18/06/2026
Wenn die Maske splittert
Den ganzen Tag trägt sie ihr Lächeln wie eine Krone. Sie spricht laut, füllt Räume mit Worten, sucht Blicke, Bewunderung, und Bestätigung.
Sie eilt von Mensch zu Mensch, von Geschichte zu Geschichte, als müsse sie verhindern, dass die Stille sie einholt.
Tagsüber scheint sie unerschütterlich. Die Welt soll sehen, wie stark sie ist, wie begehrenswert, wie wichtig.
Doch nachts, wenn die Türen geschlossen sind und niemand mehr applaudiert, liegt sie allein unter der Last ihrer eigenen Schatten.
Dann schweigen die Spiegel. Dann fragt niemand mehr, wie großartig sie ist. Dann fallen die Rollen eine nach der anderen zu Boden.
Irgendwo zwischen den zerknitterten Decken und der Dunkelheit des Zimmers entsteht ein feiner Riss. Ein Splittern, so leise, dass es niemand hört.
Die Maske, die sie den ganzen Tag getragen hat, beginnt zu bröckeln. Darunter kein strahlendes Gesicht, kein Triumph. Nur ein müdes Kind, das nie gelernt hat, sich selbst zu lieben.
Ein Herz, das nach Nähe hungert, aber Mauern gebaut hat. Eine Seele, die nach Wärme sucht, aber Kälte verteilt. Für einen Augenblick blickt sie sich selbst an.
Sie ist ungeschminkt, ungeschützt und wirkt n***t, die n***te Wahrheit ihrer eigenen Lügen. Doch noch bevor der Morgen graut, sammelt sie die Scherben ein, klebt sie sorgfältig zusammen und setzt sich die Maske erneut auf.
Niemand soll sehen, wie zerbrechlich sie ist. Und so beginnt ein neuer Tag, laut, geschäftig, glänzend. Während tief in ihrem Inneren der Riss immer größer geworden ist.
(C) Andrea Lange-Weihs