mogin kann dann unmittelbar aus dem Keltischen übersetzt werden: Nämlich etwa mit "Der Träger der Kraft", "der Wirkende". Und dies macht Sinn.
Mogontia ist an Mogin sprachlich angeglichen. Die Ahnin hätte auch einen anderen Ehrennamen haben können. Die Kraft ist die der Mündung, dass der Main - scheinbar - den Rhein dazu bringen konnte, nach Westen abzudriften. Die Leute dieser Zeit wussten zwar natürlich, dass dafür in Wahrheit die Berge des Taunus verantwortlich sind, aber maßen spirituell Flüssen eben doch mehr Macht zu als den Bergen. So ist der Name unserer Stadt zwar nicht direkt vom Main abgeleitet, aber könnte einen rückgekoppelten Bezug zu diesem haben. Am Main lagen im 1. Jh. v. Chr. keine Städte, aber neben Weilern mit maximal vier Gehöften zwei Dörfer: Miltenberg und Mainz-Weisenau. Und letzteres lag an der Mündung und war größer als Miltenberg. Und man kann nachweisen, dass die Benennungsakteure für Flüsse meist an der Mündung lebten oder in dem größten Ort desselben. Für römische und griechische Geographen war Mainz auch leichter erreichbar als Miltenberg.
V.) Die Mainzer Legende
Als der Rhein das Licht der Welt erblickte, kam er aus den Bergen des Südens.
Er war schnell und ungeduldig, denn
Er wollte neugierig sehen, was jenseits des Landes der hohen Berge lag,
und er folgte seinem eigenen Drängen.
Lange floss er geradeaus, ohne zu fragen.
Doch als er an den Ort kam,
wo die alten Grabhügel stehen und die Wege sich kreuzen,
hielt er inne.
Dort stand Mogontia.
Sie trat ihm nicht entgegen,
sie befahl ihm nichts,
sie hielt ihn nicht auf.
Sie stand.
Und weil sie stand,
erinnerte sich der Rhein.
Er verstand, dass vor ihm das Land im Norden enger wurde,
härter, rauer, kälter.
Nicht feindlich –
aber noch nicht bereit.
Da wandte sich der Rhein dem Weg der Sonne zu
und folgte ihr nach Westen,
um zu geben, was er trug
auf dem Weg in das Meer des Westens
und in die Anderswelt.
Doch Mogontia wusste:
Kein Weg ist für immer.
Und der Rhein braucht neue Kraft
Darum schuf sie ihm im Osten einen Gefährten,
den "Träger der Kraft"*.
Er kam ruhig, aber schwer,
und als er den Rhein erreichte
und in ihn einfloss,
machte er ihn stark genug
weiterzufließen, aber die Erinnerungen mitzutragen.
So verließ der Rhein den Ort nicht,
sondern nahm ihn mit.
Weiter unten im Westen, wo das Land es wieder verlangte,
nahm er den Weg nach Norden wieder auf.
Und die Alten sagten:
„Nicht jeder Ort hält fest.
Manche Orte wenden.
Wer hier lebt, lernt zu gehen
und zurückzukehren.“
Darum ist dieser Ort:
offen für Fremde,
aber nicht leicht zu nehmen;
reich an Durchgang,
arm an Vergessen.
Und wer ihn verlässt,
trägt ihn weiter im Strome.