14/12/2025
Literarische Auseinadersetzungen und Wesensbeschreibungen von medizinischen Diagnosen oder, für mich passender bezeichnet, Lebenswelten von Betroffenen, beschäftigen mich seit meiner Tätigkeit auf einer geschlossenen Psychiatischen Abteilung im LKH Lüneburg Anfang der 90er Jahre.
Georg Trakl, Henning Taube, Friedrich Hölderlin, Virginia Woolf, Benjamin Maack, Sylvia Plath, Helmut Krausser, David Foster Wallace, Charles Dickens, Sarah Kane um nur einige zu nennen. Den Werken ist gemein das sie das Leid und die Dynamiken der jeweiligen Krankheiten mehr oder minder offen ins Tageslicht der Öffentlichkeit stellen und damit die Stille des Tabus und des Unwissens zereissen. Und mittels dieser Handlung ist die Chance auf Verständnis und Entstigmatisierung aufgetan. Somit ist für mich jedes dieser sich mittelbar oder auch unmittelbar, weil fiktiv, auf die Diagnose beziehenden Werke eine außerordentlich wichtige Form von Literatur, weil sie, so hoffe ich, zu echter Inklusion und zu Verständnis führen kann.
Thomas Melle hat vor seinem neustem Werk "Haus zur Sonne" einem Roman, bei dem autobiographischen und fiktionale Grenzen verschwimmen, ein Buch seiner bipolaren Schübe zwischen 1999 und 2016 geschrieben ganz ohne Fiktion.
Womit er unmittelbar mit dem ersten Vorurteil abrechnet. Menschen die von Sinnen sind würden sich später nicht mehr an ihre Handlungen erinnern. Zum Teil trifft dies auch zu aber überwiegend nicht und dies ist Quell von großem weiteren schambehafteten Leid.
Auf knapp 350 Seiten elaborierter Auseinandersetzung mit seiner Anamnese nimmt er uns mit in die Sinuskurve seines Lebens zwischen katatonischer Lebenshemmung, überpaceter Schaffenskraft und der Anmaßung des narzistischen Weltenlenkers.
Die Sprache und Bildgewalt ist dabei ein echter Kunstgenuß. Dem Feuerwerk der Worte gelingt es dabei dem Feuerwerkskörper des akut Getriebenen und Betroffenen eine Stimme, eine Darreichungsform zu geben die trotz allen Leids zu höchstem literarischen Genuss führt und zudem wie ein Bonusmaterial und Kommentar zu den bisher erschienenen Werken von Thomas Melle dienen kann.
Dreifach unterstrichene Leseempfehlung...