12/07/2026
„Wildpferde brauchen doch auch kein Mineralfutter.“
Eines der häufigsten Argumente in der Diskussion um natürliche Pferdefütterung.
Und auf den ersten Blick erscheint es logisch:
Wenn Wildpferde über Jahrtausende ohne Mineralfutter überlebt haben, warum sollte ein Hauspferd eines brauchen?
Die Antwort ist überraschend:
Weil wir oft nur das Ergebnis sehen, nicht aber die Bedingungen, unter denen Wildpferde tatsächlich lebten.
Schauen wir uns diese Bedingungen genauer an.
Mythos: Wildpferde lebten von saftigem Gras.
Die Realität sieht deutlich anders aus.
Freilebende Pferde verbringen einen Großteil ihres Tages mit Futtersuche und Fressen – oft 12 bis 18 Stunden täglich. Ihre Nahrung besteht nicht nur aus Gräsern, sondern je nach Jahreszeit auch aus Kräutern, Seggen, Binsen, Blättern, Trieben, Rinde, Sträuchern und anderen Pflanzenbestandteilen.
Besonders im Winter oder in kargen Regionen weichen Pferde auf deutlich energieärmere Pflanzen aus, darunter verholzte Pflanzenteile, Zweige und Rinde.
Der entscheidende Unterschied:
Die Nahrung war meist deutlich energieärmer als das Futter vieler heutiger Hauspferde.
Moderne Pferde erhalten häufig:
* ertragreiches Weidegras
* gezielt gezüchtete Futterpflanzen
* hochwertiges Heu
* Heulage
* teilweise zusätzlich Kraftfutter
Wildpferde dagegen lebten oft von faserreicher, nährstoffarmer Vegetation mit geringerer Energiedichte.
Was bedeutet das?
Um ihren Energiebedarf zu decken, mussten sie oft deutlich größere Futtermengen aufnehmen und wesentlich länger fressen.
Und genau das wird häufig übersehen.
Denn mit jedem Kilogramm zusätzlicher Pflanzenmasse steigt nicht nur die Energieaufnahme.
Sondern auch die Aufnahme von:
* Spurenelementen
* Mineralstoffen
* sekundären Pflanzenstoffen
Selbst wenn einzelne Pflanzen relativ geringe Gehalte aufweisen.
Hinzu kommt die enorme Vielfalt.
Während viele heutige Pferde über Monate dasselbe Heu aus wenigen Pflanzenarten erhalten, bestand die Nahrung freilebender Pferde aus einer Vielzahl unterschiedlicher Pflanzenarten und Pflanzenteile.
Das bedeutet nicht automatisch, dass Wildpferde perfekt versorgt waren.
Im Gegenteil.
Wissenschaftliche Untersuchungen an freilebenden Pferdepopulationen zeigen sogar, dass die natürliche Nahrung zeitweise Defizite bei Spurenelementen wie Kupfer, Zink oder Phosphor aufweisen kann.
Und damit kommen wir zu einem Punkt, der in solchen Diskussionen oft vergessen wird:
Wildpferde mussten nicht gesund alt werden.
Sie mussten sich nur lange genug fortpflanzen.
In freilebenden Populationen wirken Faktoren, die bei unseren Hauspferden weitgehend fehlen bzw. zumindest weitestgehend fehlen sollten:
* Nahrungsmangel
* Krankheiten
* harte Winter
* Verletzungen
* Parasiten
* Prädation
Viele Tiere erreichen deshalb gar nicht das Alter, in dem sich langfristige Folgen einer suboptimalen Nährstoffversorgung überhaupt deutlich zeigen würden.
Unsere Hauspferde dagegen sollen:
* 25 bis 35 Jahre alt werden
* gesund bleiben
* belastbar sein
* Sport treiben
* Zuchtleistungen erbringen
* möglichst lange leistungsfähig bleiben
Das ist ein völlig anderer Anspruch.
Und noch ein weiterer Unterschied wird häufig übersehen:
Wildpferde bewegen sich täglich über große Strecken.
Sie suchen Wasser.
Sie suchen Nahrung.
Sie weichen Witterung aus.
Sie folgen ihren Sozialverbänden.
Ihr Energieverbrauch liegt dadurch oft deutlich höher als der vieler Hauspferde.
Unsere Pferde leben dagegen häufig auf vergleichsweise kleinen Flächen, erhalten konserviertes Raufutter in hoher Qualität und müssen für ihre Nahrung kaum Energie aufwenden.
Die spannende Erkenntnis lautet daher:
Wenn wir wirklich argumentieren möchten:
„Wildpferde brauchen kein Mineralfutter.“
Dann müssten wir gleichzeitig akzeptieren:
* karge, energiearme Nahrung
* enorme Pflanzenvielfalt
* stundenlange Futtersuche
* deutlich höhere tägliche Bewegung
* geringere Lebenserwartung
* höhere Sterblichkeit
Denn all diese Faktoren gehörten ebenfalls zum natürlichen Lebensraum.
Man kann nicht nur den Teil auswählen, der zur eigenen Fütterungsphilosophie passt.
Die Frage sollte deshalb nicht lauten:
„Was hat für Wildpferde funktioniert?“
Sondern:
„Welche Nährstoffversorgung benötigt mein Pferd unter den heutigen Haltungsbedingungen?“
Denn unsere Pferde leben nicht in der Steppe.
Sie leben in der modernen Pferdehaltung Mitteleuropas.
Und genau dafür sollte die Fütterung ausgelegt sein.