08/05/2024
eine andere Judith
JUDITH - Claudia Tressin (1917-2013), ÖL/LW, 1965, 150X90cm
(Thomas Sello: )
Es ist das warme, rötlich angemischte Braun des Hintergrunds, das die lebensgroß gemalte Figur der Judith bestimmt. Wie so oft bei den Figuren von Tressin sind Kopf und Fuß angeschnitten, trotz des großen Format (150 x 90 cm), denn Judith ist uns ganz nahe gerückt, schaut mit ihren großen dunklen Augen auf uns herab. Ob sie den Kopf des Holofernes bereits abgeschlagen hat? Kein Schwert, kein Zelt, kein Bett – nichts deutet auf die Bluttat hin, die viele Künstler der Renaissance zu berühmten Werken inspirierte, von Donatello bis Giorgione, der dem am Boden liegenden, abgeschlagenen Haupt seine eigenen Gesichtszüge gab, lächelnd unter den Rock seiner tatkräftigen Mörderin blickend.
Doch die Judith von Claudia Tressin verkörpert weder Kraft, Hochmut noch Entschlossenheit. Ihr rechter Arm hängt flach am Körper herab, der linke hält in der Bewegung zögernd inne und die bloßen Füße wollen keinen Schritt tun. Vor oder zurück? Es ist ein Moment der Unentschiedenheit. Hat sie Mitleid mit dem Feldherrn, der bereit wäre, mit dem jüdischen Volk friedlich zusammenzuleben, wenn man ihm die schöne Judith zur Braut gäbe. Die Schönheit hält einfach inne, unbeeindruckt von der Dramatik des Augenblicks. Ist es die Malerin selbst die mitten im Drama das Geschehen unterbricht. Eine Malerin, die auf der Bühne ohne Kulissen (und den Mitspieler) die Pose für eine Szene erprobt? Ist Claudia zurückgekehrt in die Zeit in Kassel, wo sie und ihr Mann 1948 in Bad Wildungen auf den Theaterbrettern standen mit Jean Anouilh s „Antigone?“
Claudia Tressin geht es bei der Judith, wie in den meisten Ihrer Figurenbilder, um klare Formen, kräftige Konturen, die das Gesicht mit den großen Augen, umfangen vom Kopftuch und dem Schwarz der langen Haare, zeitlos vereinfachen. Der vom Licht durchflutete Körper erscheint wie das Standbild einer Heiligen. Hell schimmert die Grundierung durch die locker aufgetragenen Ölfarben. Sie sind so leuchtend, wie sie vermutlich auf dem weißen Porzellanteller standen, auf dem die Malerin häufig ihre Farben mischte. Matisse, so sagt sie, habe sie auf die Idee gebracht, Porzellan statt einer Holzpalette zu benutzen. Henry Matisse sei es auch gewesen, der ihr Mut machte, die Linien zur freien Entfaltung zu bringen, ohne Rücksicht auf Details, Perspektive, Proportionen und Plastizität. Sie genießt die schöpferische Arbeit, egal ob beim spontanen Aquarellieren frischer Blumenstillleben (am liebsten im Garten, selbst gepflegt und gehegt) oder beim meditativen Dialog - literarisch, oft auch religiös - mit der noch unvollendeten Leinwand auf der Staffelei.