25/10/2024
Umzug einer Bibliothek
Tusterfels, Nevenburg
Ein Beben ging durch das Schloss. Was war das?
Graf und Gräfin waren derzeit nicht zu Hause, sondern auf Reisen. Doch wieso passierte das? Die Zwergin lief beunruhigt durch die Räumlichkeiten. Wieder rumpelte und bebte es im Schloss.
Die Zwergin folgte dem Lärm. Was war das nur?
Wäre sie magisch begabt gewesen hätte sie die Risse in den Sphären gespürt. Sie hätte gemerkt, wie sich das Arkanum zusammenzog. Sie hätte gefühlt, dass hier etwas Großes vor sich ging.
Viele Tausend Meilen entfernt.
Getrennt durch Portale, Sphären und Wasser lag ein Reich. Bekannt als die „Dunklen Lande“. Dort, im Kampf der Göttinnen und Götter, lag eine fahle Magierin in schwarz-silbernen Gewändern auf dem Waldboden und blutete. Es waren tiefe Wunden. Ihr Lebensodem verließ die Nekromantin in pulsierenden Stößen. Regungslos blieb die Großmeisterin liegen. Nun war es vorbei.
Im selben Augenblick, im Schloss in Tusterfels, ihrer Heimat, zog sich der Riss durch das Schloss. Unbemerkt von der Bibliothekarin, die inzwischen durch die Bibliothek des Schlosses eilte um nach der Ursache des Bebens und Grollens suchte.
Die Zwergin spürte inzwischen, dass die Bibliothek das Zentrum der Vorkommnisse war.
Laicirion, Gauklerinsel
Die Eimaisofos war einzigartig: Aus allen Zeiten, Welten, Sphären, waren hier Schriften gesammelt. Religiöse Schriften, Romane, Gedichte, epische mehrbändige Werke in allen Sprachen die jegliche Kultur jemals hervorgebracht hatte. Aufgeschrieben von Autorinnen und Autoren, notiert von Forschenden und Reisenden.
In diesem wunderbaren Inselstaat ballte sich die Magie über den Knoten der arkanen Linien der Region. Kaum ein Ort in tausenden Meilen Entfernung war so magisch wie die Gauklerinseln.
Von Zeit zu Zeit, alle paar Jahrhunderte jedoch spürte die Eimaisofos, dass sie gebraucht wurde.
Waren sonst die Mitarbeitenden der Eimaisofos überall auf der Suche nach Schriften und Büchern, Geschichten und Sagen ging sie von Zeit zu Zeit selbst auf die Suche.
Einmal alle dreihundert Jahre gab es eine Bibliothek, die von der Eimaisofos angezogen wurde. Dann streckte sie ihre Fühler aus, spürte, dass eine einzigartige Sammlung an Schriften herrenlos war und verlassen. Dann tat die Eimaisofos Risse auf im Arkanum und holte die vereinsamte Bibliothek zu sich. Schon einige Sammlungen waren so Teil der Eimaisofos geworden. Nur wenige Bibliothekarinnen und Bibliothekare waren so Teil der Eimaisofos geworden.
Tusterfels, Nevenburg
In dem Moment, als Aurelia Zintruf, Gräfin von Tusterfels, Großmeisterin der Nekromantie in den Dunklen Landen ihren letzten Atemzug tat, begann sich die Welt um die Zwergin in der Bibliothek des Schlosses von Tusterfels aufzulösen. Der Boden wankte, das Dröhnen schien nun in ihrem Kopf stattzufinden. Die Welt um sie herum schwankte und sie wurde selbst durchsichtig. Es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde. Die Zwergin kämpfte gegen den Drang an, sich übergeben zu müssen, doch ihre gute Konstitution ließ sie sich sammeln, bevor das passieren konnte.
Ein seltsames Gefühl beschlich sie. Das Gefühl, als ob in der Bibliothek auf einmal etwas fehlte. Als ob die Bibliothek nicht mehr vollständig wäre.
Die Bibliothekarin schaute sich um. Sie schüttelte sich. Nein, hier stand alles an seinem Ort: Pergamente, Bücher, Regale, Artefakte, Tränke, Schriftrollen, Federn, Tinte, Schreibtische, alles war genauso wie sie es seit Jahren kannte. Und doch…
Eine Inventur war nötig. Die Zwergin wusste, dass sie ihrer Intuition trauen konnte. Es fehlte etwas und sie würde nicht eher ruhen, als bis sie es herausgefunden hatte.
Die Stunden gingen dahin und der Zwergin fiel immer noch nichts auf. Alles war an seinem Platz.
Schließlich, nachdem sie das Magengrummeln nun schon mehrere Stunden verdrängt hatte, gab sie dem Hunger nach und entschloss sich, eine Mahlzeit zu sich zu nehmen. Mit einem großen Humpen Bier, ja, das würde gut schmecken.
Sie öffnete die Tür und…
Betrat einen langen Gang mit Regalen und Schreibtischen. Magische Lampen brannten an den Tischen. Menschen und andere Wesen in langen Roben wandelten durch die Flure. Niemand beachtete die Zwergin, die sich kurz schüttelte. Sie schloss die Augen und öffnete sie wieder. Wo war die große Treppe, die zu den Küchenräumen führte? Wo war der dunkle Gang, der in die Labore führte? Wo der Treppenabgang, der in die Verließe führte? Wo waren die Bediensteten, die hier doch warten sollten.
Sie schloss die Augen wieder und öffnete sie, schüttelte sich erneut und ging dann durch die Tür zurück, durch die sie gegangen war. War sie ungewollt durch ein Portal gegangen? Aber nein, sie war wieder in der Bibliothek in Tusterfels. Hier schien alles in Ordnung.
Erneut trat die Zwergin aus ihrer Bibliothek heraus und nun eilte ihr eine junge Frau entgegen. Sie war groß und hatte kurze rötliche Haare. Ganz außer Atem sprach die Frau: „Es tut mir so leid, ich habe zu spät mitbekommen, dass ihr da seid. Die Eimeisofos hat mich gerade erst informiert.“
Die Bibliothekarin staunte. Die was? Dachte sie sich. Nun, sie würde die junge Frau erst einmal reden lassen. Doch sie sprach nicht mehr. Zwerginnen sind ja bekannt für ihr stoisches Vermögen, abzuwarten und ihre Neugier lange zügeln zu können. Doch nach einiger Zeit wurde ihr es doch zu bunt: „Ja, und?“ fragte sie mit hochgezogener Augenbraue.
Die junge Frau lächelte erschrocken und wachte wie aus einem Tagtraum auf. „Oh, entschuldigt. Ja, ihr wisst vermutlich noch gar nichts, obwohl ihr schon vor einiger Zeit angekommen seid. Nun, herzlich willkommen auf Laicirion.“
Nun wusste die Bibliothekarin gar nichts mehr. Natürlich hatte sie über die sagenumwobene Insel der Gaukler bereits gelesen. Natürlich wusste sie, dass Laicirion irgendwo – ja wo eigentlich? – lag. Aber – hä?
Die Fragen schienen der Zwergin in ihr sonst ausdrucksloses Gesicht geschrieben zu stehen.
Daher fuhr die Frau fort. „Ich muss Euch leider mitteilen, dass Aurelia von Tusterfels vor einigen Stunden gestorben ist. Sie ist in einer Schlacht in den Dunklen Landen gefallen. Eimaisofos, unsere Bibliothek, hat daher in ihrer unendlichen Weisheit entschieden, dass diese herrenlose Bibliothek nun Teil von ihr werden soll. Daher seid ihr hier. Ihr könnt natürlich gehen, aber ich denke, wenn ihr erst einmal versteht wer und was Eimaisofos ist, werdet ihr hier nie wieder gehen wollen.
Die Zwergin wurde weiß im Gesicht. Ihre Herrin tot? Die Bibliothek nicht mehr in Tusterfels? Eine andere Bibliothek? Sie seufzte und zuckte mit den Schultern. Nun, sie hatte schon von seltsameren Dingen gelesen.
Und solange sie weiter in ihrer Bibliothek bleiben durfte, würde es ihr recht sein. Und Aureliah würde das auch gefallen. Ein Lächeln ging über das Gesicht der Zwergin bei dem Gedanken an ihre exzentrische Herrin. Ja, Teil einer lebendigen magischen Bibliothek zu sein, das würde sicherlich ganz in ihrem Sinne sein.
Dunkle Lande / Nevenburg
Der Geist Aureliahs löste sich von ihrem Körper. Erstaunt und überrascht beugte er sich über ihren einstigen Körper. „Na sowas“, dachte sie sich. So fühlt sich sterben also an. Was sie wohl mit meinem Leichnam machen werden?
Aber schon beseelte sie ein anderer Gedanke. „Meine Bibliothek!“ Schnell zog es den Geist durch die Sphären. Durch Portale und Welten. Ruhelos trieb er dahin auf der Suche nach ihrer Bibliothek.
Schließlich war sie in Tusterfels angekommen. Doch was war das? Sie strömte durch das Schloss, doch es war nirgendwo eine Bibliothek zu finden. Als ob es in der gesamten Grafschaft nie auch nur ein Pergament gegeben hätte.
Weiter und weiter suchte Aureliahs Geist. Ruhelos schritt sie dahin, doch sie fand keine Spur von ihrer Bibliothek oder ihrer Bibliothekarin. Schließlich gab sie auf und wandte sich an ihren einstigen Meister. Herzog Pathela war nun seltsame Begegnungen gewohnt. Doch seine einstige Schülerin in seinem Turm als Geist willkommen zu heißen, damit hatte er nun nicht gerechnet.
Schließlich bot er ihr einen Platz in seiner eigenen Bibliothek an. Unendliches Wissen für ein unendliches, geisterhaftes Wesen. „Nun,“ dachte Aureliah „da hätte ich es im Tod nun wirklich schlechter treffen können.“
Dachte sie und nahm sich das erste Buch vor, das sie zufällig aus den Regalen griff.